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Antarktis Gewaltiger Eisberg versperrt den McMurdo-Sund

21.01.2005 ·  Ein riesiger Eisberg von 3000 Quadratkilometern Fläche blockiert den Zugang zu Forschungsstationen in der Antarktis. Aber auch Pinguine sind dadurch von ihren Nahrungsquellen abgeschnitten.

Von Horst Rademacher, San Francisco
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Spätestens seit dem Untergang der Titanic im Jahre 1912 wissen auch eingefleischte Landratten, wie gefährlich Eisberge für die Seeschiffahrt sein können. Die Eisberge im Nordatlantik sind aber nur Zwerge, verglichen mit den Eisinseln, die von Zeit zu Zeit im Südpolarmeer gesichtet werden. Ein solcher gewaltiger Tafeleisberg von der Größe Luxemburgs versperrt nun seit einigen Tagen den McMurdo-Sund in der Antarktis - und gefährdet damit nicht nur die Versorgung dreier wichtiger Forschungsstationen auf dem tiefgefrorenen Südkontinent, sondern macht auch den großen Pinguin-Kolonien in der Gegend die Nahrungssuche schwer.

Die meisten Eisberge im Nordatlantik entstehen beim Kalben der vielen Gletscher an den Küsten Skandinaviens, Grönlands, Islands oder in Labrador. Da Eis eine geringere Dichte als Meerwasser hat, schwimmen die eisigen Bruchstücke auf dem Wasser und werden von den vorherrschenden Meeresströmungen nach Süden verfrachtet. Dabei kreuzen sie wichtige Schiffahrtsrouten zwischen Europa und Nordamerika, bevor sie in den wärmeren Gewässern des westlichen Atlantiks schmelzen.

Eisinseln statt Eisberge

Die größten Eisberge im Nordatlantik sind vielleicht mehrere hundert Meter lang und ebenso breit. Sie sind zweifellos massiv genug, um auch große Fracht- oder Passagierschiffe bei einem Zusammenstoß in hohe Seenot zu bringen. Im Vergleich zu den Eisinseln des Südpolarmeeres nehmen sich die nordatlantischen Eisberge aber wie Eiswürfel in einem Whiskeyglas aus. Die antarktischen Eisinseln können nämlich mehrere tausend Quadratkilometer groß sein.

Der Grund für diese Größe mancher antarktischen Eisberge sind die einzigartigen Eisverhältnisse im Südpolargebiet. Die Küsten der Antarktis werden zum großen Teil von Schelfeisen gesäumt. Dabei handelt es sich um schwimmende Eismassen, die von riesigen, aus dem Inneren des Kontinents kommenden Eisströmen gespeist werden. Diese Schelfeise sind zum Teil mehrere hundert Meter dick und reichen oft mehr als hundert Kilometer weit ins Meer. Wer sich mit dem Schiff dem Südkontinent nähert, dem stellen sich die dem Meer zugewandten Ränder der Eismassen als scheinbar unüberwindliche Schelfeiskanten, die sogenannten Eisbarrieren, in den Weg.

Rund 3000 Quadratkilometer groß

Je weiter aber diese Schelfeise ins Meer reichen, desto instabiler werden ihre Vorderkanten. Den Stürmen, dem Wellengang und den Gezeiten ausgesetzt, sind sie in ständiger Bewegung. Als Folge davon bilden sich einige Dutzend Kilometer von der Schelfeiskante entfernt oft riesige Spalten. Gelegentlich bricht der vordere Teil des Schelfeises entlang einer dieser Spalten ab, und es entsteht eine Eisinsel. Genau das geschah im März 2000 im östlichen Ross-Schelfeis auf der dem Pazifik zugewandten Seite der Antarktis. Die dabei entstandene Eisinsel war zunächst knapp 300 Kilometer lang und bis zu 40 Kilometer breit; sie war damit der größte je gesichtete Eisberg. Nach der üblichen Nomenklatur erhielt die Eisinsel den wenig poetischen Namen "B15".

