11.07.2007 · Wer in seinem Leben stets ökologisch bewusst gehandelt hat, muss den Tod nicht fürchten. Ein schwedisches Unternehmen hat das Prinzip der Kryotechnik entdeckt. Der Leichnam wird eiskalt unter die Erde gebracht, die sterblichen Überreste bleiben sauber, trocken und geruchsfrei.
Von Thomas VilgisAus rein biologischer Sicht braucht der Mensch lediglich zwei elementare Dinge zum Leben: Essen und Trinken, am besten genuss-, sinn- und segensreich gestaltet. Aber selbst damit ist irgendwann Schluss. Ist das genetische Programm einmal abgelaufen, steht der Sensenmann vor der Tür, und der letzte Hauch ist schnell getan. Traurige Realität, es gibt kein Entrinnen. Für die Hinterbliebenen auch nicht vor den Pflichten, denn die sterblichen Überreste müssen rasch entsorgt werden. Immer häufiger wird der Wunsch nach einer ökologisch korrekten Bestattung geäußert, die sich mit Würde und angemessenem Totenkult vereinbaren lassen muss.
Mit wachsender Verantwortung für das Klima gerät selbst die gegenwärtig häufig gewählte Methode des Verbrennens mehr und mehr ins Hintertreffen. Die Körper unserer Toten sind eben auch nur organisches Material, und nach deren Karbonisierung verbleiben Asche mit komplexer chemischer Zusammensetzung, flüchtige Verbrennungsoxide und natürlich das als Treibhausgas in Verruf gekommene Kohlendioxid. Selbst bei idealen Bedingungen, sprich hohen Temperaturen und optimal eingestellter Sauerstoffzufuhr, wie sie die modernsten Krematorien gewährleisten, lässt sich dies kaum unterbinden, ganz abgesehen von dem dabei erforderlichen hohen Verbrauch an fossilen Brennstoffen für die Befeuerung.
Christliches Fundamentalprinzip
Schon werden neue, zukunftsträchtige Techniken angeboten, die natürlich an der sach- und zeitgemäßen Umsetzung des christlichen Fundamentalprinzips der Genesis (Kapitel 3,19) festhalten: „Gedenke, o Mensch, dass du aus Staub bist und zu Staub wieder zurückkehrst.“ Nüchtern betrachtet bietet sich jetzt ein Hightech-Verfahren eines schwedischen Bestattungsunternehmens an, das die Frostverfahren modernster Kryotechnik mit Vakuumtrocknungsmethoden kombiniert. Kaum überraschend, denn solche Ideen finden schon beim Umgang mit vielen organischen Materialien Zuspruch, etwa beim lebensnotwendigen Essen, in der Lebensmitteltechnologie und sogar in der molekularen Küche.
Die Kryobestattung vollzieht sich in mehreren Stufen. Die erste folgt dem herkömmlichen Schema. Der Leichnam wird in einen Sarg gelegt. Sofort danach allerdings befasst sich die neue Methode mit dem eigentlichen Problem des Verstorbenen, seinem körpereigenen Wasser, das etwa 70 Prozent seines Körpergewichts ausmacht. Dieser Treibstoff, der erst alles Leben ermöglicht, wird nach dem Dahinscheiden zum großen Problem. Denn Wasser in Kombination mit Sauerstoff und hohen Temperaturen ist die Grundlage des Verderbens, der Fäulnis. Bei unsachgemäßer Lagerung verdirbt jedes tote Fleisch. Daher kann etwa der frisch gekaufte Sonntagsbraten zur späteren Verwendung bei minus 18 Grad Celsius für eine gewisse Zeit eingefroren werden.
Wasser friert zu Eiskristallen
Das körpereigene Wasser friert dabei zu Eiskristallen. Chemische Reaktionen und biologische, enzymatische Verfallsprozesse verlangsamen sich dramatisch. Jede Kühltruhe macht davon Gebrauch. Nüchtern betrachtet lässt sich dasselbe Prinzip bei Leichen ebenfalls anwenden: Die Körper werden also eingefroren, bis ein Platz in einem Stickstoffbad frei wird. Herkömmliche Vorsichtsmaßnahmen für die unmittelbare Zeit nach dem Ableben oder gar Balsamierungsmethoden sind daher nicht notwendig.
