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Ford Falcon : Kultauto und Todesbote

  • -Aktualisiert am

In Buenos Aires ist der „Falke“ auch zwei Jahrzehnte nach Produktionsstopp noch häufig zu sehen. Bild: Josef Oehrlein

Der Ford Falcon ist seit fünfzig Jahren der Star auf den Straßen Argentiniens. Gebaut wird er seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, ein Hingucker bleibt er allemal.

          Auch wenn er schon Rost angesetzt hat, strahlt er noch immer würdevolle Eleganz aus. Für ein Auto, das seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gebaut wird, begegnet man dem Ford Falcon in Argentinien noch erstaunlich oft. Vor fünfzig Jahren, 1962, wurden die ersten Exemplare ausgeliefert. In den Vereinigten Staaten war der Ford drei Jahre zuvor neu auf den Markt gekommen. Seit den frühen sechziger Jahren ist der Ford Falcon auf Argentiniens Straßen der unbestrittene Star. Mehr als 490000 Wagen haben die Fabrik in dem Ort Pacheco in der Provinz Buenos Aires verlassen. Viele der noch fahrtüchtigen Fords fahren nicht nur bei Oldtimertreffen vor, sondern versehen für ihre Besitzer noch immer treu den Alltagsdienst.

          Im Jahr 1913 hatte Ford beschlossen, die erste Filiale in Lateinamerika in Argentinien anzusiedeln; es war erst die zweite Filiale im Ausland. Der legendäre Ford T, in einem Werk im Hafenviertel La Boca gebaut, war der erfolgreiche Vorgänger des „Falken“. Ford Motor Argentina hatte 1961 zunächst zwei Exemplare aus den Vereinigten Staaten testweise eingeführt, bevor die Produktion anlief. Der Öffentlichkeit wurde der Falcon, der kleiner war als die gewaltigen Straßenkreuzer, aber ebenso bequem und vor allem elegant, im Februar 1962 standesgemäß, wie es sich für einen Star gehört, vorgestellt: in einem Theater, dem „Gran Rex“ in Buenos Aires - allerdings noch als getreue Kopie seines amerikanischen Vorbilds. Argentinisch waren immerhin die Reifen und die Polsterung. Von diesen Ur-Originalen haben nur wenige überlebt.

          Modischen Veränderungen entzog sich der Falcon auch als Argentinier. Er blieb dem Urmodell von 1959 weitgehend treu. In der Anfangszeit wurden noch in größerer Zahl aus den Vereinigten Staaten importierte Teile verarbeitet. 1973 erhielt der Falcon rechteckige Scheinwerfer. Zierleisten an den Seiten blieben der einzige Zierrat. Der Metall-Kühlergrill wurde immer wieder kosmetisch überarbeitet, seit 1978 gab es ihn auch in Plastik. Die Motoren waren unverwüstliche Sechszylinder mit 3,0 oder 3,6 Liter Hubraum. Charakteristisch war für den Ford die Lenkradschaltung (zunächst nur drei, später auch vier Gänge), am Ende kamen Knüppelschaltung und Automatik-Schalthebel hinzu. 1991 wurde die Produktion in Pacheco aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

          Bilderstrecke

          Außer dem Standard-Modell sind eine „De-Luxe-Version“ mit vier statt zwei Scheinwerfern, Zierleisten und einer durchgängigen Bank auch vorne, eine sportliche Variante („Sprint“), ein Falcon als ländliches Nutzfahrzeug („Ranchero“) mit offener oder geschlossener Ladefläche sowie ein Caravan („Rural“) gebaut worden. Das im Vergleich zu heutigen Wagen ungewöhnlich große Lenkungsspiel wollte ebenso beherrscht werden wie die mangelnde Spursicherheit bei höherer Geschwindigkeit. Die „sportlichen“ Falcons konnten bis zu 180 Kilometer in der Stunde erreichen. Der Falke war für die damaligen Verhältnisse nicht allzu durstig: Der durchschnittliche Benzinverbrauch lag etwa zwischen acht und zehn Liter auf 100 Kilometer.

          Eingefleischte Falcon-Fahrer beteuern, dass sie ihr Wagen nie im Stich gelassen hat. So beschwor ein Fahrer seinen Falcon, als das Gefährt auf der Fahrt von Buenos Aires in das 300 Kilometer entfernte Rosario schlappmachen wollte: „Ich schenke dir alle Liebe dieser Welt, ich striegele dich und lasse es dir an nichts fehlen. Und was tust du mir an?“ Der Falcon hatte ein Einsehen und fuhr weiter. Ausgedienter Falcons entledigen sich ihre Besitzer oft dadurch, dass sie die Wagen einfach am Straßenrand stehenlassen. Dann rosten sie entweder vor sich hin, oder sie werden von Autodieben abtransportiert, die sie ausschlachten und noch gebrauchsfähige Teile vermarkten. Die Farbpalette war im Lauf der Jahre erstaunlich vielfältig. Die gelb und knallrot angestrichenen Falcons waren am auffälligsten. Ein mulmiges Gefühl beschlich viele Argentinier, wenn, meist paarweise, grüne Falcons vor ihnen erschienen, die zumeist auch keine Kennzeichen trugen. Es waren die Fahrzeuge, in denen während der Diktatur zwischen 1976 und 1983 Tausende Personen entführt wurden. Die Schergen der Junta waren stolz auf die Wagen. Vorzugsweise im Morgengrauen warfen sie ihre gefesselten und mit Kapuzen der Orientierung beraubten Opfer in den Kofferraum und brachten sie in die geheimen Folterzentren. Der Falcon wurde zum „Wagen des Todes“.

          Ende 1977 verstärkte die Junta ihre Falcon-Flotte. Per Anordnung Nummer 3630/77 verfügte der damalige Innenminister General Albano Harguindeguy den geheimen und direkten Ankauf von 90 „nicht identifizierbaren“ Falcons. Jeder Wagen kostete den Staat 7593 Dollar. Da die Falcons bei den Einsätzen stark abgenutzt wurden, musste immer wieder Ersatz nachbestellt werden. Im Jahr 2003 machten einige dieser grünen Falken noch einmal von sich reden, als die Marine sie von der Stadtbank in Buenos Aires versteigern lassen wollte. Die Freunde des Falken nehmen dem Wagen das düstere Kapitel seiner Geschichte nicht übel. „Der Falcon hat niemandem etwas getan“, sagen sie. „Er ist missbraucht worden.“

          Quelle: F.A.Z.

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