Flamingos sind Hingucker. Das liegt an ihrem zart hellrosa bis kräftig rot leuchtenden Gefieder. Und es liegt an der mitunter grotesk wirkenden Gestalt, den langen dünnen Beinen, dem geschwungenen Hals und dem klobigen Schnabel. Auf den ersten Blick glaubt man, dass die fünf Arten dieser Vogelfamilie nur Bewohner tropischer Klimazonen sein können. Dabei gibt es sie auch in gemäßigten Breiten.
Riesige Scharen von Zwergflamingos sieht man an den ostafrikanischen Salzseen, Kuba-Flamingos an den Küsten der Karibik-Inseln. Doch schon die drei anderen südamerikanischen Arten (James- oder Kurzschnabel-Flamingo, Anden-Flamingo und Chile-Flamingo) bewohnen zum Teil Lebensräume, in denen die Temperaturen zeitweilig unter den Gefrierpunkt fallen. Und nun kommt in Europa immer öfter der Rosa-Flamingo vor.
Mit bis zu 150 Zentimetern ist der „Große Flamingo“ der größte von allen. „Phoenicopterus ruber roseus“ ist erstaunlicherweise mit „Phoenicopterus ruber ruber“, dem 110 großen Zentimeter Kuba-Flamingo (auch Roter oder Karibischer Flamingo) so nah verwandt, dass beide nur als jeweilige Unterart einer Art gelten. Und das, obwohl die einen in der Alten und die anderen in der Neuen Welt beheimatet sind. Die gemeinsamen Wurzeln lassen sich daran erkennen, dass sich beide Unterarten erfolgreich verpaaren.
Erste Vögel waren Flüchtlinge
So wie auch andere verschiedene Flamingo-Arten gemeinsam Junge haben können. Man sieht das in der einzigen deutschen Kolonie freilebender Flamingos, die es seit 1982 an einem flachen See im Zwillbrocker Venn gibt, einem Naturschutzgebiet an der Grenze zu den Niederlanden bei Vreden. In den vergangenen 30 Jahren haben dort zeitweilig bis zu 40 Flamingos gelebt und jährlich bis zu zehn Junge erbrütet. Da nicht alle Vögel verpaart waren und jedes Weibchen nur ein Ei legt, ist das schon ein herausragendes Ergebnis.
In diesem Jahr erwartet Dietmar Ikemeyer, der Leiter der Biologischen Station Zwillbrock, fünf Jungvögel - dabei waren die ersten Gelege von Füchsen geraubt worden. Nach einer Verstärkung des Schutzzaunes um die Brut-Insel haben die Vögel noch einmal gelegt, so dass es jetzt verspätete Jung-Flamingos gibt, die zehn Wochen lang von ihren Eltern gefüttert und betreut werden müssen, bevor sie flügge sind. Bei den Altvögeln handelt es sich meist um Chile-Flamingos. Jeder vierte ist ein Rosa-Flamingo, und einen Kuba-Flamingo gibt es auch. Sie ziehen im Herbst in die Niederlande, wo sie am Rheindelta überwintern.
Dietmar Ikemeyer und seine Kollegen vermuten, dass die ersten Vögel Flüchtlinge aus Tierparks oder privaten Volieren waren. (Rund 350 Chile- und Kuba-Flamingos leben in der privaten Réserve Ornithologique Le Sauvage in der Nähe von Rambouillet - von dort entweichen immer wieder mal flügge ungestutzte Jungvögel.) Inzwischen haben sie sich zu einer eigenständigen Population von Neozoen (Neubürgern) entwickelt.
Jungvögel werden 10 Tage lang gefüttert
Die Rosa-Flamingos könnten indes auch aus der Camargue stammen, der nördlichsten europäischen natürlichen Flamingo-Heimat. In den künstlich angelegten Salinenfeldern leben nach Auskunft von Arnaud Béchet, einem der Koordinatoren im „Mediterranean and West African Greater Flamingo Network“ an der Biologischen Station „Tour du Valat“, zur Zeit 40000 Vögel, ein Viertel des Bestandes am Mittelmeer. 8000 Paare haben dieses Jahr ihre hohen Schlammnester auf einer Insel und einem Damm gebaut. Im vergangenen Jahr haben in den rund 30 bekannten Brutgebieten am Mittelmeer und in Westafrika 81480 erfasste Paare vom Rosa-Flamingo gebrütet und 68638 Küken aufgezogen, von denen gut 4000 beringt wurden.