In der zweiten Stufe wird der Leichnam samt Sarg in flüssigen Stickstoff getaucht. Flüssiger Stickstoff hat eine Temperatur von minus 196 Grad und macht derzeit auch als Schockfroster für „Espumas“ in der Molekularküche Karriere. Bei Leichen hat er eine ganz besondere Aufgabe: Die schon eingefrorenen Totenkörper werden noch weiter abgekühlt. Es mag auf den ersten Blick vollkommen unsinnig erscheinen, bereits eingefrorene organische Materialien noch weiter zu frosten. Allerdings ist dies für die Kryobestattung allein aus physikalischen Gründen unabdingbar. Um dies zu erklären, müssen wir einen kleinen Ausflug in die molekulare Welt unternehmen.
Fette und andere kleine Moleküle
Muskelfasern, Bindegewebe und Knochenmaterial bestehen letztlich aus verschiedenen Proteinen, und diese sind nichts anderes als lange, kettenförmige Moleküle. Dazwischen befinden sich noch, je nach vorausgegangenem Lebensstil, Fette und andere kleine Moleküle. Wie bei allen Materialien bestimmt die Molekülbewegung deren Elastizität und somit die Beweglichkeit des ganzen Körpers. Je stärker sich die Moleküle bewegen können, desto deformierbarer und elastischer ist der ganze Materialkörper. Selbst bei minus 18 Grad wackeln diese Moleküle noch kräftig hin und her. Durch weitere Absenkung der Temperatur wird aber dieses Molekülgewackel immer weiter eingeschränkt, bis bei sehr tiefen Temperaturen die Moleküle fast unbeweglich erscheinen.
Die sichtbare Folge ist so dramatisch wie simpel: Die Körper werden extrem spröde und brechen wie Glas. Ein kleines Experiment mit Stickstoff zeigt dies. Ein beweglicher und flexibler Gummischlauch wird, wenn er in flüssigen Stickstoff getaucht wird, hart und spröde. Kein Wunder, denn wie soll sich Gummi dehnen lassen, wenn alle Moleküle, aus denen der Schlauch zusammengesetzt ist, auf ihren Plätzen starr verharren? Materialphysiker sprechen daher vom „Glasübergang“. Schlägt man dann mit einem Hammer auf den verglasten Schlauch, zerbirst dieser in viele kleine Trümmer wie Fensterglas.
Der tote Körper „erstarrt glasig“
Ganz unbefangen und losgelöst vom traurigen Anlass unterzieht der Stickstoffbestatter also den Leichnam einem Glasübergang. Der tote Körper „erstarrt glasig“ und wird dabei spröde. Somit ist die vierte Stufe nur logisch: Am Leichnam wird mit wohldefinierten Kräften und Auslenkungen gerüttelt. Der vollkommen spröde Körper zerspringt dabei in winzige Granulate, und es bleibt nichts weiter übrig als ein Häufchen Pulver mit Eisstückchen. In der fünften Stufe wird dieses Pulver unter Vakuum getrocknet, ebenfalls ähnlich den Verfahren, die vom Instantkaffee oder von molekularen Küchentechniken bekannt sind. Die sechste Stufe befreit dieses trockene Pulver dann noch von metallischen Rückständen, etwa Prothesen, Zahnersatz und dergleichen. Magnetfelder und Metallabscheider leisten dabei gute Dienste. Schon reduzieren sich die Lebensspuren dabei auf etwa 25 Kilogramm organisches Trockenpulver in umweltkorrekter Zusammensetzung. Schädliche Emissionen während des gesamten Prozesses sind ausgeschlossen.
In der letzten Stufe können die gereinigten, gefriergetrockneten und vollkommen geruchsfreien sterblichen Überreste begraben werden. Sinnigerweise schlagen die Stickstoffökobestatter dazu einen kleinen Sarg aus Mais- oder Kartoffelstärke vor, der praktisch klimaneutral innerhalb eines Jahres zu Kompost verrottet. Der Reinkarnation auf molekularer Ebene steht nichts mehr im Wege, und die auf dem Grab gepflanzten Rosen recken, human-biodynamisch gedüngt, die Blüten zum Himmel.
Was folgt daraus? Verfahrenstechnik, Chemie und Physik bereichern mit unzähligen Möglichkeiten unser tägliches Leben. Dass der technische Fortschritt selbst vor dem Tod nicht haltmacht, kann daher kaum verwundern.
Energiebilanz?
Ralf Becker (mfoe)
- 10.07.2007, 13:25 Uhr
Der Energieaufwand...
Chan Fei Yung (smileface)
- 10.07.2007, 15:05 Uhr
...
Paul Müller (Philidor)
- 10.07.2007, 16:20 Uhr
Sehr gut.
7162 Petersen (7162)
- 10.07.2007, 16:24 Uhr
Mal weiter gesponnen:
Maik Bode (MaikBode)
- 10.07.2007, 16:51 Uhr