Null Uhr am 5. Mai 2012 in Westermarkelsdorf auf Fehmarn. Das neunte deutsche „Birdrace“ beginnt. Wie der Name schon vermuten lässt, stammt die Idee aus England und hat mit dem Beobachten von Vögeln zu tun. Wer bislang die Vogelkunde für ein randständiges Hobby pensionierter Oberstudienräte hielt, dem sei die Teilnahme dringend empfohlen. Denn ein „Birdrace“ ist neben ungetrübtem Naturgenuss vor allem: ein großer Spaß.
Das kommt schon in den Namen der Teams zum Ausdruck. Von „Famous Grouse Birders“ bis „Uhulogen“ ist alles dabei unter den 165 Teams, die in ganz Deutschland gemeldet und teils per Fahrrad unterwegs sind. Dass dabei ornithologische Daten und Sponsorengelder für Naturschutz-Projekte gesammelt werden: Ehrensache!
Urinstinkte des Jägers und Sammlers
Auch die Einhaltung der Spielregeln ist eine Frage der Ehre. Binnen 24 Stunden sollen in einem von den Teilnehmern frei zu wählenden Beobachtungsgebiet, oft ist es ein Kreis oder eine bestimmte Region, so viele Vogelarten wie möglich nachgewiesen werden - entweder durch Sichtung oder akustischen Nachweis. Mindestens die Hälfte der zwei bis fünf Teammitglieder müssen die Art gesehen oder gehört und sicher bestimmt haben. So vermeidet man, dass große Gruppen sich aufteilen, um die Ausbeute zu vergrößern. Klangattrappen zum Anlocken sind verboten. Erlaubt sind lediglich Ferngläser und Spektive.
Die Ornithologie (“scientia amabilis“) verbindet in vortrefflicher Weise die Urinstinkte des Jägers und Sammlers. Das macht sich der „Dachverband Deutscher Avifaunisten“ (DDA) zunutze, der mit den von den Teams eingeworbenen Spenden unter anderem den „Atlas deutscher Brutvogelarten“ herausgibt, der demnächst erscheinen wird. Jedes Jahr findet am ersten Samstag im Mai der Wettkampf statt.
Um drei Uhr klingelt in Westermarkelsdorf der Wecker. Wir, drei Hobby-Ornithologen, haben wie in den Vorjahren die Insel Fehmarn am gleichnamigen Belt als unser Zählgebiet gewählt und starten als „Belt-Brothers“. Wir sind mit der Insel und ihrer Vogelwelt vertraut und erreichten im Vorjahr das Allzeithoch für die Insel: 125 verschiedene Vogelarten binnen 24 Stunden. Den Rekord gilt es zu brechen. Schon Tage vorher studierten wir den Wetterbericht. Wind, Regen oder Nebel sind schlecht, dann hört man den Gesang der Vögel nicht - über den geübte Ornithologen viele Arten nachweisen. Wir haben Glück. Während es südlich der Mittelgebirge überwiegend regnet, sind die Bedingungen im Norden gut: Nordwestlicher Wind um 3, klare Sicht, heiter, aber nicht gerade frühlingshafte Temperaturen zwischen sechs und 14 Grad.
In diesem Jahr gibt es neben der eigenen Rekordmarke und dem Wetter einen weiteren Gegner: ein Damenteam, das überwiegend im Wasservogel-Reservat des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) auf Fehmarn in Wallnau tätig ist, hat sich ebenfalls für die Insel angemeldet. Von Beginn an ist also klar: Die „Reihergänse“, wie sich die jungen Damen nennen, dürfen uns auf unserem heimischen Platz nicht schlagen. Und so ziehen wir drei „Belt-Brothers“ schon um 3.30 Uhr in die mondbeschienene Schilflandschaft im Westen der Insel.
Als es hell wird, geht es zur Nordküste
Wer kennt noch diese Stimmung, bei Stille und Dunkelheit dem weit tragenden Balzruf der Rohrdommel zu lauschen, der so klingt, als blase jemand über eine Flasche? Jäger und Naturschützer, so unterschiedlich sie sein mögen, werden sich in solchen Momenten einig sein - und Menschen bedauern, denen ein solches Schauspiel zeitlebens verborgen bleibt. Leider gibt es immer weniger Orte in Deutschland, an denen man noch ungestört vom menschlichen Lärm Rohrdommel, Blaukehlchen, Schwirle oder andere nachtaktive Vögel hören kann. Fehmarn hat gottlob noch solche Ecken. So hören wir gegen fünf Uhr den Sprosser, den östlichen Verwandten der Nachtigall. Mit ihm hatten wir nicht gerechnet, weil er so selten ist.
