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Gletscher Gefahr von oben

 ·  In diesem Sommer haben die Schweizer Gletscher etwa zwei Meter an Dicke ausgeschwitzt.

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Selten haben die Gletscher so geschwitzt wie in diesem Sommer. Die Viertausender der Berner Alpen sind nicht mehr die Region des ewigen Schnees. Die Kulisse der Eisriesen wirkt seltsam entstellt nach drei heißen Monaten. Man sieht Felsen, wo man sonst nur Weiß sah. Einer braun-grauen Wüste ähnelt die Nordwand des Eiger. Sogar die legendäre Weiße Spinne, das Schneefeld im oberen Teil der schattigen Wand, ist in diesem Jahr verschwunden. Ständig hört man Steine herabdonnern aus dem erwärmten Fels. Von den Hängen des Mönch und der Jungfrau stürzen riesige Bäche hinab in das Trümmletental, als seien die Gletscher riesige Schwämme, die von der extremen Hitze ausgequetscht werden.

Bei der Station Eigergletscher der Jungfraubahn auf 2.300 Meter Höhe muß man weiter denn je gehen, um ein schmutziges Schneefeld zu erreichen. Ueli Frutiger, Bergführer und Rettungschef der Bahn, ist zwar ebenso wie die Flachländer besorgt ob der schnellen Schmelze, doch von Panikmache will er nichts wissen. "Die Medien", so sagt er, "benutzen zu schnell das Wort Katastrophe." Er kennt die Gegend seit 25 Jahren und hat schon stets beobachten können, wie sich der Gletscher zurückzog. "Natürlich ist es nicht schön, wenn sich so viel ändert, doch als Bergler sind wir gewohnt, uns anzupassen. So ist nun einmal die Natur." Bei aller äußerlichen Gelassenheit, die natürlich auch der Beruhigung der Touristen dienen soll - so ganz unbesorgt ist auch Frutiger nicht. Seine Sorge ist nicht so sehr, daß schmelzende Gletscher das Berner Oberland einer großen Attraktion berauben. Es ist eher die Angst, daß erwärmter Fels riesige Eismassen abstürzen läßt. Daher kümmert er sich darum, daß auf den Moränen unterhalb der Station Eigergletscher die Warnschilder für Wanderer wieder aufgerichtet werden, die auch im Sommer auf Lawinengefahr hinweisen.

Fotografisch überwacht

Die Gefahr lauert tausend Meter höher. Da hängt ein Gletscher in der steilen Westwand des Eiger, der vor der Klimaerwärmung ein Mauerblümchen-Dasein führte. Er hatte nicht einmal einen richtigen Namen. Seit 1990 ist der 600 Meter lange Gletscher berühmt bei den Glaziologen. Damals lösten sich etwa 100.000 Kubikmeter Eis. Seitdem beobachtet eine Kamera diesen Hängegletscher. Alle drei Tage macht sie eine Aufnahme. Demnächst wird man sogar eine Digitalkamera installieren, damit Forscher an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) Zürich täglich die Situation analysieren und Eislawinen frühzeitig erkennen können.

Die Jungfraubahn fürchtet zwar nicht um ihre Station, denn die scheint recht sicher. Ein größerer Abbruch von bis zu einer Million Kubikmeter Eis könnte jedoch gefährlich werden für Wanderer und im Winter für Skifahrer. Diese Gefahr wird mit der Erwärmung immer wahrscheinlicher. Der Gutzgletscher, ein anderer Hängegletscher, der in den Flanken des Wetterhorns sitzt und ebenfalls schon Mitte der neunziger Jahre einen Eissturz brachte, bedroht die Straßen oberhalb von Grindelwald an der Großen Scheidegg.

