Ernst macht sich gut. Er ahnt wohl, dass er eine Mission hat, dass viel Hoffnung in ihn gesetzt wird. „Des is guuuud“, sagt Hans Wintersteller mit gedämpfter Stimme, ein stolzes Lächeln huscht über sein Gesicht. Der Bart des Österreichers ist auch am 15. Tag im und am Wald akkurat getrimmt. Man muss in diesen Tagen leise sein auf Posten auf dem Bilderbuch-Bauernhof oberhalb von Zangberg. Alte Holzgiebel, gepflegter Rasen. Und prächtig quellen die Geranien aus den Töpfen.
Wintersteller koordiniert die Suche nach einem Stück Fleckvieh in diesem Flecken Oberbayerns. „Weiter so, Ernst“, sagt Wintersteller. Ernst macht sich gut, weil er regelmäßig muht. Das muss sie doch hören, die Yvonne. Und kann Yvonne diesem Lockvogel mit den schwarzen Locken und Nasenring widerstehen, der einst auf großen Schauen auftrat? „1000 Kilo geballte Erotik“, titelte ein Boulevardblatt. Allerdings etwas vorschnell. Denn Ernst ist kastriert, also kein wilder Stier, sondern ein gutmütiger Ochse. „Lendenlahmer Lockstier soll Waldkuh Yvonne bezirzen“, lautete eine andere Schlagzeile. Ernsts Anziehungskraft auf Kühe sei ungebrochen, sagt Wintersteller. „Heute Nacht haben wir gute Chancen.“ Der Ernst habe im übrigen auch schon Witterung aufgenommen.
Yvonne gilt als Gefahr
Yvonne ist Österreicherin, sie wurde vor sechs Jahren auf einem Hof in Kärnten geboren. Im Mai wurde sie dann an einen Bauern in Aschau verkauft, auf dessen Weiden sie sich für die Schlachtung noch ein paar Kilogramm anfressen sollte. Doch beim Verladen in ihrer neuen bayerischen Heimat büxte sie aus. Das ist knapp drei Monate her. Seitdem streift sie durch die Wälder. Weil sie mit Klugheit und Raffinesse alle Verfolger narrt und allen Einfangversuchen trotzt, ist sie zu einer öffentlichen Kuh geworden, an deren Schicksal Menschen und Medien Anteil nehmen: „Die Kuh, die ein Reh sein will“, „Die Waldkuh“, „Die Problemkuh“. Als Projektionsfläche von Konflikten mit beinahe politischer Dimension. Als Symbolfigur für die Arbeit des Guts Aiderbichl, das Hunderte Tiere vor der Schlachtbank rettet, auf seinen Gnadenhöfen aufnimmt – und seinen Mitarbeiter Hans Wintersteller mit der Rettung Yvonnes beauftragt hat.
Die Salzburger Tierschutz-Initiative hat Yvonne gekauft. Und zwar in dem Moment, als die Kuh zum Abschuss freigegeben wurde, nachdem sie eine Landstraße überquert und sich dabei von Polizeibeamten hat beobachten lassen hat. Yvonne gilt als Gefahr für den Straßenverkehr. Die Initiative begründet ihren großen Einsatz für Yvonne damit, die Leute beim Umgang mit Nutztieren zum Umdenken bewegen zu können. „Das ist die klügste Kuh, die ich jemals kennengelernt habe“, sagt Wintersteller, der eigentlich Gutsverwalter in der Aiderbichl-Zentrale ist.
Der kräftige Mann mit der zupackenden Art ist häufiger im Einsatz, wenn irgendwo Tiere ausreißen, etwa vor den Toren des Schlachthofs. Doch Einsatzleiter („Immer positiv denken“), Kuhdetektiv („Diese Kuhfladen hier sind noch frisch“), Kuhpsychologe („Yvonne muss wieder Vertrauen fassen“) und Pressesprecher über 15 Tage war er noch nie. Sein Handy klingelt im Akkord. Seit Ernst, eskortiert von fünf Fernsehteams, in Zangberg Quartier bezogen hat, hat Wintersteller etwa 40 Interviews gegeben. „Yvonne is a Wahnsinn. Die is irrsinnig g’scheit“, sagt Wintersteller. Er und seine Mitstreiter haben Yvonne im 24-Stunden-Schichtdienst schon einige Male aufgespürt im dunklen Zangberger Tann. Doch der Zugriff wollte in dem Dickicht aus Buschwerk und Hochwald nicht gelingen. Und immer wenn ein Schütze mit Betäubungspfeil mit auf der Pirsch war, hat sich Yvonne ganz verzogen.
