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Sonntag, 19. Februar 2012
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Flora Früher Herbst für die Roßkastanie

15.06.2005 ·  Die Kastanienbäume kränkeln seit einigen Jahren. Ein Grund dafür ist die recht unauffällige Miniermotte. Sie nagt sich durchs grüne Blattgewebe. Doch es besteht Hoffnung auf eine biologische Bekämpfung.

Von Diemut Klärner
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Ob im Park oder am Straßenrand - seit einigen Jahren kränkeln die Roßkastanien sichtlich. Zwar treiben sie im Frühjahr noch frisches Grün und schmücken sich mit weißen Blütenkerzen. Von der Roßkastanien-Miniermotte befallen, wird ihr Laub jedoch vorzeitig braun. Dabei bleiben die Blattrippen ebenso unversehrt wie die äußere Zellschicht. Die Raupen nagen sich nur durchs grüne Blattgewebe.

Da jährlich drei, mitunter sogar vier Generationen heranwachsen, wird gegen Ende der Saison die Verpflegung knapp. Nicht selten sind dann mehr als achtzig Prozent der Blattfläche zerstört. Trotzdem besteht keine Hoffnung, daß sich die gefräßigen Insekten auf diese Weise selbst das Wasser abgraben. Denn ein Teil ihrer Sprößlinge bereitet sich schon im Frühling aufs Überwintern vor. Selbst wenn die gesamte Herbstgeneration verhungern sollte, schlüpfen im nächsten Jahr genügend Motten, den Fortbestand der Art zu sichern. Das haben Untersuchungen gezeigt, die Jona Freise vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gemeinsam mit Werner Heitland von der Technischen Universität München vorgenommen hat ("Senckenbergiana biologica", Bd.84, S.61).

Unauffällige Übeltäter

Daß die Plagegeister nicht schon längst eingehend erforscht sind, hat seinen guten Grund: Erst 1984 wurden sie in Mazedonien entdeckt. Dem Ohrid-See in der Nähe des Fundorts verdankt die Roßkastanien-Miniermotte den wissenschaftlichen Namen Cameraria ohridella. Als die Biologen auf sie aufmerksam wurden, hatte sie schon ihren Siegeszug durch Europa begonnen. In Österreich tauchte sie 1989 auf, in Bayern 1993. Seit der Jahrtausendwende ist sie in Deutschland allgegenwärtig und mittlerweile bis nach Frankreich und Dänemark vorgedrungen.

So unübersehbar die Kastanienbäume geschädigt werden, so unauffällig sind die Übeltäter selbst. Verborgen in Blättern, die verwelkt am Boden liegen, verbringen sie den Winter. Wenn die Falter, unscheinbar bräunlich mit hellen Querstreifen auf den Flügeln, dann im Frühjahr aus der Puppenhülle schlüpfen, erweisen sie sich als wenig mobil. Meist legen sie ihre Eier an bodennahen Zweigen ab. Erst die zweite Generation bevölkert auch höhere Stockwerke der Baumkrone. Aus eigener Kraft kommen die kleinen Motten anscheinend nicht weit. Vermutlich werden sie aber häufig vom Wind verweht oder reisen als blinde Passagiere im Straßenverkehr.

Robuste Plagegeister

Frisch geschlüpfte Roßkastanien-Miniermotten leben kaum länger als eine Woche. In dieser Zeit produzieren die Weibchen durchschnittlich zwei Dutzend Eier. Wie viele davon zu einer neuen Generation heranwachsen, hängt vor allem von der Verpflegung ab. Im Spätsommer wird ein Großteil der Eier auf stark zerfressenen Blättern plaziert. Wenn die Raupen dort statt auf frisches Grün auf Spuren ihrer Vorgänger stoßen, müssen sie darben. Die Überlebenden verpuppen sich schließlich in ihrem Fraßgang. Doch nicht alle entwickeln sich schnurstracks zum Falter. Etliche lassen sich Zeit. Eingesponnen in einen Kokon, harren sie bis zum nächsten Frühjahr aus. So schlüpfen manche Miniermotten mehr als zehn Monate später als ihre eiligen Altersgenossen. Zum Überbrücken dieser Wartezeit benötigen sie üppige Reserven. Aus jeder Generation überwintern deshalb nur besonders wohlgenährte Exemplare.

Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius im Sommer überstehen die verpuppten Motten ebenso unbeschadet wie minus 29 Grad im Winter. Jahr für Jahr erscheinen sie deshalb in großer Zahl. Am meisten hat die europäische Roßkastanie (Aesculus hippocastanum) unter diesen Plagegeistern zu leiden. Nordamerikanische Roßkastanien, in Parks und Gärten weit seltener angepflanzt, werden jedoch keineswegs verschmäht. Und bisweilen nagen sich die Raupen der Miniermotte sogar durch Ahornblätter, gedeihen also ganz ohne Roßkastanien.

Die Partnersuche der Motten erschweren

Weshalb sich die Miniermotte seit zwanzig Jahren so rapide ausbreitet, bleibt ebenso rätselhaft wie ihre Herkunft. Bislang gibt es keinen Beleg dafür, daß sie aus Ostasien oder Nordamerika eingeschleppt wurde, wie einige Forscher glauben. Vielleicht ist sie von jeher in abgelegenen Schluchtwäldern des östlichen Balkans zu Hause. In diesen Refugien hat die europäische Roßkastanie das Eiszeitalter überdauert. In anderen Teilen Europas wird sie seit Jahrhunderten angepflanzt. Ihre große Beliebtheit verdankt sie ihren dekorativen Blütenständen und ihren Früchten, die Schweinen und Hirschen als Futter dienen. Wenn Roßkastanien von der Miniermotte angeknabbert werden, sind sie zwar nicht unmittelbar vom Absterben bedroht. Die betroffenen Bäume tragen jedoch weniger Blüten und Früchte. Schon im Hochsommer herbstlich gefärbt, bieten sie in Parks und Gärten ein trauriges Bild.

Wie man die destruktiven Motten in Schach halten könnte, beschäftigt Wissenschaftler aus ganz Europa, die in dem Projekt Contracom (Control of Cameraria ohridella) zusammenarbeiten. Um herauszufinden, wie zahlreich die Plagegeister sind, hat man Fallen mit artspezifischen Lockstoffen entwickelt. Künftig lassen sich solche Duftstoffe vielleicht auch dazu nutzen, die chemische Kommunikation der Miniermotten zu stören und ihnen so die Partnersuche zu erschweren.

Den Weg versperren

Einiges läßt sich auch jetzt schon zur Schadensbegrenzung unternehmen. Wer im Herbst die welken Blätter unter einem Kastanienbaum zusammenfegt und wegschafft, kann die Motten lokal dezimieren. Allerdings werden dabei auch Schlupfwespen und andere Parasiten vernichtet, denen ein - wenn auch kleiner - Teil der Roßkastanien-Miniermotten zum Opfer fällt. Forscher der Universität Bern haben unlängst ein Verfahren entwickelt, das den Schlupfwespen zugute kommt ("Biological Control", Bd.32, S.191).

Im Herbst wird das verseuchte Kastanienlaub in kleinen Containern gesammelt. Da die Löcher der Containerwände mit feiner Gaze abgedeckt werden, ist den schlüpfenden Miniermotten der Weg nach draußen versperrt. Die parasitischen Wespen sind dagegen klein genug, durch die Maschen zu kriechen. So können sie ausschwärmen und die Raupen auf benachbarten Kastanienbäumen heimsuchen.

Quelle: F.A.Z., 16.06.2005, Nr. 137 / Seite 34
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