Das Restaurant „Kowloon“ im Bezirk Silom in Bangkok serviert Küche aus Südchina. Dazu gehört auch Haifischflossensuppe. Vor allem die Chinesen schätzen das Gericht als Delikatesse. Bei keinem chinesischen Bankett, etwa zu Hochzeiten und bei wichtigen Geschäftsessen, darf die dicke Brühe mit den transparenten Knorpelstreifen fehlen. Sie ist teuer und deshalb ein Statussymbol.
Der Wirt des „Kowloon“, ein thailändischer Chinese, zeigt Teile der Haiflosse, bevor sie in die Suppe kommen. Es sind faserige, hellgelbe Stückchen, die an das getrocknete Fleisch einer Zitrusfrucht erinnern. Die Ware hole er auf dem Markt, sagt der Wirt. Für Tierschützer ist das ein Albtraum, denn die Haipopulationen in den Weltmeeren werden immer kleiner. Der wachsende Wohlstand in Asien hat die Nachfrage nach der Suppe weiter verstärkt. Mittlerweile seien schon 73 der 400 bis 500 Haifischarten gefährdet, sagt Ralf Sonntag, Deutschlanddirektor und Haifachmann der Tierschutzorganisation IFAW („International Fund for Animal Welfare“) in Bangkok.
Handel ist nur erlaubt, wenn Bestände nicht gefährdet sind
Meist werden den noch lebenden Tieren die Flossen abgeschnitten und die Kadaver dann ins Meer zurückgeworfen. Bis zu 100 Millionen Tiere sollen dem Handel jedes Jahr zum Opfer fallen. Trotz der düsteren Lage hat sich in dieser Woche Begeisterung unter vielen Teilnehmern der Vertragsstaatenkonferenz zum Washingtoner Artenschutzabkommen in Bangkok breitgemacht. Schon seit Jahren wird versucht, zumindest einige der Arten in den Anhang II des Vertrags aufzunehmen, der die darin gelisteten Tiere als gefährdet einstuft und den Handel mit ihren Produkten strengen Kontrollen im Ursprungsland unterwirft.
Gegen den Widerstand Chinas und Japans wurde nun zum ersten Mal entschieden, fünf Haifischarten auf diese Liste zu setzen. Der Handel ist nur noch erlaubt, wenn ihre Bestände nicht gefährdet sind. Tierschützer in Bangkok sprachen von einem „historischen Schritt“. Allerdings wird es an diesem Donnerstag noch einmal spannend, denn es ist möglich, dass die Gegner die Entscheidung im Abschlussplenum in letzter Minute noch einmal zur Abstimmung bringen.
Inkrafttreten in eineinhalb Jahren
Die Geschäfte im Restaurant „Kowloon“ in Bangkok sind jedenfalls noch nicht beeinträchtigt. Auf der Karte fangen die Preise für Haifischprodukte bei 350 thailändischen Baht für die einfache Suppe mit Krebsfleisch an (etwa neun Euro). Dann kommt für 380 Baht Rührei mit Haifischflosse (knapp zehn Euro). 800 Baht kostet die „ausgewählte Haifischflosse, in hochwertiger Suppe geschmort“, sowie die „zweifach gekochte Haifischflossensuppe mit Bambus“ (etwa 20 Euro). Am oberen Ende der Preisskala finden sich Gerichte wie die „hochwertige konzentrierte Hühnersuppe mit Haifischflosse“ und ein berühmtes Gericht mit dem bildhaften Namen „Buddha springt über die Mauer“, das einen Tag im Voraus bestellt werden muss. Es wird über Stunden vorgekocht und enthält normalerweise neben Haifischflosse eine Vielzahl weiterer Zutaten, darunter Abalone, Seegurke, Hühner- und Schweinefleisch.
Ein paar Kilometer weiter, im „Queen Sirikit National Convention Center“, beraten die 178 Vertragsstaaten derweil weiter über die Listung der Arten. Sollte die Entscheidung bestätigt werden, kommen der Weißspitzen-Hochseehai, drei Hammerhaiarten und der Heringshai unter den Schutz der „Convention on International Trade in Endangered Species“ (Cites). Die Regeln sollen in eineinhalb Jahren in Kraft treten. Allerdings müssten sie dann auch noch an Ort und Stelle in die Tat umgesetzt werden, wie einige der Delegierten bei der Konferenz zu bedenken gaben. Dies könnte die eigentliche Aufgabe werden, sagt etwa ein Vertreter aus dem Senegal. Ein Repräsentant der Europäischen Union weist darauf hin, dass der Staatenbund genau dafür nun Mittel zur Verfügung gestellt habe. Gelobt wird einhellig das Engagement der südamerikanischen und der west- und zentralafrikanischen Länder, die sich in diesem Jahr erfolgreich für die Haie eingesetzt und dem Druck Japans und Chinas standgehalten hätten.
