Dieser Vogel schlägt elegant zu. Von einem Ansitz oder im Rüttelflug beobachtet der Eisvogel das Wasser. Sobald er ein Beutetier entdeckt, stürzt er sich kopfüber hinab und taucht kurz unter. Der stromlinienförmige Körper ist für die kurze Unterwasserjagd gut geeignet. Hat der Eisvogel das Beutetier mit dem kräftigen spitzen Schnabel gepackt, taucht er mit wenigen Flügelschlägen wieder auf, landet auf einem seiner Stammplätze im Geäst des Uferbewuchses und erschlägt das Opfer, wenn es nicht schon erdrückt ist. Trägt er die Beute den Jungen zum Füttern zu, richtet er die Beute so aus, dass der Kopf nach vorne zeigt, damit die Jungen sie gleich herunterschlucken können.
Bereits 1973 hat der Fischfänger die Auszeichnung erhalten
Das Schauspiel von unerbittlicher Jagd und liebevoller Fürsorge wird in Deutschland nicht mehr so häufig aufgeführt - denn der Eisvogel ist selbst zum Opfer geworden. Der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), der gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) in jedem Herbst den „Vogel des Jahres“ proklamiert, hat sich zu seinem kommenden hundertjährigen Jubiläum ein besonderes Geschenk gemacht: Mit dem Eisvogel, der dem Kuckuck folgt, hat er 2009 seinem Wappenvogel die Rolle des fliegenden Botschafters für Natur- und Vogelschutz zuerkannt. Am Freitag stellten die Verbände in Berlin den bunten Vertreter der Rackenvögel nach 35 Jahren zum zweiten Mal als Vogel des Jahres vor. Bereits 1973 hatte der gut sperlinggroße Fischfänger die Auszeichnung erhalten.
Damals sah es allerdings im Vergleich zu heute wesentlich schlechter aus für „Alcedo atthis“. Im besonders kalten Winter 1962/63 waren in Mitteleuropa etwa 95 Prozent aller Eisvögel umgekommen. Wenn sie nicht erfroren, verhungerten sie, denn fast überall versperrte ihnen eine dicke Eisschicht den Zugang zum Wasser und damit zu ihrer Hauptbeute, kleinen Fischen. In den Sechzigern und Siebzigern wurden zudem viele Fließgewässer verrohrt oder kanalisiert - oftmals im Rahmen von Flurbereinigungen, der Erschließung von Neubaugebieten und von Straßenbauten.
Verdreifachung des Bestandes wäre gute Basis
Die Verschmutzung von Bächen, Flüssen und Seen aus Mangel an Kläranlagen ruinierte viele Jagdgründe des „Königsfischers“. All das führte dazu, dass die Zahl der Eisvögel in Deutschland auf weniger als 100 Brutpaare zusammenschmolz. Heute wird der Bestand mit 5600 bis 8000 Paaren angegeben. Die Qualität von Gewässern und ihren Uferzonen hat sich gebessert. Vogelschützer haben geeignete Biotope geschaffen und Nisthilfen für die farbenprächtigen Höhlenbrüter gebaut. Außerdem klären sie weiter Fischteichbesitzer und Angler auf, damit sie die Fischjäger nicht als Konkurrenten betrachten. Wichtig ist es auch, dass genügend Uferzonen von Bade- und Freizeitbetrieb frei bleiben.
Mit dem Titel „Vogel des Jahres“ will man die Verbreitung des Eisvogels fördern. Denn selbst 8000 Brutpaare sind wenig. Erst eine Verdreifachung des Bestandes wäre eine gute Basis, um der Art auch in einer Krise das Überleben zu erleichtern. Die milderen Wintertemperaturen der letzten Jahre helfen dabei. Der Eisvogel kann von der Klimaerwärmung profitieren. Sein Brutgebiet dehnt die ursprünglich aus Afrika stammende und über ganz Eurasien verbreitete Art langsam immer weiter nach Norden aus.
