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China Je nördlicher, desto teurer

27.05.2004 ·  China will bis zum Jahr 2015 ein Kanalprojekt umsetzen, mit zweifelhaften Erfolgsaussichten. Wasser aus dem Yangtze soll über mehr als 1000 Kilometer nach Norden bis in die Nähe von Peking geleitet werden.

Von Petra Kolonko, Yangzhou
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Das Wasser des Yangtze ist braun. Dort, wo der Kaiserkanal in Chinas "Mutterstrom" mündet, drängen sich lange Lastkähne und Hausboote. Am Ufer des Kaiserkanals liegt Abfall, die heruntergekommenen Anlegeplätze sind dicht umlagert, Industrieanlagen bestimmen die Silhouette. Wie ein Wasserschutzgebiet sieht die Kanallandschaft bei Yangzhou nicht aus. Und doch soll der alte Kanal bald Trinkwasser aus dem Süden Chinas in den trockenen Norden bringen. Am Kaiserkanal in der zentralchinesischen Provinz Jiangsu haben die Bauarbeiten zu einem der großen Wasserumleitungsprojekte Chinas begonnen. Wasser aus dem Yangtze soll über mehr als 1000 Kilometer nach Norden bis in die Industriestadt Tianjin in der Nähe von Peking geleitet werden. Dazu soll der jahrhundertealte Kaiserkanal, auf dem einst die Tributlieferungen aus dem Süden Chinas in die Kaiserstadt Peking gebracht wurden, vom Transportweg zur offenen Wasserleitung werden. Der Kaiserkanal wird dann zur Ost-Route des gewaltigen "Süd-Nord-Wasserumleitungsprojektes" werden, zu dem noch eine Umleitung in Zentralchina und eine in Westchina gehören wird.

Eine Reihe von Pumpstationen soll das Wasser aus dem Yangtze nach Norden bringen, 60 Meter Höhenunterschied sind zu bewältigen vom Yangtze bis hin zum Gelben Fluß. Dort wird das Wasser in einem Tunnel unter dem Gelben Fluß durchgeleitet, und nördlich des Gelben Flusses fließt es, da Tianjin tiefer liegt, von selbst nach Norden, erklärt Xu Junren vom Wasserbauamt der Provinz Jiangsu. Wenn die Pumpstationen fertig sind, wird die derzeitige Wassermenge im Kaiserkanal verdoppelt werden. Im Jahr 2015 soll das Yangtze-Wasser die Stadt Tianjin erreichen, ein Zweigkanal soll auf die Shandong-Halbinsel führen.

Gewagte Behauptung

Die Wasserbau-Ingenieure werden für das Umleitungsprojekt hauptsächlich den bestehenden Wasserweg des Kaiserkanals in den Provinzen Jiangsu und Shandong benutzen. Zusätzlich werden Zuleitungskanäle und an einigen Stellen parallel zum Kaiserkanal verlaufende Wasserwege gebaut werden. Einige Kanäle sollen auch in der Hochwasserperiode weiteres Wasser aus dem Hongze-See und anderen Seen in der Umgebung zuleiten. Als Bauprojekt ist die Ostroute dank des bestehenden Kaiserkanals nicht schwierig, sagt Xu Junren. Man muß dort auch nicht wie bei anderen Wasserprojekten eine große Zahl von Bauern umsiedeln. Doch das Umleitungsprojekt hat andere Tücken. Chinesische Umweltschützer und umweltbewußte Verbraucher sorgen sich vor allem um die Qualität des Wassers, das im Norden ankommen wird. Vom braunen Wasser, das aus dem Yangtze nach Norden gepumpt wird, behaupten die Ingenieure, es habe Trinkwasserqualität. Das erscheint wie eine gewagte Behauptung, sind doch selbst die zurückhaltenden chinesischen Zeitungen voll von Berichten über die Verschmutzung des Yangtze durch industrielle und städtische Abwässer.

Vor kurzem hat das Umweltministerium in Peking gewarnt, den Yangtze werde, wenn nicht bald drastische Schutzmaßnahmen ergriffen werden, bald dasselbe Schicksal ereilen wie den Gelben Fluß, der zu Zeiten kaum noch Wasser führt und dessen Restwasser hochgradig versandet und verschmutzt ist.

Problem Wasserschutz

Doch selbst wenn das Yangtze-Wasser trinkbar sein sollte, wie die Ingenieure in Yangzhou es behaupten, so ist doch entlang der 1000 Kilometer langen Strecke noch sicherzustellen, daß das Wasser aus dem Yangtze auf seinem Weg in den Norden nicht noch weiter verschmutzt wird. In China werden derzeit noch 80 Prozent aller Abwässer ungeklärt in Flüsse und Kanäle geleitet. Der Schutz der Wasserqualität wird die größte Herausforderung bei dieser Umleitung werden, gibt Xu Junren zu.

Es sind allein in der Provinz Jiangsu 26 Kläranlagen an den Seiten des Kanals geplant, die die Zuleitungen in den Wasserweg klären sollen, weitere in der Provinz Shandong, zudem eine Reihe von Müllverarbeitungsanlagen. Entlang des Wasserweges sollen Meßstationen zur Untersuchung der Wasserqualität eingerichtet werden. Außerdem sollen an einigen Stellen Grüngürtel angelegt werden. Der Pekinger Ökologe Ma Jun hält es für einen positiven Aspekt dieses Umleitungsprojektes, daß es die örtlichen Behörden zwingen werde, Wasserschutzmaßnahmen durchzusetzen. Auf dem Kanal werden aber auch weiter Schiffe fahren. Der Schiffsverkehr soll nicht verboten, nur eingeschränkt werden.

Keine andere Wahl

Ma Jun, der sich seit Jahren mit Chinas Wasserkrise befaßt, sagt, es wäre besser gewesen, eine Wasserleitung zu bauen, doch die Regierung hat diesen Plan wegen der höheren Kosten verworfen. Nun werden sich am offenen Kanal auch Verteilungsprobleme ergeben. Wer könne schon die Bauern am Kanal daran hindern, sich am Wasser zu bedienen? Ingenieur Xu bestreitet, daß es eine "Wasserpolizei" am Kanal geben werde, die Bauern würden Wasser zu Vorzugspreisen erhalten.

Kritiker haben auch Zweifel an der Effizienz der Projekte geäußert. Zwanzig Prozent des Wassers versickert, dazu kommen noch Verluste durch Verdunstung. Die Ingenieure kalkulieren, daß nur etwa 50 Prozent des Wassers schließlich im Norden genutzt werden können. Die Pumpstationen verbrauchen große Mengen teurer Energie. Schon jetzt macht sich in Chinas boomender Wirtschaft, auch in der Provinz Jiangsu, Energiemangel bemerkbar. Doch Ingenieur Xu ist zuversichtlich, daß die Energieversorgung bald sichergestellt wird, in fünf Jahren, so hofft er, könne man für die Pumpen am Kaiserkanal Strom vom Drei-Schluchten-Staudamm des Yangtze benutzen. Trotzdem wird das Wasser aus dem Umleitungsprojekt sehr teuer werden: Je nördlicher, desto höher der Preis für Wasser zweifelhafter Qualität. Ma Jun weiß, daß Tianjin und die anderen Städte im Norden vom Zuleitungsprojekt nicht begeistert sind, angesichts der zu erwartenden minderen Qualität und des hohen Preises des Wassers, das für sie bestimmt ist. Doch sie hätten angesichts der anhaltenden Dürre im Norden keine Wahl. Besser dieses Wasser als gar keines.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2004, Nr. 123 / Seite 10
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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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