Als es hell wird, geht es zur Nordküste. Wir hoffen, hier einige seltene Zugvögel auf dem Weg über die „Vogelfluglinie“ in die arktischen Brutreviere nachzuweisen. Aber Fehmarn hat keinen Wald. Während die Festland-Teams sich nicht anstrengen müssen, Waldvögel wie Spechte, Baumläufer oder Meisen abzuhaken, fehlen sie auf der Insel, auf der es folgerichtig auch keine Eichhörnchen gibt. Wir müssen die fehlenden Waldvögel mit den jenseits der Küsten spärlichen Wasser- und Watvögeln kompensieren und haben Glück. Vor der Küste ziehen Sterntaucher in ihre arktische Brutheimat, gefolgt von Nonnengänsen. Erfreulich sind auch acht frisch geschlüpfte Kiebitze auf einer extensiv genutzten Feuchtfläche, die der Stiftung Naturschutz gehört. Vorbei die Zeiten, als Bernhard Grzimek im Fernsehen noch verkünden konnte, der Kiebitz sei „ein putziger Geselle und bevölkert im Sommer zu Hunderten unsere Wiesen und Felder“. Außerhalb besonders bewirtschafteter Flächen findet er kaum noch Nistplätze.
Rief da nicht ein Goldregenpfeifer?
Zehn Uhr, 70 Arten. Das klingt viel, ist es aber nicht. Denn wenn die gewöhnlichen Arten abgearbeitet sind, wird es schwierig. Noch immer kein Seeadler. Wo bleibt der Große Brachvogel? Rief da nicht eben ein Goldregenpfeifer? Und was machen die „Reihergänse“? Nutzen sie ihr Insiderwissen aus Wallnau? Dort soll an den Vortagen ein Stelzenläufer, sonst fast nur noch im Mittelmeerraum beheimatet, gesichtet worden sein. Gegen Mittag treffen wir die Damen, die inzwischen mit männlicher Unterstützung unterwegs sind. Sie tragen, ganz cool, Sonnenbrille und Käppi, das so gar nicht ins tradierte Bild von Vogelkundlern passt - und rücken nichts heraus, weder Route noch Arten noch die bisherige Tageszahl. Wir ziehen weiter nach Wallnau. Das ehemalige Teichgut, einst auch mit Mitteln der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt vom Nabu erworben, hat sich zu einem der bedeutendsten Rastplätze Norddeutschlands entwickelt. Eine Uferschnepfe! Sie brütet in Deutschland fast nur noch in geschützten Arealen wie Wallnau.
Während der 1. FC Köln gegen den Abstieg kämpft, merken wir am Nachmittag den fehlenden Schlaf. Es wird zäh. Erst 100 Arten. Aber wir haben noch Zeit bis 23.59 Uhr. Gegen Abend geht es zum Naturschutzgebiet Grüner Brink. Dessen Flachwasserbereiche, die an der holsteinischen Küste selten sind, schätzen Nahrung suchende und durchziehende Vögel ebenso wie Kitesurfer - früher waren die Vögel in der Überzahl. Bei Sonnenuntergang finden wir uns am Altenteiler Wald ein, was etwas euphemistisch ist, weil es kaum Bäume gibt. Ornithologisch interessanter sind die nahen Schilfflächen. Um 22 Uhr: eine jagende Sumpfohreule und ein später Merlin-Falke, der auf dem Weg in seine skandinavische Brutheimat auf der Insel jagt.
Zurück in Westermarkelsdorf, beim lang ersehnten „Einlauf-Bier“, addieren wir. Es sind am Ende 115 verschiedene Vogelarten. Unsere eigene Bestmarke haben wir verfehlt. Platz eins von 165 Teams geht an „Cuxland“ mit 163 Arten. Wir belegen Platz 52, fühlen uns aber auch als Sieger. Denn wir haben fast 20 Stunden in der Natur verbracht, sie belauscht und uns mit ihr gemessen. Und die „Reihergänse“ haben wir in diesem Jahr noch auf Distanz gehalten - sie kommen auf 81 Arten.
Neuer Ansatz und gute Idee...
Michael Meier (never1)
- 08.05.2012, 09:44 Uhr
