27.10.2006 · Der Fall des Tankers „Probo Koala“, der im August in der Elfenbeinküste eine Umweltkatastrophe verursacht hat, beschäftigt europäische Justizbehörden. Anscheinend wurde an Bord Benzin veredelt. Entstanden dabei Giftstoffe? War das Vorgehen legal?
Von Kira FrenkDer Fall des Tankers „Probo Koala“, der im August in der Elfenbeinküste eine Umweltkatastrophe verursacht hat, beschäftigt europäische Justizbehörden. Zehntausende Menschen waren durch den Giftmüll, der in Abidjan von dem Schiff auf einfache Müllkippen gebracht wurde, erkrankt. Zehn Ivorer kamen ums Leben. Einen Monat später nahmen auch estnische und niederländische Behörden Ermittlungen auf. Die Niederlande hatten das Schiff mit dem Giftmüll weggeschickt. Nach Estland kam der Frachter, der einer griechischen Reederei gehört und unter panamaischer Flagge mit russischer Besatzung unterwegs war, als die Umweltkatastrophe von Abidjan schon in aller Munde war.
Der Fall deckt Lücken in den internationalen Vorschriften für die Mineralöl- und Seewirtschaft auf. Drei Tage, nachdem das Schiff am 24. September im Hafen Paldiski eingelaufen war, nahm die estnische Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Angeführt von Greenpeace, protestierten Umweltschützer gegen das Wiederauslaufen des „Gifttankers“. Estnische Behörden verdächtigten die „Probo Koala“ zunächst nur, gegen Bestimmungen zur Behandlung von Sondermüll, „der gesundheits- oder umweltschädlich ist“, verstoßen zu haben. Schon bald erwies sich der Fall jedoch als schwieriger.
Unübliches Verhalten bei Erhöhung der Oktanzahl
Chemische Untersuchungen der aus den Tanks entnommenen Flüssigkeit haben ergeben, daß an Bord des Frachters das Rohbenzin (Naphta), das der Tanker transportierte, veredelt wurde. Das erfuhr diese Zeitung bei der estnischen Staatsanwaltschaft. Durch die Erhöhung der Oktanzahl entsteht höherwertiges Benzin, das teurer ist als Naphta. Nach Auskunft europäischer Raffineriefachleute dürfte das derart verarbeitete Benzin zwar für europäische Anforderungen eine immer noch zu niedrige Oktanzahl haben; in Afrika könnte es aber womöglich Abnehmer finden. Angesichts der hohen Treibstoffpreise in diesem Sommer hatten die schätzungsweise 70.000 Tonnen Rohbenzin, die auf der „Probo Koala“ veredelt wurden, nach der chemischen Behandlung einen Wert von 5,5 Millionen Euro.
Das Verfahren, die Oktanzahl von Rohbenzin auf reinen Transporttankern auf hoher See zu erhöhen, gilt als unüblich. Die Umweltschäden in der Elfenbeinküste hat das Schmutzwasser des Frachters verursacht, das nach der Reinigung der Tanks übrigblieb. Was genau dieses Abwasser zu hochgiftigem Abfall machte, ist noch ungeklärt. Vermutlich wurden an Bord weitere chemische Prozesse durchgeführt. Der Leiter der Abteilung für Abfallmanagement im estnischen Umweltministerium, Peeter Eek, sagt: „Das mindeste, was man vom Kapitän erwartet hätte, wäre, daß er den Tankerinhalt nicht als gewöhnliche Reinigungsrückstände deklariert hätte, denn das war er nicht.“
Rechtfertigung durch Hinweis auf eigene Untersuchung
Doch darauf beharrt das niederländische Tochterunternehmen der Schweizer Schiffsmakler- und Rohölagentur Trafigura, welches das Schiff mietete. Das Schmutzwasser der „Probo Koala“ sei ein „normales Abfallprodukt“, das bei der Reinigung der Tanks von Rückständen einer „Benzingemisch-Fracht“ anfällt. Es entspreche den Anforderungen internationaler Bestimmungen, heißt es in Trafiguras Presseerklärungen unverändert.
Das Unternehmen verweist dabei auf die „Baseler Konvention zur Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung“, die toxische Rückstände „aus dem normalen Betrieb von Schiffen“ nicht als Giftmüll ansieht, und bezeichnet den Inhalt der Tanks auch als „Basel-Schmutzwasser“. Im Gegensatz zu Giftmüll darf Schmutzwasser nach den Baseler Bestimmungen ohne spezielle Lizenz aus Europa ausgeführt werden. Trafigura beruft sich freilich auf Untersuchungen, die das Unternehmen selbst in einem Rotterdamer Labor bestellt hat. Dieses sagt, es habe nicht nachprüfen können, woher die Proben stammten.
Keine Hinderung an Auslaufen trotz fehlender Lizenz
Bevor der Tanker sich auf den Weg nach Afrika machte, hatte der Kapitän versucht, das giftige Schmutzwasser im Hafen von Amsterdam zu löschen. Wegen des starken Schwefelgeruchs sind dabei offenbar Mitarbeiter der Reinigungsfirma erkrankt, woraufhin diese eine Analyse anforderte und die örtlichen Behörden über den Verdacht auf Giftmüll informierte. Nach der Baseler Konvention hätte das Schiff bei Bestätigung des Verdachts eine Ausfuhrlizenz für seinen Giftmüll benötigt. Es wurde aber am Auslaufen nicht gehindert, ohne daß es eine solche Lizenz erhalten hätte. Da Trafigura sich weigerte, den Abfall in einer Spezialanlage in Rotterdam behandeln zu lassen, bekam das Schiff das bereits abgeschöpfte Schmutzwasser zurück und steuerte Afrika an. Die niederländische Staatsanwaltschaft will sich zum Stand ihrer Ermittlungen vorerst nicht äußern.
Ob Rohbenzin überhaupt an Bord von Transporttankern auf hoher See veredelt werden darf, ist unklar. Peeter Eek vom estnischen Umweltministerium hofft, der Fall „Probo Koala“ werde die Unterzeichner der Baseler Konvention zu einer Ergänzung zwingen. Was unter dem „normalen Betrieb von Schiffen“ zu verstehen ist, wird nach Angaben des Sekretariats der Konvention bereits intern diskutiert. Die Benzinveredelung gilt zwar nicht als „normaler Betrieb“, wird bisher aber auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen - sie kommt einfach gar nicht vor im Text.
„Darüber wissen wir gar nichts“
Deswegen sei unklar, ob im Fall der „Probo Koala“ die Konvention verletzt worden sei. Etliche EU-Richtlinien regeln die Benzinveredlung in Raffinerien an Land. Was aber auf einem Schiff gemacht werden darf und was nicht, stehe nicht fest, klagt Peeter Eek. „Mit der ,Probo Koala' haben wir nur einen Fall, der zufällig aufgedeckt wurde“, fügt er an. „Es ist aber wahrscheinlich, daß die Benzinveredelung auf Transporttankern schon lange betrieben wird. Wieviel von den Abfällen einfach in den Ozean gepumpt wird oder wie sie sonst entsorgt werden - darüber wissen wir gar nichts.“
Am 12. Oktober wurde dem Tanker nach zwei Wochen Auslaufverbot im estnischen Paldiski die Weiterreise erlaubt. 540 Tonnen Giftmüll, der in Abidjan nicht abgeladen worden war, wurden auf die Sondermülldeponie Vaivara im estnischen Ort Sillamäe gebracht.