19.09.2007 · Der Abenteurer Arved Fuchs kennt die Arktis wie seine Westentasche. Zweimal hat er sich durch die Nordwestpassage gearbeitet, die derzeit eisfrei ist. Momentan beobachtet er in der Polarregion, wie stark sich das Eis zurückgezogen hat.
Arved Fuchs ist Abenteurer und Polarforscher. Der 54-Jährige ist mit der „Dagmar Aaen“ unter anderem in den Jahren 1993 sowie 2003 und 2004 durch die Nordwestpassage gefahren - ein Unterfangen, dass angesichts zunehmender Eisschmelze immer weniger abenteuerlich wird. 2002 schaffte es Fuchs zudem, die Nordostpassage zu durchfahren.
Herr Fuchs, wo sind Sie gerade?
Wir sind auf See, zwischen Trondheim und Ålesund an der norwegischen Küste. Gestern gab es Windstärken von zehn bis elf, heute ist es nicht mehr so stürmisch.
Sie waren den ganzen Sommer über unterwegs?
Ja, heute ist mein hundertster Tag.
Unter anderem haben Sie auf Spitzbergen einige Entdeckungen gemacht.
Ja, wir haben Objekte der Schröder-Stranz-Expedition gefunden, bei der Herbert Schröder-Stranz und die meisten seiner dreizehn Begleiter im August 1913 im Nordostland von Spitzbergen umkamen. Unser Expeditionsteilnehmer Falk Mahnke hat sich seit Jahren damit beschäftigt. So konnten wir einige Hütten der damaligen Expedition ansteuern. In einem Fjord entdeckten wir einen der letzten Lagerplätze wieder. Unter anderem haben wir einen Schuh, ein Stück einer Schlittenkufe und ein altes Hanfseil gefunden.
Was macht Sie so sicher, dass es Originalfunde sind?
Falk Mahnke, der schon zurückgekehrt ist, hat mir gerade mitgeteilt, dass die Kufe sich alten Abbildungen von der Expedition zuordnen lässt. Wir durften nichts von den Sachen mitnehmen, sondern haben es nur fotografiert. Die Unterlagen werden wir dem norwegischen Gouverneur von Spitzbergen zukommen lassen.
Dieses Mal waren Sie auch unterwegs, um Klimaveränderungen zu untersuchen.
Ja, wir haben Dirk Notz vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie dabei gehabt. Das Schiff war mit einer Sonde ausgestattet, die unter anderem Temperatur und Salzgehalt des Wassers misst. Außerdem sind wir ins Eis gefahren, so dass er Eisbohrkerne ziehen konnte. Von der Nordküste Spitzbergens sind wir bis etwa zum 82. Breitengrad gefahren. Dort erst, weit im Norden, haben wir Eis gefunden.
So nördlich waren Sie mit Ihrem Schiff, der „Dagmar Aaen“, noch nie?
Nein, das ist Rekord. Und es zeigt, dass sich das Eis jedes Jahr weiter zurück zieht. Das macht mich, der ich seit dreißig Jahren hier oben bin, sprachlos. Ich verfolge die wissenschaftliche Diskussion und die IPCC-Klimaberichte. Wenn ich mir selbst die pessimistischsten Prognosen des letzten Klimaberichts anschaue – die tatsächlichen Gegebenheiten sehen schlimmer aus.
Wie machen sich die Veränderungen bemerkbar?
In Spitzbergen hat sich das Eis nicht nur im Nordwesten, wo der Golfstrom noch Auswirkungen hat, weit nach Norden zurück gezogen. Heute ist ganz Spitzbergen eisfrei. Wir haben die Inselgruppe umrunden können, ohne auch nur einmal Probleme gehabt zu haben. Außer einzelnen Stücken haben wir gar kein Eis gesehen. Das ist sehr ungewöhnlich. Vor zehn Jahren hätte man sich das nicht vorstellen können. Von Spitzbergen hätten wir auch in direkter Linie nach Franz-Josef-Land segeln können. Die Eiskarten zeigen, dass dieses Problem nicht örtlich oder zeitlich begrenzt ist: Das Eis insgesamt zieht sich zurück.
Und welche Auswirkungen hat das auf die Natur?
Ein Beispiel: Auf den Inseln im Osten Spitzbergens bringen die Eisbärenmütter ihre Jungen in Schneehöhlen zur Welt. Dann bringen sie die Jungen übers Eis nach Norden. Mittlerweile ist dort kein Eis mehr. Wir haben extrem magere Eisbären gesehen, die offenbar den Anschluss ans Eis verloren haben und nicht mehr genügend Nahrung finden. Es gibt auch Berichte über Eisbären, die verhungert sind. Manche ertrinken, weil sie nicht unendlich weit schwimmen können.
Am Wochenende wurde bekannt, dass die Nordwest-Passage mittlerweile vollkommen von Eis befreit und befahrbar ist. Das überrascht Sie demnach nicht mehr?
Doch. In den letzten beiden Jahren war das Eis schon deutlich zurück gegangen. Aber so schnell habe ich es nicht erwartet.
Sind haben die Nordwest-Passage zwei Mal genommen. Da war es noch nicht so leicht.
Das letzte Mal bin ich vor drei Jahren hindurch gefahren. 2003 haben wir es nicht geschafft durchzukommen, weil einfach zu viel Eis dort war. Deshalb haben wir dort überwintert. Erst im September 2004, und das auch nur, weil ein Sturm das Eis nochmal aufgebrochen hat, sind wir durchgekommen. Wir brauchten also zwei Sommer und wirklich große Mühe, um die Passage zu schaffen.
Was wird sich nun ändern?
Es ist unglaublich, was jetzt alles passiert. Denken Sie nur an die Russen, die am Nordpol ihre Flagge verankern, oder an die Kanadier, die einen Tiefwasserhafen bauen und ihre militärische Präsenz in der Nordwest-Passage verstärken wollen. Und wenn auch Dänemark und Grönland Ansprüche erheben, dann merkt man: Alle stehen in den Startlöchern, um Profit aus dem Wandel zu schlagen. Die Veränderungen schaffen Zugriff auf Bodenschätze und beschwören Konflikte herauf.
Inwiefern bedeutet das eine ökologische Bedrohung?
Ich weiß von großen Reedereien, die schon bald durchfahren wollen, weil es den Seeweg von Hamburg nach Yokohama um 40 Prozent verkürzt – und damit die Betriebskosten reduziert.
Das muss nicht schlecht sein, wenn man so Treibstoff spart . . .
So lange es zu keiner Havarie kommt, wird das auf die Natur keine großen Auswirkungen haben. Aber wenn dort eine Havarie passiert, ist es schlimm. Außerdem wird man versuchen, Öl zu bohren. Aber der Blick auf die Vorteile vernebelt nur die Nachteile: Insgesamt wird es nur Verlierer geben. Nirgendwo auf der Welt erwärmt sich das Klima so schnell wie in der Arktis. Und die Folgen der Veränderungen werden dann auch in anderen Klimazonen drastisch zu spüren sein.
Wann werden Sie wieder in Deutschland sein, um von ihren Befunden zu berichten?
Ende der ersten Oktoberwoche kommen wir an, in Kiel, Flensburg oder Hamburg, mal sehen.