Schon nach Tagen zerbrach sie aber in mehrere Stücke. Die meisten dieser Fragmente drifteten allmählich ins offene Meer nach Norden. Das größte Stück aber, die mehr als 3000 Quadratkilometer große Eisinsel "B15A", verblieb zunächst in der Gegend der Ross-Insel und trieb dann langsam auf den McMurdo-Sund zu. Im Jahre 2002 lief dieser Eisberg auf Grund, begann aber im vergangenen Südfrühling seine Reise in Richtung Sund fortzusetzen.

B15A blockiert den Zugang zu Forschungsstationen

Aus Satellitenbildern berechneten neuseeländische Wissenschaftler, daß B15A etwa gegen Ende Januar dieses Jahres mit der sogenannten Drygalski-Eiszunge zusammenstoßen würde. Sie ist der schwimmende Wurmfortsatz des aus dem Victoria-Land kommenden David-Gletschers und reicht von der Küste etwa 70 Kilometer weit ins Ross-Meer. Sie wurde im Jahre 1902 vom britischen Polarforscher Scott entdeckt und später nach seinem deutschen Kollegen Erich von Drygalski benannt. Die Eiszunge ist mehr als 20 Kilometer breit, und ihr Eis ist bis zu 200 Meter dick. Bei dem Zusammenstoß der beiden Eisgiganten wäre wahrscheinlich ein großes Stück der mindestens 4000 Jahre alten Eiszunge abgebrochen und gemeinsam mit B15A ins offene Meer nach Norden gedriftet.

Zu dieser Kollision wird es aber im Augenblick nicht kommen, denn nur fünf Kilometer bevor die driftende Eisinsel die Eiszunge erreichte, geriet B15A vor wenigen Tagen in flacheres Wasser und lief auf Grund. Das wäre an sich nicht weiter erwähnenswert, wenn sich dieser gewaltige Tafeleisberg dabei nicht quer vor den McMurdo-Sund gelegt hätte. Nun blockiert er zusammen mit einigen kleineren Eisinseln die direkte Zufahrt für jene Eisbrecher, welche die beiden am Sund gelegenen Forschungsstationen McMurdo (Vereinigte Staaten) und Scott (Neuseeland) sowie die benachbarte italienische Station Terra Nova mit Personal und Nachschub versorgen.

Großer Umweg auch für Pinguine

Die Eisinsel stemmt sich gleichzeitig auch der Eisdrift im Ross-Meer entgegen. Diese Drift und die milderen Temperaturen im gegenwärtigen Südsommer bewirken normalerweise, daß die mächtige Wintereisschicht im McMurdo-Sund aufbricht und große Flächen offenen Wassers entstehen. Da aber nun der Weg der Eisdrift blockiert ist, beginnt sich das Meereis im Sund zu mächtigen Preßeisrücken aufzutürmen, die auch den stärksten Eisbrechern den Weg versperren. Zur Zeit müssen die Versorgungsschiffe einen Umweg von weit mehr als hundert Kilometern machen, um in den Sund zu gelangen. Dieser Umweg kann bei den gegenwärtigen Eisverhältnissen mehrere Tage dauern und die Versorgung erheblich verzögern.

Noch schwieriger haben es aber die vielen Pinguine, die in großen Kolonien am McMurdo-Sund brüten. Normalerweise sind die Brutplätze der Adelie- und Kaiserpinguine nur wenige Kilometer vom offenen Wasser entfernt. Nun müssen die Tiere aber fast hundert Kilometer weit über das Eis watscheln, bevor sie offenes Wasser erreichen und dort nach Nahrung tauchen können. Noch ist nicht abzusehen, wie lange B15A den McMurdo-Sund versperren wird. Manchmal bewegen sich solche riesigen Eisinseln jahrelang nicht von der Stelle. Es kann aber auch sein, daß der Tafeleisberg in wenigen Tagen vom nächsten Sturm losgerissen wird und dann allmählich seine Reise nach Norden fortsetzt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Januar 2005
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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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