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Flutkatastrophe in Asien Die Trauminsel war zerstört, bevor das Wasser kam

28.12.2004 ·  Seit „The Beach“ auf der thailändischen Insel gedreht wurde, nahm der Ansturm der Touristen immer weiter zu. Zuletzt platzte Tonsay Village, das Touristendorf auf Phi Phi Don, schier aus allen Nähten.

Von Andreas Obst
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Die Suche nach dem perfekten Ort ist ein Grundantrieb der Urlaubsindustrie. Darüber, was das Ideale dieses Orts ausmacht, einigt man sich bei aller Verschiedenheit eigenartig schnell. Es ist eines der Ewigkeitsbilder des Tourismus überhaupt: Sonne, Sand, Palmen, glasklares Wasser, von sanfter Brise gekräuselt. Und weit und breit niemand in Sicht, der diese Idylle stören würde.

Je entschiedener sich der organisierte Tourismus die Welt erschlossen hat, desto dringlicher erscheint die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, Unschuldigen, Unberührten. Sie nagt am Bewußtsein zumal ganz junger Reisender, der sich immer wieder selbst erneuernden internationalen Gemeinde der Traveller. Längst ist das englische Wort zum Begriff, ja zur Chiffre für eine Philosophie des Unterwegsseins geworden. Der deutschsprachigen Klientel dienstbar wurde es mit der Veröffentlichung der ersten Alternativreiseführer in den siebziger Jahren. Darin schilderten freiwillig Mühselige und Beladene, was ihnen in der Fremde so alles widerfuhr. Dem Traveller ist das Unterwegssein, allein oder mit Gleichgesinnten, eigentliches Ziel - und das Erzählen davon nachträglicher Zweck. Wer reist, will davon berichten. Auch das ist ein Urreflex des Tourismus.

Maya Bay Schauplatz der Verfilmung von "The Beach"

So wurde der Traveller zum Pilotfisch der Pauschalurlaubsindustrie. An Stränden, die er entdeckte, reihen sich inzwischen Clubanlagen; im Meer, in dem er einst ganz für sich schnorchelte, fahren heute Glasbodenboote, und an Bord bekommt man beim Entdecken der submarinen Flora und Fauna nicht einmal mehr nasse Füße. Ein perfekter Ort war einst die Insel Phi Phi, zwei Stunden mit der Fähre in die türkisfarbene Andamanensee südöstlich von Phuket.

Die Ferieninsel im Süden Thailands ist heute das wichtigste Badeurlaubsziel des Landes, überlaufen und deshalb für eigentliche Strandentdecker allenfalls noch Zwischenstation oder Ausgangspunkt. Etwa auf dem Weg nach Phi Phi, genauer: der Insel Phi Phi Don mit ihren halbmondförmig geschwungenen Buchten Ton Say und Dalum, die einander Rücken an Rücken ihre schönen Strände zukehren, und der unbewohnten kleineren Schwesterinsel Phi Phi Le. An ihrer Westseite liegt Maya Bay, gerahmt von steilen Kalksteinwänden. Vom offenen Meer ist die Bucht abgeschlossen bis auf eine schmale Durchfahrt, gerade breit genug für ein Boot. Maya Bay wurde 1998 zum Hauptschauplatz der Verfilmung von Alex Garlands Roman "The Beach".

Im Visier der Rucksackreisenden

Mit dem Hollywood-Film, der auch in unseren Kinos erfolgreich war, erhielt die Sehnsucht nach dem perfekten Ort konkrete Anschauung, die Vorstellung ihre neueste Entsprechung in der Wirklichkeit. Denn tatsächlich wurde der Roman des jungen Engländers gleich nach seiner Veröffentlichung zur Bibel der allerjüngsten Traveller-Generation. Die Leser hatten einfach übersehen, daß Garlands flotte Schilderung der Suche seines Erzählers Richard - im Film dargestellt von Leonardo DiCaprio - nach einem geheimnisvollen Strandidyll auf einer nicht näher bezeichneten Insel in Thailand gesteuert war vom sarkastischen, ja vernichtenden Blick auf die kurzsichtige Weltanschauung des Travellers, der als Massenphänomen nicht weniger zerstörerisch wirkt als der von ihm verachtete Pauschaltourist.

Tatsächlich liegt die Zeit von Phi Phi als in sich ruhende Idylle lang zurück. Als die beiden Inseln Anfang der achtziger Jahre von der Regierung zu Naturschutzgebieten erklärt wurden, war Phi Phi Don bereits ins Visier der Rucksackreisenden geraten. Immerhin funktionierte jahrelang das Nebeneinander von Fischerhütten und eilig für den Tourismus errichteten Unterkünften, Taucherausrüstungsläden und Internet-Cafés reibungslos, was sich wohl vor allem der Nachsicht und Toleranz der einheimischen muslimischen Bevölkerung verdankte.

Strand übersät mit Trümmern und Leichen

Die Stimmung schlug jäh um, als das amerikanische Filmteam ankam, um das Buch vom Strand Bild werden zu lassen. Doch die Proteste der Einheimischen gegen vermeintliche Umweltfrevel der Fremden verfingen nicht. Den Amerikanern war vor allem vorgeworfen worden, für die Dreharbeiten Dünen planiert und Palmen gepflanzt zu haben. Dabei hoben die Filmemacher ihrerseits hervor, sie hätten den Strand erst von drei Tonnen angeschwemmten Mülls reinigen müssen, bevor sie überhaupt mit den Dreharbeiten beginnen konnten. Im Kino sah Phi Phi aus wie das Paradies, auch wenn die Geschichte für seine Bewohner, Aussteiger aus allen Ecken der Welt, gar nicht gut endete.

Der Ansturm vor allem jugendlicher Fans des Strand-Mythos und Leonardo DiCaprios wurde seitdem immer stärker. Zuletzt platzte Tonsay Village, das Touristendorf auf Phi Phi Don, schier aus allen Nähten, am Strand stapelte sich der Müll. Von der Flutwelle, die über den Süden Thailands hereinbrach, wurde die ungeschützt im Meer liegende Doppelinsel schwer getroffen. Der Strand war übersät mit Trümmern und Leichen. Bis gestern mittag zählte man dreihundert Tote. Bei einem Drittel von ihnen handele es sich um Ausländer, hieß es aus dem thailändischen Innenministerium.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2004, Nr. 303 / Seite 8
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