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Grönland Nun sterben die Jäger der Robben

30.10.2009 ·  In Ostgrönland lebt die Hälfte aller Familien von der Jagd. Doch inzwischen sind Robbenprodukte mit einem solchen Stigma behaftet, dass sie niemand mehr kaufen will. So bringen sich die um ihren Lebensunterhalt betrogenen Jäger kurzerhand selbst um.

Von Freddy Langer
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Imposant sei das gewesen, sagt Robert Peroni, als in diesem Sommer die Arctic Sunrise, das Schiff der Umweltorganisation Greenpeace, in der Bucht von Tasiilaq eingelaufen sei – aber auch ein wenig bedrohlich. Was nicht nur an der Größe des Schiffs lag. Greenpeace hat in diesem Teil der Welt keinen allzu guten Ruf. Die Naturschutzbemühungen der Organisation haben nicht unerheblich dazu beigetragen, dass hier einer jahrtausendealten Jägerkultur die Lebensgrundlage entzogen wurde. „Greenpiss“ sprechen die Bewohner im Verwaltungsdistrikt Ammassalik den Namen denn auch gern aus. Was in diesem Sommer vor der grönländischen Ostküste geschehen sein soll, konnten sie nicht anders verstehen denn als Kriegserklärung.

Mit einem Schlauchboot sei ein Greenpeace-Team in wilder Fahrt so lange um einen Jäger und dessen Boot herumgefahren, bis nirgendwo mehr eine Robbe zu sehen war. Ein anderer Jäger sei durch den Tiefflug mit dem Hubschrauber vertrieben worden. Auch als Greenpeace längst wieder die Region verlassen hatte, trauten sich die Männer nicht mehr aufs Meer hinaus. So jedenfalls stellt es Robert Peroni dar, der jetzt nach Deutschland gekommen ist, mit einer Mission im eigenen Auftrag: Umstände zu schaffen, durch die das traditionelle Leben der Inuit wenigstens behutsam und in Würde zu Grabe getragen werden kann. Im Augenblick aber, sagt er, brächten sich die um ihren Lebensunterhalt betrogenen Jäger kurzerhand selbst um. Zwei Selbstmorde pro Woche seien keine Seltenheit – in einer Region mit nur dreieinhalbtausend Einwohnern

Alkoholismus, Gewalt, Kindesmissbrauch

Robert Peroni kam vor fast zwanzig Jahren als Abenteurer und Bergsteiger nach Ostgrönland. Eine Durchquerung des Inlandeises machte ihn berühmt, als Michael Köhlmeier sich dem Gewaltmarsch mit seinem Roman „Spielplatz der Helden“ widmete. Mehrere Versuche, das Inlandeis auch in der endlosen Nacht des arktischen Winters zu überqueren, musste Peroni bei tosenden Stürmen und Temperaturen bis minus 60 Grad wegen Materialschäden abbrechen. Je länger er sich mit der unwirtlichen Natur auseinandersetzte, desto mehr Anteil nahm er am Leben der Bewohner. Deren Probleme waren schon damals nicht zu übersehen. Die Fälle von Alkoholismus, Gewalt in der Familie und Kindesmissbrauch waren kaum zu zählen. Peroni kaufte in Tasiilaq ein Haus und richtete eine Art Sozialstation ein, eine Anlaufstelle zunächst für Kinder, später auch für Erwachsene. Seit einigen Jahren nimmt er in dem Haus Urlauber auf. Gemeinsam mit den Einheimischen hat er Besucherprogramme entwickelt, die auf lange Sicht ein wirtschaftliches Standbein für die Gegend werden könnten.

Noch freilich lebt die Hälfte aller Familien direkt oder indirekt von der Jagd – ein Recht, das ihnen auch durch das Gesetz nicht genommen wird, wonach vom 1. Januar 2010 an der Handel mit Robbenprodukten in der Europäischen Union verboten sein wird. Die Inuit dürfen nach wie vor Robben jagen, das Fleisch essen oder an die Schlittenhunde verfüttern sowie Knochen, Krallen und Felle verarbeiten und verkaufen. Doch sind diese Produkte mit einem solchen Stigma behaftet, dass niemand mehr sie will. So fallen die finanziellen Einnahmen der Jäger in vielen Fällen vollständig weg. Im Laufe dieses Jahres ist bei den staatlich organisierten Auktionen von Great Greenland der Preis für ein Fell von umgerechnet gut 100 Euro auf 30 Euro gesunken; bei der jüngsten Auktion wurde angeblich gar nichts mehr verkauft.

Den Jägern bleibt nur die Sozialhilfe

Fischfang ist für die Inuit keine Alternative. Landwirtschaft ist in der Gegend, in der kein Krümel Erde zu sehen ist, ausgeschlossen. Der Hafen ist neun Monate im Jahr zugefroren; hier wird sich nicht einmal Kleinstindustrie niederlassen. Dass eine neue Verwaltung durch das Verbot von Spirituosen sowie eine verbesserte Schule und Jugendarbeit erste Erfolge präsentieren kann, nutzt den Jägern wenig. Ihnen bleibt nur die Sozialhilfe durch den dänischen Staat – die sie aber aus überkommenem Ehrgefühl oft nicht beantragen wollen. Der Angriff durch Greenpeace auf die Jäger, sagt Peroni, kam deshalb dem Tritt auf jemanden gleich, der längst am Boden liegt.

Iris Menn, die Expeditionsleiterin der dreieinhalb Monate dauernden Fahrt mit der Arctic Sunrise entlang Grönlands Küsten, widerspricht den Vorwürfen heftig. Sie seien unterwegs gewesen, um Daten zu sammeln und die Folgen des Klimawandels zu untersuchen. Angriffe auf Jäger habe es nicht gegeben, sie würden den Prinzipien von Greenpeace zuwiderlaufen: Nie würde man Menschenleben gefährden. Eine Demonstration, zu der sich die Jäger vor ihrem Schiff im Hafen versammelt haben wollen, habe sie nicht wahrgenom- men. Greenpeace setze sich im Gegenteil für die Rechte der Inuit und für deren Subsistenzwirtschaft ein. Man müsse eine Art Label entwickeln, sagt sie, mit denen Inuit-Produkte ausgezeichnet würden. Dafür dürfte es freilich zu spät sein. Zu tief verankert ist das Bild traurig blickender Robben-Babys, als dass ein trauriger Inuit noch jemanden interessieren würde.

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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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