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Gefährlicher Smog Die Sonne über Delhi ist verschwunden

Seit mehr als einer Woche haben die Bewohner Delhis keinen Schatten mehr gesehen: Dichter Smog liegt über der indischen Hauptstadt. Aber die Bürgermeisterin fühlt sich nicht zuständig.

© dapd Vergrößern Schön tief einatmen: Diesen Kickern in einem Park mitten in Delhi scheint der Smog die Spiellaune nicht zu verderben

Der Bügler von Jorbagh kneift die geröteten Augen zusammen und verzieht das Gesicht: „Der ganze Kopf - fürchterliche Schmerzen“, sagt er. Dann schlägt er sich an die Brust und atmet schwer aus: „Husten, den ganzen Tag.“ Schließlich fasst er sich an den Unterbauch: „Auf den Magen schlägt er auch.“ Er, das ist der Smog - der wohl schlimmste Smog, den Delhi je erlebt hat.

Jochen Buchsteiner Folgen:    

Der Bügler, sein Name ist Ashok, arbeitet auf der Straße. Die Wäsche türmt sich auf dem nackten Beton, in einem Feuer glühen Kohlen. Wenn das Bügeleisen kalt wird, füllt Ashok Kohlen nach und beugt sich wieder über das steinerne Bügelbrett. Die Zeitungen, die dem jüngsten Smog in Delhi viele Seiten widmen, liest der Bügler nicht, aber er kennt den Smog auch so, er steht mittendrin: „Am schlimmsten ist es morgens und abends, wenn die meisten Autos auf der Straße sind.“

Die schmutzigste Metropole der Welt

Zwei Gassen weiter, im „A1 Store“, hat man die Zeitungen gelesen. „Es liegt an den Bauern im Umland, die ihr Stroh verbrennen“, weiß der Gehilfe, der die Lebensmittel aus dem Regal holt. Die Information hat er von Sheila Dikshit, der Bürgermeisterin, die in Delhi zugleich „Chief Minister“, also Ministerpräsidentin ist. Unter dem wachsenden Druck verärgerter Bürger hatte sie sich am Vortag an die Presse gewandt - und mit dem Finger weit aus ihrem Zuständigkeitsgebiet hinaus gewiesen. Zur Verantwortung zu ziehen seien die umliegenden Bundesstaaten Haryana, Uttar Pradesh und Punjab, meint sie. Die Regierungen dort sähen tatenlos zu, wie Felder abgefackelt würden, und hätten überdies ihr Pensum im Straßenbau nicht geschafft - deswegen fuhren die Lastwagen nicht auf den seit langem geplanten Umgehungsstraßen, sondern mitten durch Delhi. Frau Dikshit hätte das alles auch in vier Worten ausdrücken können: Ich bin nicht schuld.

Das sehen viele anders, nicht zuletzt die Fachleute aus dem „Centre for Science and Environment“ (CSE) in Delhi. Der immer schlimmere Smog komme einfach von immer mehr Autoabgasen, sagt Anumita Roychowdhury, die beim CSE die Verkehrsabteilung leitet. Jetzt rechnete sie vor, dass in der indischen Hauptstadt Tag für Tag 1100 Fahrzeuge neu zugelassen werden. Das sind mehr als doppelt so viele wie in den Jahren vor der Einführung des ersten ernstzunehmenden Umweltschutzprogramms, als ein Großteil der städtischen Busse und Taxis auf Gas umstellen musste. 60 Prozent aller Neufahrzeuge verbrennen heute Diesel, moniert Roychowdhury und fügt an: „Andere Länder vermeiden extremen Smog mit entschlossenem Durchgreifen - warum kann Delhi das nicht?“ Die Auswirkungen des Nicht-Könnens sind bis ans andere Ende der Welt zu spüren. In Frankfurt etwa entschuldigte sich am Dienstag der Kapitän des Lufthansa-Fluges 760 vor dem Start dafür, dass die Passagiere nicht, wie angekündigt, in der neuesten Boeing sitzen, sondern in einem alten Modell, in dem man nun leider zusammenrücken müsse. Der „Nebel“ in Delhi sei so dicht, dass die Richtwerte des neuen Flugzeugs für eine Landung nicht ausreichten, erklärte er den staunenden Passagieren.

Normalerweise setzt „der Nebel“ in Delhi erst nach dem Hindufest Diwali ein, das am kommenden Dienstag gefeiert wird. In diesem Jahr ist er nicht nur früher gekommen, er ist auch giftiger als je zuvor. Ein vorzeitiger Kälteeinbruch und Windstille haben bewirkt, dass sich die Schadstoffe wie unter einer Glocke sammeln und verdichten. Der Feinstaubanteil ist laut CSE in den vergangenen elf Jahren um 47 Prozentpunkte gestiegen - auf 281 Mikrogramm pro Kubikmeter. Damit liegt die Schadstofflast schon zu normalen Zeiten siebenfach über dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm. Der Ausstoß giftiger Stickoxide stieg in derselben Zeitspanne sogar um 57 Prozentpunkte, und der Ozon-Gehalt der Luft wurde ebenfalls größer. Wissenschaftler der amerikanischen Universität Yale ernannten die indische Hauptstadt zur schmutzigsten Metropole der Welt.

Letzte Hoffnung Oberster Gerichtshof

Seit mehr als einer Woche haben die Bewohner Delhis keinen Schatten mehr gesehen. Die Sonne lässt sich hinter dem gelblichen Dunst nur noch vermuten. Überall blickt man in verquollene Augen, Gespräche ähneln einem Dauerräuspern. Asthmatikern wird seit Beginn des Monats empfohlen, in den Häusern zu bleiben. Die einzige Maßnahme, zu der sich Bürgermeisterin Dikshit bislang durchringen konnte, war die Aufforderung, beim Hindufest Diwali keine Feuerwerkskörper abzubrennen.

Überschattet wird das diesjährige Lichterfest nicht nur vom giftigem Nebel, sondern auch von einer ungewohnt heftigen Dengue-Welle. Das unter Umständen lebensbedrohliche Tropenfieber, das besonders gefährlich für Kinder ist, hat in dieser „Saison“ schon mehr als 1100 Personen in Delhi aufs Krankenbett gezwungen, unter ihnen zahlreiche „Expats“ aus dem Westen. Ärzte vermuten, dass die tatsächliche Zahl der Patienten noch viel höher ist. Auch gegen diese Plage unternimmt die Stadtregierung weniger, als sich die Bürger wünschen. Das Programm, die Brutstätten für die gefährliche Dengue-Mücken unschädlich zu machen, kommt nur schleppend voran. Schuld ist aus Sicht Frau Dikshits die untergeordnete Verwaltung, die wiederum überwiegend von der oppositionellen BJP regiert wird. Sie komme ihrer Verantwortung für die städtische Sauberkeit nicht nach, klagte Dikshit.

Letzte Hoffnung vieler Bewohner Delhis ist jetzt die Justiz. Am Dienstag erhörte der Oberste Gerichtshof die Hilferufe der Smog-Geschädigten und kündigte an, sich der Sache anzunehmen. „Wir sind besorgt - mit jedem Tag steigen die Werte“, sagte der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, Richter Altamas Kabir nicht ohne den Hinweis auf seinen starken Husten. Die Hintergründe der immer schlimmer werdenden Luftverschmutzung müssten nun endlich untersucht werden.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.11.2012, 03:17 Uhr