26.04.2010 · Mit der Weltausstellung in Schanghai will China alle Rekorde brechen, während die Stadt die Expo als Schönheitskur nutzt. Doch ob das Thema „nachhaltige Stadtentwicklung“ mehr als eine Ausstellung für Touristen sein wird, ist fraglich.
Von Till Fähnders, SchanghaiChina hat eingeladen, und die ganze Welt kommt. Die Megastadt Schanghai hat die Länder am Ufer ihres Stadtflusses Huangpu versammelt. Die meisten nationalen Pavillons stehen äußerlich fertig da. Doch drinnen sind die Arbeiter unter Zeitdruck damit beschäftigt, Holzverkleidungen zu tischlern, Böden zu verlegen, Wände auszubessern und Ausstellungsstücke neu aufzubauen. Testläufe haben gezeigt, wie schlecht manche Pavillonbetreiber auf den Besucheransturm vorbereitet sind. Die Menschenmassen drängelten sich vor den Eingängen und hebelten dabei sogar Abgrenzungspfeiler aus. Einige mussten stundenlang anstehen. Nur wenige Pavillons waren fertig und konnten überhaupt öffnen. Einige, darunter der deutsche und der chinesische Pavillon, mussten wieder geschlossen werden. Am Ende stapelte sich auf dem Expo-Gelände der Müll sogar auf den öffentlichen Waschbecken.
In dieser Woche beginnt die Expo 2010, und auch mit ihr will China sämtliche Rekorde brechen. Sie könnte die Rettung für das angestaubte Konzept der Weltausstellungen bringen, aber auch jeder nachfolgenden Expo die Schau stehlen. „Es wird eine Expo der Superlative“, sagen alle. Das Land hat schließlich viel nachzuholen. China veranstaltet nach den Olympischen Spielen in Peking nun schon das zweite Großereignis binnen zwei Jahren. Die verspätete Nation kommt mit aller Macht. Der chinesische Pavillon, die „Krone des Orients“, thront in kaiserlichem Rot als mächtigstes Gebäude über allem.
Kontinente gibt es nicht mehr, sondern die Zonen A, B und C
Die Expo in Schanghai ist allerdings kein perfektes Spiegelbild unserer Weltkugel. Kontinente gibt es nicht mehr, sondern Zonen, die „A“, „B“ und „C“ heißen. Die Länder präsentieren sich mit futuristischen Gebäudevisionen und nicht mit alltagstauglichen Hausentwürfen. Sie greifen für das überwiegend chinesische Publikum aber bewusst Stereotype und kulturelle Traditionen auf. So zeigen sich Japan und Korea wie erwartet mit knallbunten, verrückten Formen, Kanada mit einer flächigen Holzfassade und die Schweiz mit einem Sessellift. Im tassenförmigen finnischen Pavillon gibt es eine Sauna, die Inder haben einen verzierten Kuppelbau aufgestellt, und vor dem schalenförmigen Pavillon der Saudis wehen Palmen im Wind. Selbst die Ungerechtigkeiten in der Welt bilden sich auf dem Expo-Gelände ab. Die meisten afrikanischen Staaten sind in einem gemeinsamen Pavillon untergebracht, weil sie sich keine eigenen leisten können. Kurios ist der Macao-Pavillon, der die Form eines Hightech-Kaninchens hat. Zumindest äußerlich am besten gelungen ist der britische Pavillon, der mit 60 000 biegsamen Acrylstangen besetzt ist, die ihn wie einen angeschwemmten Seeigel aussehen lassen.
Das Expo-Gelände liegt sowohl auf der Uferseite des Stadtteils Pudong, des neuen Wirtschafts- und Finanzzentrums, als auch auf dem gegenüberliegenden alten Teil, der durch Schanghais Kolonialarchitektur geprägt ist. So ergibt sich eine neue Weltordnung, die zuweilen sinnvollere Nachbarschaften ergibt, als sie auf dem realen Globus vorhanden sind. In einem hinteren Winkel des Geländes stehen die Pavillons von Nordkorea und Iran nebeneinander - die politische Schmuddelecke, die offenbar für befreundete Regime reserviert worden war, die auf dem Weg zu Atommächten sind. Im nordkoreanischen Pavillon mit dem gewagten Titel „Das Paradies des Volkes“ sollen vor allem Schwarzweißfilme über den Korea-Krieg gezeigt werden. Auch die Republik Taiwan, von Peking als „abtrünnige“ Provinz gesehen, ist vertreten. Der Pavillon steht zwar neben China und in einer Reihe mit Hongkong und Macao, aber abgetrennt durch eine erhöhte Promenade.
Das Thema der Expo ist die nachhaltige Stadtentwicklung
Der deutsche Pavillon sieht technisch-nüchtern aus wie eine gerade gelandete Raumstation. Die Fassade aus eckigen Bausteinen, die sich ineinanderschieben, soll eine Stadt im Gleichgewicht repräsentieren. Die Planer haben dafür das Kunstwort „Balancity“ geschaffen. „Wir geben Antworten auf das Expo-Thema“, sagt Pavillon-Sprecherin Marion Conrady. Das Thema der Expo ist die nachhaltige Stadtentwicklung, das offizielle Motto: „Better City, better Life“. Die Besucher werden deshalb durch mehrere Stationen geführt, von einer „Landschaft“ über den „Stadtrand“ bis zum „Stadtplatz“. Auf dem Rundgang werden Beispiele urbaner Entwicklungen in Deutschland vorgestellt.