Gut 70 Prozent werden nicht mal ein Jahr alt
Die Vögel mit dem azurblauen bis grünlichen, hell gesprenkelten Kopf- und Rückengefieder, der orangenen Färbung von Brust und Bauch sowie den weißen Abzeichen an Kehle und Halsseite brauchen aber lange, bis ihre Sippe alle Wasserreviere nach einem Bestandseinbruch wieder besetzt hat. Zwar zählen sie mit bis zu drei Jahresbruten von jeweils bis zu sieben Jungen zu den fruchtbaren Kleinvögeln. Doch ihr Leben währt meist nur kurz. Gut 70 Prozent der Jungvögel werden nicht mal ein Jahr alt, das zweite Lebensjahr erreicht nur jeder zehnte.
Der Nistkessel am Ende einer Röhre liegt in einer Lehm- oder Kieswand oder im Wurzelteller eines umgestürzten Baumes. Zunächst dient der kräftige Schnabel zum Lockern des Erdreichs, dann setzen die Vögel ihre roten Füße mit den zusammengewachsenen vorderen Zehen an den kurzen Beinen zum Rausschaufeln des Aushubs ein. Wo es sich anbietet, wird die Nisthöhle nahe am Wasser angelegt. Findet sich eine geeignete Wand erst in einiger Entfernung vom Bach oder Fischteich, kann das Nest schon mal zwei Kilometer vom Jagdrevier entfernt sein.
Eisvogelkarussell
Dann müssen die Altvögel noch mehr Energie bei der Versorgung ihrer Jungen aufbringen. Im Nest hocken die anfangs blinden und nackten Jungen im Kreis und rutschen beim Auftauchen eines Altvogels mit Beute um einen Platz weiter. Durch dieses „Eisvogelkarussell“ wird sichergestellt, dass jedes Junge seine Portion erhält. Beide Altvögel lösen sich bei der Brut ab und füttern abwechselnd ihre Küken, die wegen der durch die Haut sprießenden Federkiele wie kleine Igel aussehen. Nur bei einer nicht seltenen Schachtelbrut, wenn das nächste Gelege bereits in einem benachbarten Nest liegt, bevor die vorausgegangene Brut ausgeflogen ist, erledigt das Männchen die verbleibende Fütterungsaufgabe alleine, während das Weibchen bereits wieder die nächsten Eier wärmt.
Während der Fütterungsperiode müssen die Altvögel besonders häufig ihr Gefieder mit einem Bad reinigen, denn die Erdröhre, durch die sie zum Höhlennest rutschen, ist nach einiger Zeit durch den scharfen salmiakartigen Kot der Jungen verschmutzt. Per Geruchsprobe können Ornithologen also prüfen, ob eine Niströhre besetzt ist.
Gegen das Gesetz getötet
Junge Eisvögel fliegen schnell im Geschwisterpack aus. Ihr Gefieder ist anfangs etwas grünlicher als das der Eltern, die kurzen Beine und Füße und der Schnabel sind dunkel. Bei den Weibchen färbt sich der Unterschnabel später rot. Die Jungen unternehmen schon wenige Stunden nach dem Verlassen der Bruthöhle erste Tauchversuche. Anfangs werden sie noch von ihren Eltern gefüttert, doch sie bleiben in der Regel nur wenige Tage beisammen im Brutrevier der Altvögel.
Dann entwickelt sich auch bei ihnen das arteigene territoriale Verhalten: Außer dem Ehepartner dulden Eisvögel ihresgleichen nicht in der Nähe und vertreiben Nahrungskonkurrenten mit schrillen Rufen und Verfolgungsjagden. Durch das durchdringende „Tiet-tiet“, das er während seines rasanten Fluges flach über der Wasserfläche ausstößt, macht der Vogel meist überhaupt erst auf sich aufmerksam. Denn trotz seiner Farbenpracht (sein Name rührt von althochdeutsch „eisan“= schillernd her) versteht er es, auf seinen Ansitzplätzen fast unsichtbar zu bleiben.
Obwohl viele Eisvögel das ganze Jahr hindurch ihrem Revier treu bleiben, können manche von ihnen enorme Strecken zurücklegen. Während des Winters verlegen sie ihren Lebensraum, der zur Brutzeit überwiegend an Binnengewässer gebunden ist, auch mal vorübergehend an die Meeresküsten. Und vor allem Jungvögel ziehen mitunter von Nordeuropa bis nach Spanien und Malta. Dort werden sie leider selbst immer wieder zum Opfer - und gegen das Gesetz getötet.
