Home
http://www.faz.net/-guq-735f7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

China Zahl der Lungenkrankheiten steigt gefährlich an

 ·  Mehr als die Hälfte der chinesischen Männer raucht, viele Frauen sind beim Kochen gefährlichen Schadstoffen ausgesetzt. Experten warnen: Immer mehr Chinesen leiden an lebensgefährlichen Lungenleiden.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Tödliche Lungenkrankheiten nehmen in China einem Experten zufolge in einem alarmierenden Ausmaß zu. Der starke Zigarettenkonsum, Smog in Städten, Luftverschmutzung daheim oder am Arbeitsplatz, veraltete Diagnosen und mangelnde Behandlung machen sogenannte chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) zu einem wachsenden Gesundheitsproblem. Um 2030 herum werden jedes Jahr drei Millionen Chinesen an einer solchen Krankheit sterben – eine Million mehr als schon heute, wie das britische Magazin „Nature“ berichtet.

„Wir sehen erst die Spitze des Eisbergs von COPD in China“, sagte Don Sin, ein Spezialist für Atemwegserkrankungen an der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver, dem Fachblatt. „In 30 Jahren wird die Zahl explodieren“, warnte der Forscher, der seine Vorhersagen auf gegenwärtige Trends und Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stützt.

Typische Symptome der Erkrankung sind Husten, Atemnot und Auswurf. COPD wird in verschiedene Schweregrade eingeteilt. In frühen Stadien ist die Prognose – etwa bei Verzicht auf das Rauchen – relativ gut.

Die Ursachen sind vielfältig: Mehr als die Hälfte aller chinesischen Männer raucht – insgesamt 300 Millionen Menschen. Zigaretten sind günstig und Rauchen ist gesellschaftlich weit verbreitet. Eine Studie aus 2007, die in sechs Städten durchgeführt wurde, ergab, dass sogar 41 Prozent der Ärzte rauchen. 2011 wurden landesweit weitreichende Rauchverbote etwa in Restaurants oder öffentlichen Plätzen erlassen, doch sie werden häufig ignoriert.

Zwar ist Rauchen unter Chinesinnen weniger verbreitet, doch auch viele Frauen in China haben ein COPD-Lungenleiden. Viele sind dem Qualm passiv ausgesetzt. Auch kochen Frauen besonders auf dem Land auf Öfen, die Schadstoffe ausstoßen. 70 Prozent aller Haushalte in China kochen und heizen mit Holz, Kohle, Ernteresten oder Tierdung. Die Brennstoffe setzen Partikel und Qualm mit Kohlenmonoxid, Formaldehyd und freien Radikalen frei.

Durch Chinas Wirtschaftsboom sind in der Industrie auch zunehmend mehr Fabrikarbeiter – Männer wie Frauen – giftigen Stoffen in der Luft ausgesetzt. Der Bericht nennt etwa Baumwoll- und Seidenfabriken, Baugewerbe oder Getreideverarbeitung, die solche Schadstoffe freisetzen. Deren Konzentration in den Häusern übersteige die Grenzwerte um ein Vielfaches.

Zudem bleiben die Lungenkrankheiten häufig zunächst unentdeckt, so dass lebensverlängernde Behandlungen zu spät ansetzen. Nun werde versucht, die Diagnosetechniken zu verbessern sowie preisgünstige Medikamente und Behandlungen zu erforschen.

Drei Faktoren tragen nach Angaben der Wissenschaftler ebenfalls zu einem erhöhten COPD-Risiko bei: Rund 1,5 Millionen Chinesen leiden demnach auch unter Tuberkulose. Außerdem hätten Kinder in vielen Gebieten häufig Lungenentzündungen und seien unterernährt.

  Weitersagen Kommentieren (0) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Chinas Babyklappen Nach Ablegen des Kindes strömen die Tränen

Seit drei Jahren gibt es in China die „Baby-Inseln“. Dort werden vor allem schwer kranke und behinderte Kinder abgegeben. Das eigentliche Problem sehen viele im unzureichenden Wohlfahrtssystem der Volksrepublik. Mehr

21.04.2014, 08:50 Uhr | Gesellschaft
Kehrseite des Wohlstandbooms Jeder dritte Diabetiker ist Chinese

Nirgendwo nehmen Zivilisationskrankheiten so rapide zu wie in der Volkrepublik. Die Aktienmärkte fürchten etwas anderes: Dass China zum kranken Mann der Weltwirtschaft wird. Mehr

15.04.2014, 06:26 Uhr | Wirtschaft
Fettsucht in Schwellenländern Die dicken Kinder von Schanghai

Jeder dritte Chinese hat Übergewicht. Typisch für Schwellenländer: Mit dem Wohlstand wächst der Appetit. Mehr

20.04.2014, 10:20 Uhr | Wirtschaft

26.09.2012, 08:45 Uhr

Weitersagen