Folgen des Gletscher-Rückgangs erst heute wahrgenommen

Als vor fünf Jahren im Auftrag der Schweizer Regierung ein Forschungsbericht (NFP 31) über Klimarisiken in den Alpen erschien, da fand er kaum öffentliche Resonanz, obwohl die Wissenschaftler schon damals auf die dramatischen Folgen des Gletscher-Rückgangs hinwiesen. Der Hitzesommer 2003 hat die Wahrnehmung schlagartig verändert. Er bot einen Blick in die Zukunft, auf einen vielleicht bald grauen, gletscherlosen Berghorizont. Seitdem ist es keine graue Theorie mehr, daß bis 2100 vielleicht drei Viertel aller Schweizer Gletscher verschwunden sind. In den anderen Alpenländern sieht es ähnlich aus: Auf dem Marmolada-Gletscher in den italienischen Alpen kann man seit kurzem nicht mehr Ski fahren, die Skistation auf dem mit 3265 Metern höchsten Dolomitenmassiv mußte geschlossen werden; der größte französische Gletscher, die Mer de Glace bei Chamonix, hat sich innerhalb der vergangenen Jahrzehnte um zwei Kilometer zurückgezogen, und am Montag wurden im Montblanc-Massiv zwei Männer tot aufgefunden, die Mitte Juli von einem mehrere Tonnen schweren Eisklotz getötet wurden, der durch die Hitze von einem Gletscher abgebrochen war; aus Österreich schließlich meldet der Forscher Heinz Slupetzky, die Gletscher seien grau und schmutzig und bis über 3000 Meter ausgeapert, also nahezu schneefrei. Überall das gleiche Bild: An der Eisoberfläche schießen zahlreiche Bäche talab, die Gletscherbäche führen soviel Wasser wie nie.

Der Zürcher Glaziologe Martin Funk schätzt, daß in diesem Sommer die Gletscher etwa zwei Meter an Dicke verloren. Das entspricht dem Vierfachen normaler Sommer. Einen derartigen Verlust an Gletschermasse kann selbst ein schneereicher Winter nicht mehr ersetzen. Seit 1850 hat die Eismächtigkeit der Schweizer Gletscher um durchschnittlich 19 Meter abgenommen, ist das gesamte Eisvolumen des Landes bereits um etwa ein Drittel geringer geworden.

Nicht nur Eis, auch Felsen lockern sich

Die Hitze setzte nicht allein den Gletschern zu, auch die Felsen lockerten sich. Das zeigte etwa der große Felssturz im Juli am Matterhorn, der drei Tage lang zur Sperrung der Normalroute über den Hörnligrat führte. Ursache dafür ist der Anstieg der sogenannten Permafrost-Grenze. Weil wochenlang die Nullgradgrenze weit über 4.000 Meter lag, sind jene Böden aufgetaut, die gewöhnlich selbst im Sommer gefroren sind. Sie liegen in den Schweizer Alpen meist in Höhen von 3.000 bis 3.500 Metern, umfassen also meist Vorfelder der Gletscher. Man schätzt, daß etwa sechs Prozent der Fläche in der Schweiz von Permafrost-Böden gebildet werden. Sie reagieren äußerst sensibel auf eine Klimaerwärmung.

Ein Anstieg dieser Grenze hat gravierende Folgen, und zwar vor allem dann, wenn Eis und Fels zusammengefroren sind. Dann lockert sich der Boden. Das haben bereits einige Bergbahnen in diesem Sommer zu spüren bekommen, etwa am Gornergrat in Zermatt und am Gemsstock oberhalb von Andermatt. Die Fundamente der Bergstationen senkten sich, so daß einige Gebäude nun leicht schief stehen.

Warme Sommer schaffen Probleme

Wenn die Sommer wärmer werden und die Permafrost-Grenze steigt, dann werden nicht allein die Bergbahnen ihre Stationen und Masten für viel Geld stabilisieren müssen. Die gesamte Schweiz wird Probleme bekommen. Weil sich Verankerungen von Lawinen-Verbauungen lösen könnten, steigen die Gefahren für hochgelegene Wintersportorte. Ferner ist zu erwarten, daß es in manchen Hochtälern zu einer stärkeren Erosion von Hängen kommt, also zu Fels- und Erdrutschen. Das Abschmelzen der Gletscher hat aber auch direkte finanzielle Auswirkungen. "Die Konsequenzen der Klimaerwärmung treffen die Schweiz ins Mark", sagt Philippe Roch, der Direktor des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) in Bern. Man kann im Sommer künftig nicht mehr so viel Strom aus Wasserkraft produzieren. Flüsse wie Rhône, Aare oder Reuss, die jetzt wegen der Gletscherschmelze viel Wasser führen, könnten ähnlich dünne Rinnsale werden - wie so manche Flüsse im Schweizer Mittelland.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2003, Nr. 191 / Seite 9
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