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Bedrohte Korallenarten Im Riff des Klimawandels

11.07.2008 ·  Vor der südbrasilianischen Provinz Bahia hat man ein Riffsystem gefunden, das eines der größten und artenreichsten Korallenriffe der Welt ist. Das ist eine gute Nachricht, denn jede dritte Korallenart ist einer neuen Studie zufolge vom Aussterben bedroht.

Von Joachim Müller-Jung
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Die gute Nachricht zuerst: Vor zwei Tagen gab „Conservation International“, eine der größten wissenschaftlichen Naturschutzorganisationen der Welt, die Entdeckung eines der größten und artenreichsten Korallenriffe im Südatlantik bekannt. Vor der südbrasilianischen Provinz Bahia hatte man bei den Abrolhos-Inseln, die wegen ihres Reichtums an nur hier vorkommenden Meeresorganismen ohnehin schon spektakulär sind, ein Riffsystem gefunden und kartiert. Mit einem Schlag verdoppelt es die Größe der Abrolhos-Bank. Das Korallenareal ist nun etwa 46.000 Quadratkilometer groß - so groß wie Niedersachsen. Große Teile blieben so lange unentdeckt, weil die Korallen etwas abseits und in Tiefen von 20 bis sogar mehr als 70 Meter gedeihen.

Diese mehr oder weniger versteckte Lebensweise könnte den Korallen in den nächsten Jahrzehnten sogar zum Überlebensvorteil gereichen. „Die einzigen Arten, die nicht zu den gefährdeten Kategorien zählen, sind solche in tieferen, flacheren Riffen und solche, die außerhalb von Riffstrukturen existieren“, so heißt es in einer der umfassendsten Bestandsaufnahmen der Korallenvorkommen, die an diesem Freitag in „Science“ erscheint. Wissenschaftler aus fast allen Kontinenten haben zum ersten Mal im Auftrag der Welt-Naturschutzunion IUCN den Zustand aller bekannten 845 Korallenarten ermittelt - zumindest solcher, die für ihre Existenz die farbenprächtigen einzelligen Algen enthalten. Das ist ein durchaus umstrittenes Unterfangen, denn für viele Korallen gibt es zu wenig Langzeitdaten, als dass man daraus eine Gefährdung oder gar Prognosen ableiten könnte. 141 Arten wurden daher von vornherein ausgeschlossen. Von den restlichen 704 Arten haben nach Angaben des Teams um Kent Carpenter von der Old Dominian University in Norfolk (Virginia) ein Drittel „ein erhöhtes Risiko auszusterben“.

„Das Aussterberisiko hat dramatisch zugenommen“

Die Populationsentwicklung vieler dieser Spezies konnte man zwar nur abschätzen, indem man die Zerstörung ihres Lebensraums und ihre ökologische Robustheit als Anhaltspunkt nimmt. Aber der Trend ist unübersehbar: Die tropischen Korallengürtel haben in der jüngeren Vergangenheit unter vielfältigen Veränderungen und Störungen gelitten - besonders die Arten in der Karibik (wie die Acropora-Steinkorallen) sowie jene im indo-malayisch-philippinischen Pazifikraum, dem außergewöhnlich diversen Korallendreieck. Aus einem am Dienstag von der amerikanischen Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung (NOAA) vorgestellten Bericht geht sogar hervor, dass wegen der Erderwärmung und der Meeresverschmutzung schon drei Viertel der Korallenriffe in der Karibik geschädigt sind.

„Das Aussterberisiko hat dramatisch zugenommen“, heißt es in der „Science“-Studie. Vor allem die Erwärmung des Wassers an der Oberfläche und das damit verbundene Ausbleichen, bei dem die Nesseltiere ihre Algen ausstoßen, setzt den koloniebildenden Tieren zu, genauso wie Küstenfischerei, Sediment- und Schadstoffeinträge an den Küsten, Rohstoffgewinnung und exzessiver Tauchtourismus. Dadurch werden sie auch anfälliger für Krankheiten.

Viele Arten könnten sich in den nächsten Jahrzehnten regenerieren

Für die jüngsten Zerstörungen freilich ist vor allem das Naturphänomen El Niño verantwortlich. Die Klimaanomalie, die mit einer Erwärmung des Ostpazifiks und atmosphärischen Verschiebungen einhergeht und in Extremjahren nahezu globale Auswirkungen auf Niederschlag und Temperaturen haben kann, hatte im Jahr 1998 einen Großteil der Riffe im Tropengürtel geschädigt. Vor diesem außergewöhnlich intensiven El Niño wären nach Erhebungen der Forscher von 704 untersuchten Arten höchstens 20 als „annähernd gefährdet“ und 13 als „bedroht“ eingestuft worden. Knapp sechs Prozent der damals zerstörten Riffe haben sich erholt. Viele Arten könnten sich nach Einschätzung der Forscher in den nächsten Jahrzehnten regenerieren. Doch 16 Prozent galten fünf Jahre nach dem schwarzen Korallenjahr als irreversibel geschädigt. Und obwohl seither kein weiteres so extremes El-Niño-Jahr folgte, setzt sich offenbar in einigen Gebieten wie im indo-pazifischen Raum der Schwund der Riffe mit einem jährlichen Verlust von ein bis zwei Prozent fort.

„Der Anteil der gefährdeten Korallenarten übertrifft inzwischen sämtliche Tiergruppen, ausgenommen die Amphibien“, schreiben die Autoren. Die Wissenschaftler fordern daher, die Schutzmaßnahmen an den Küsten möglichst schnell zu forcieren. Manche Lichtblicke gab es in dieser Hinsicht, nicht zuletzt die Ankündigung der Staatengemeinschaft auf der Biodiversitätskonferenz in Bonn, bis 2012 ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten einzurichten. Indonesien sagte zu, 20 Millionen Hektar rund um seine Inseln zu schützen. Es wäre das größte, artenreichste Meeresreservat der Welt.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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