Das überzeugende Konzept hakt noch etwas in der Umsetzung. Einige Teile der Ausstellung mussten nach den ersten Testläufen erneuert werden. Doch das Herzstück des Pavillons ist funktionstüchtig. Es schwebt als eine zwei Tonnen schwere Kugel in der „Energiezentrale“. Sie ist mit 400 000 LEDs überzogen und kann durch die Rufe der Zuschauer in Schwingungen versetzt werden. „Die Idee ist, ein großes Theater zu schaffen, in dem die Menschen etwas gemeinsam bewegen können“, sagt Peter Redlin, Kreativdirektor der Firma Milla und Partner, die den Pavillon gestaltet hat. Es sei auch als besondere Erfahrung für die chinesischen Gäste gedacht, die frei und unbegrenzt ein gemeinschaftliches Erlebnis haben können. „Bei den Tests“, sagt Redlin, „hat der Saal getobt.“
Bambusstangen bilden Grundstruktur für „Deutsch-chinesisches Haus“
Die Deutschen sind bei der Weltausstellung in Schanghai besonders stark vertreten. In der Nähe des deutschen Pavillons bilden Bambusstangen die Grundstruktur für das „Deutsch-chinesische Haus“ der Veranstaltungsreihe „Deutschland und China - Gemeinsam in Bewegung“. Deren Organisatoren, darunter das Auswärtige Amt, hatten erst in letzter Minute die Zusage bekommen. Nun kämpfen sie mit dem Zeitplan. Bisher steht kaum mehr als der Außenbau. Die Besonderheiten der Bambuskonstruktion erschwerten das Vorankommen, sagt Dieter Ungerhofer, der für die Firma Tebodin als Projektmanager angeheuert wurde. Die chinesischen Arbeiter hätten wenig Erfahrung mit dem Riesenbambus, der aus der Südwestprovinz Yunnan kommt, doch gerade der mache die Eigenheit des Pavillons aus. Es soll zeigen, was mit dem natürlichen heimischen Material möglich ist.
Ganz ohne staatliche deutsche Beteiligung hat die Firma Triad Berlin die Gestaltung des chinesischen Themenpavillons „Urban Planet“ übernommen. Das Berliner Unternehmen konnte sich bei den Expo-Organisatoren mit seinem Konzept gegen 150 Mitbewerber durchsetzen. Seine Firma habe das komplexe Thema „chinesisch übersetzt“, sagt Firmenchef Lutz Engelke bei einem Rundgang durch die Ausstellung, die vor allem auf die Sinne wirkt und auf visuelle Eindrücke setzt.
Auch in ihrem Pavillon, der von chinesischer Philosophie inspiriert ist, laufen die Besucher durch verschiedene Stationen, die „Straße der Zerstörung“, die „Straße der Lösungen“. Dort wird der Blick auf eine gewaltige Weltkugel geöffnet, die mit 36 Projektoren auf eine halbrunde Leinwand projiziert wird. „Wir haben versucht, die Problematik der Umweltzerstörung und des Klimawandels auf einen Blick sichtbar zu machen“, sagt Engelke, der Schanghai für den richtigen Ort für diese Ausstellung hält. Die Stadt steht mit ihren etwa 20 Millionen Einwohnern und ihrem rapiden Wachstum stellvertretend für die Entwicklung der Megastädte in China. Mehrere hundert Millionen Menschen werden in den nächsten Jahrzehnten in die Städte ziehen. Aber gibt es wirklich Lösungen bei dieser Expo für die urbanen Probleme der Zukunft? Oder ist es doch eher eine Veranstaltung für Touristen? Das Thema der nachhaltigen Stadtentwicklung wäre dann nur ein Vorwand und die Expo ein teils vom Ausland finanzierter Vergnügungspark, mit dem sich China als Weltmacht hervortun kann.
Nur wenige Chinesen wagen öffentlich Kritik an dem Megaprojekt
In Schanghai stöhnen die Menschen auch über die strengen Kontrollen. Nur wenige Chinesen wagen jedoch, öffentlich Kritik an dem Megaprojekt zu äußern. Selbst der aus Schanghai stammende und sonst überaus offenherzige Autor, Rennfahrer und Kommentator Han Han schwieg lange zu dem Thema. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichte er entnervt einen spöttischen Eintrag über die Expo in seinem Blog: Das Expo-Maskottchen „Haibao“, ein blaues Zahnpastamännchen, das nach dem chinesischen Schriftzeichen für Mensch entworfen wurde, rufe bei ihm Kopfweh hervor.
Schanghai versteht die Expo auch als Gelegenheit für ein Verschönerungsprogramm. Die Stadt hat Milliarden in die Infrastruktur gesteckt, neue U-Bahnen und Flughafenterminals gebaut. Mit Höflichkeitskampagnen und Rauchverboten wurde die Bevölkerung vorbereitet. Wie vor den Olympischen Spielen in Peking sollen auch die Schanghaier Englisch lernen, um besser mit den Besuchern kommunizieren zu können. Ein neuer Sprachführer stellt englische Begriffe in chinesischen Schriftzeichen dar. Aus „Good Morning“ wurde so lautmalerisch „gu de mao ning“. Wichtig ist auch das Phantasie-Wort „wei er kang mu“, mit dem die Schanghaier nun die ausländischen Gäste begrüßen werden: Es soll wie „welcome“ klingen.