„Hunderte Rindviecher und eine Kuh“
Es ist 21 Uhr, das Abendlicht taucht die Alpengipfel hinter dem Zangberger Kirchturm in ein feierliches Licht. Wintersteller bricht mit seinem Geländewagen auf zur letzten Kontrollfahrt des Tages. Die Helfer haben das 25 Hektar große Gebiet aufgeteilt in Einserwald, Zweierwald und Dreierwald. So kann man sich besser abstimmen über Funkgerät. Eine Landstraße und meterhohe Maisfelder durchschneiden die Wäldchen. Wintersteller bremst den Wagen auf 30 Kilometer in der Stunde, wie es die Straßenschilder verlangen. Alles wegen Yvonne. Ein provisorisch errichteter Zaun soll die Kuh daran hindern, in dem dunklen Waldstück die Straße zu queren. Missmutig deutet Wintersteller auf den Opel, der da über den Feldweg am Zweierwald schleicht. „Da ist wieder einer, der ,Kuh schauen‘ will.“
Die Schaulustigen sind Wintersteller allemal lieber als die „schießwütigen“ Polizeibeamten, die in der Welt des Tierschützers direkt hinter dem Wilderer zu kommen scheinen. Die hätten doch das Gewehr schon auf dem Rücksitz liegen, um einmal auf ein großes Tier ballern zu können, argwöhnt er. Das riesige Transparent, das neulich jemand an der Straße aufhängte, hat Wintersteller sogleich eingesammelt. „Hier gibt es Hunderte Rindviecher und eine Kuh“, stand da geschrieben.
Wintersteller hat die Taktik geändert. Keine Hatz mehr durch den Wald, sondern „zurückpositionieren“ ist angesagt. Man geht nicht mehr zu Yvonne in den Wald, sondern lässt Yvonne aus dem Wald kommen. Bestenfalls kuschelt sie sich zu Ernst auf das mit vielen Leckereien ausgelegte Strohbett. Oder tappt in die Futterfalle im Wald. Dort steht, ganz in der Nähe von Ernst am Rande des Einserwaldes, ein Veterinär-Behandlungsstand. Wenn Yvonne sich dort zum Futter neigt, löst sie einen Mechanismus aus, und ein Bügel schließt sich sanft um ihren Hals.
Der Vollmond scheint hell, die Sternschnuppen purzeln. Im Wirtshaus „Duschlwirt“ im Nachbarort sagt einer zur späten Stunde: „So ein Affentheater für eine Kuh.“ Als die Sonne am nächsten Morgen aufgeht, sieht Wintersteller aus, als habe er erkannt: Es ist leichter, eine Kuh vom Eis zu holen als aus diesem Wald. Wieder nichts war’s heut’ Nacht außer zwei Rehen, die durchs Gehölz gebrochen sind. Was haben sie schon alles versucht: Dackel Mirko ist mit seiner Spürnase ebenso gescheitert wie Yvonnes Schwester Waltraud, das Kälbchen Waldi als Lockmittel, ein Fährtenleser, eine Tierkommunikatorin.
Die Bäuerin bringt frischen Zwetschgenkuchen für die Helfer, eine Nachbarin Milchkaffee, und der Bürgermeister von Zangberg kommt täglich mit frischen Mehlspeisen. Eine bessere Reklame für seinen Ort kann er sich gar nicht vorstellen. Wieder hat Wintersteller ein paar über Nacht aufgehängte Transparente an der Straße eingesammelt. Dieses Mal von den AKF – den Anonymen Kuh-Freunden. „Kuhfänger geht woanders hin, oder morgen brennt Berlin“. „Bei den Milchpreisen würde ich auch davonlaufen“ steht da geschrieben. So gibt es viele Botschafter oder Gegner Yvonnes, die ihre Konflikte auf deren Rücken austragen. Ob es ein Lehrstück oder ein Rührstück, ein Drama oder ein Thriller ist, was in dem Wald bei Zangberg gezeigt wird? Das Ende wird entscheidend sein. Ist der Ochse Ernst der letzte Trumpf der Aiderbichler? „Nein“, sagt Wintersteller. „Wir geben Yvonne jetzt ein paar Tage Zeit zur Ruhe. Und dann versuchen wir es mit einem Hubschrauber und Wärmebildkamera.“
„Yvonne ist resozialisierbar“
Um Yvonne muss man sich keine Sorgen machen. „Rinder können sich, so lange sie Futter haben, gut durchschlagen“, sagt Professor Jörg Hartung, Leiter des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. „Außerdem sind sie sehr temperaturfest. Wir hatten schon Geburten bei minus 20 Grad. Die Thermoregulation ist sehr gut ausgebildet.“ Die Rasse Fleckvieh, der Yvonne angehört, sei ohnehin robust. Da Yvonne offenbar keine Milch mehr gibt und nicht tragend ist, so Hartung, „hat sie nur ihren Erhaltungsbedarf zu decken“. Natürliche Feinde hat sie auch nicht. Ihr Leben im Wald könnte also kaum schöner sein. Allerdings: „Rinder sind Herdentiere“, sagt Hartung. „Sie halten zwar beim Grasen einen Individualabstand, aber waren in der Entwicklungsgeschichte noch nie Einzelgänger.“ Insofern werde Yvonne schon irgendwann aus dem Wald kommen. Auswilderung sei ein langer Prozess. Yvonne sei also durchaus resozialisierbar. Ob der Bulle sie anlockt? „So lange sie nicht in der Brunst ist, wird sie an ihm kein Interesse haben.“ Wenn sie brünstig sei, werde der Bulle sie schon finden. Aber nicht, wenn er angebunden sei. (kai.)
Warum...
Edit Vladár (Ditte)
- 13.08.2011, 12:25 Uhr