In China wird skrupellos mit gefährdeten Arten gehandelt
Im Restaurant „Kowloon“ in Silom sitzen an diesem Tag auch zwei Geschäftsreisende aus der ostchinesischen Provinz Jiangsu. Auf ihrem Tisch stehen Schalen mit duftender Nudelsuppe, daneben Stapel aus Bambuskörben. Darin warten Teigtaschen aus Krabben- und Schweinefleisch auf den Verzehr. Haifischflossensuppe haben die beiden Männer diesmal nicht bestellt. Die gibt es nur zu besonderen Gelegenheiten. Die umstrittene Delikatesse werde in China auch schon viel weniger konsumiert als vor einigen Jahren, sagen die beiden Geschäftsleute. In großangelegten Kampagnen hätten sich bekannte Kung-Fu-Stars und andere chinesische Prominente gegen den Verzehr der weitgehend geschmacksfreien Zutat ausgesprochen. Einer der Ersten, die sich in China gegen Haifischflossensuppe gewendet hatten, war der berühmte Basketballer Yao Ming. Zudem, so sagen die beiden Chinesen, gebe es viel zu viel gefälschte Ware.
Trotz der Beteuerungen wird gerade in China immer noch besonders skrupellos mit gefährdeten Tierarten gehandelt. Der vorläufige Erfolg beim Haifischschutz kann denn auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bilanz der fast zweiwöchigen Konferenz durchwachsen ausfällt. Stärker geschützt werden in Zukunft Sägerochen und zwei Arten Mantarochen, zudem einige Schildkrötenarten, Afrikanische Manatis (Seekühe) und der gerade bei deutschen Reptilienhaltern beliebte grüne Baumgecko aus Neuseeland. Auch einige Baumarten wurden aufgenommen, darunter Palisanderholz aus Südostasien und Ebenholz aus Madagaskar.
Zahl der gewilderten Elefanten hat sich verdoppelt
Als Rückschlag werteten die Tierschützer dagegen, dass Kanada, die EU und Norwegen die Listung der Eisbären im Anhang I verhindert haben. Neben der Bedrohung durch den Klimawandel gerate die Population auch durch die Jagd unter Druck, heißt es auf den Fluren des Konferenzzentrums in Bangkok. Pro Jahr würden derzeit 400 Eisbären zum Abschuss freigegeben, sagt Ralf Sonntag von IFAW. Bis zum Jahr 2050 könnten Schätzungen nach bis zu zwei Drittel der 200000 bis 250000 Eisbären verschwunden sein.
Ein besonderes Augenmerk lag in diesem Jahr auch auf den größten Landsäugetieren, den Elefanten. Schließlich ist der Gastgeber Thailand neben China einer der wichtigsten Handelsplätze für Elfenbein. Die Berichte sind alarmierend: Nach einem UN-Report, der bei der Konferenz vorgestellt worden war, hat sich die Zahl der gewilderten Elefanten in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt und der illegale Handel mit Elfenbein sogar verdreifacht. Der Druck auf die thailändische Regierung wächst, den Handel vollständig zu unterbinden. Doch hat Bangkok sich bislang nicht festlegen lassen.
Der Handel mit fünf bedrohten Hai-Arten wird eingeschränkt. In Bangkok bestätigte die Vollversammlung der internationalen Artenschutzkonferenz Cites am Donnerstag diese Entscheidung vom Wochenbeginn am Donnerstag gegen den Willen Chinas und Japans. Die beiden Länder hatten aus unterschiedlichen Beweggründen versucht, in letzter Minute neue Abstimmungen über die Aufnahme der Haie in den Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens herbeizuführen. Die Haie werden besonders wegen ihrer Flossen gejagt, die in Asien als Delikatesse gefragt sind. „Dies ist ein historischer Moment. Nach vielen Jahren mit schwachen Ergebnissen freuen wir uns über dieses Geburtstagsgeschenk zum 40. Jubiläum des Artenschutzübereinkommens“, sagte Volker Homes vom World Wide Fund for Nature (WWF). Heringshai, Weißspitzen-Hochseehai, drei Hammerhai-Arten und zwei Mantarochen-Arten dürfen damit nur noch unter strengen Auflagen gehandelt werden. Eine Sägefischart wurde in die höchste Schutzkategorie aufgenommen. Die Regeln werden allerdings erst in 18 Monaten wirksam. „Wir sind erleichtert, dass die Entscheidungen nicht aufgehoben wurden, und wir uns nun darauf konzentrieren können, sie in die Tat umzusetzen“, sagte Sonja Fordham, die Präsidentin der Organisation „Shark Advocates International“.
Haifische
Lara Rosenberg (Shiva36)
- 15.03.2013, 10:34 Uhr