Nicht jedes Jahr wird an allen Brutplätzen auch tatsächlich gebrütet. Es hängt in erster Linie von den Wasserständen und vom Wetter ab, ob der Gruppenbalz der Bau der Nestkegel, die Ei-Ablage und eine gut vierwöchige Brut beider Eltern folgt. Nach dem Schlüpfen der anfangs grau bedunten Jungen werden diese von den Eltern etwa zehn Tage lang mit Nahrung gefüttert, die zu Kropfmilch vorverdaut ist.
Nicht selten fliegen die Altvögel 100 und mehr Kilometer, um im salzigen Wasser Kleinstlebewesen mit ihrem Schnabel, dessen obere Hälfte sich wie ein Deckel in die untere Hälfte einfügt, herauszuseihen: Beim Einsaugen der Flüssigkeit bleiben die zum Verzehr geeigneten Bestandteile hängen und werden von der dicken Zunge in den Hals befördert, während das Wasser an den Seiten des Schnabels wieder herausströmt. Dabei trippeln die Flamingos auf dem weichen Boden hin und her und wirbeln so kleine Krustentiere, Insekten, Würmer, Schnecken und Algen auf.
7000 brütende Paare auf Sardinien
In der Camargue lassen sich die Flamingos vom Auto aus nächster Nähe bei der Nahrungssuche beobachten. In Spanien gibt es mehrere Kolonien, Fuente de Piedra in Andalusien ist mit teils mehr als 20000 Paaren die größte. Auf Sardinien haben in Molentargius 2011 knapp 7000 Paare gebrütet. Auch in der Türkei, in Algerien, Tunesien, Mauretanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es Vorkommen, ebenso wie in afrikanischen Ländern bis nach Namibia und Südafrika.
Ihre Gesamtzahl ist aber wesentlich geringer als die der ebenfalls in Afrika lebenden Zwergflamingos, die mit einer Körperlänge von gut 80 Zentimetern nicht gerade klein sind. Sie ernähren sich vor allem von Blau- und Kieselalgen sowie anderen Mikroorganismen in Salz- und Sodaseen. Ihr zahlenmäßig schwankender Gesamtbestand - sie pflanzen sich unregelmäßig fort - wird mit zwei bis drei Millionen Vögeln angegeben.
Vor allem während der zehnwöchigen Aufzucht der Jungen sind die Altvögel die meiste Zeit unterwegs, um genügend Nahrung zu finden, auch nachts. Die Küken versammeln sich dann zu Tausenden und werden von wenigen Eltern bewacht. Kehren die Futterzuträger nach vielen Stunden zurück, so findet jeder Elternvogel seinen Sprössling in der Menge anhand der Stimme und umgekehrt. Es ist schon vorgekommen, dass die Altvögel bei Wasser- und Nahrungsengpässen ihre Jungen zu Fuß in großer Gruppe mehr als 100 Kilometer weit zu Orten mit besseren Lebensbedingungen geführt haben.
Mehr als die Hälfte der Vögel aus der Camargue etwa zieht im Herbst in andere Länder des Mittelmeers und nach Afrika. So sorgen sie auch für eine regelmäßige Blutauffrischung zwischen den einzelnen Brutpopulationen. Bei einem möglichen Höchstalter von über 30 Jahren ist das ein wichtiger Beitrag zur Bestandserhaltung, ebenso wie der staatliche Schutz der Brutgebiete. An vielen dieser Plätze haben in den letzten Jahren die Störungen durch Sportflugzeuge und Ballonfahrer zugenommen. Tausende von Rosa-Flamingos mussten daher ihre Brut aufgeben.
