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Ultimate Fighting „Wir sind keine Barbaren“

14.06.2009 ·  Premiere in Deutschland: Mit einem Kampfabend in Köln hat Ultimate Fighting, der umstrittene Kampfsport aus den Vereinigten Staaten, deutsche Kampfarenen erreicht. Dem Kölner Stadtrat missfiel die Veranstaltung.

Von Arne Leyenberg, Köln
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Nach einer halben Stunde gibt es den ersten Einsatz für Peter Nelles. Der Arzt rennt in den Käfig, um die Verletzung von Stefan Struve zu untersuchen. Nach einem Ellbogenhieb seines Gegners prangt eine große Risswunde auf der Stirn des Niederländers. Das Blut läuft ihm in Strömen über das Gesicht. Nelles gibt den Kampf trotzdem wieder frei. „Die Verletzung war kein Problem“, sagt er später – mit Blutspuren auf dem weißen Hemd.

Nelles ist Ringarzt beim Berufsboxen und betreut die deutsche Thaibox-Nationalmannschaft. Bei der „Ultimate Fighting Championship“ (UFC) in Köln ist er zum ersten Mal dabei. Dieser Abend, die umstrittene Premiere des amerikanischen Kampfsport-Unternehmens in Deutschland, sei für ihn nichts Besonderes. Auch Struve lässt sich nicht irritieren. Obwohl das Blut strömt, zwingt er den Bosnier Denis Stojnic mit einem Würgegriff zur Aufgabe. „Der Kampf war für das Publikum doch ein großer Spaß“, sagt Struve nach seinem Sieg.

Es fehlen die deutschen Helden

Der zweite von insgesamt zwölf Kämpfen am Samstag zeigte den Sport „Mixed Martial Arts“ (MMA), bei dem Kampfsportarten wie Judo, Boxen, Ringen oder Jiu-Jitsu kombiniert werden, und auch am Boden weitergekämpft werden darf, in seiner blutigsten Form. „So etwas passiert, das ist Vollkontaktsport“, sagt Dana White, Präsident der UFC. Sein Unternehmen läuft dem Boxen in Amerika den Rang ab, bald soll MMA auf der ganzen Welt erfolgreich sein. In England und Irland schickt White seine Kämpfer regelmäßig in den achteckigen Käfig, der Premiere in Deutschland sollen Kampfabende in Frankreich, Italien, Dubai, Australien und auf den Philippinen folgen. „Wir marschieren vorwärts“, sagt White, der das Unternehmen seit acht Jahren führt.

Wo der Präsident in der Kölner Lanxess-Arena auftaucht, bejubelt ihn das Publikum, Fotohandys werden gezückt. Die rund 12.800 Zuschauer kennen sich aus. Der Frankfurter Rapper Azad ist dabei, „weil ich ein großer Fan der UFC bin. Dieser Sport hat für mich etwas vom Schachspielen. Im Fußball gibt es mehr Verletzungen.“ Zahlreiche Engländer sind gekommen, aber vor allem Amerikaner. So wie Nick. Der Berufssoldat des 412. Aviation Support Battalion ist in Ansbach stationiert und will seine Helden, die er aus dem Fernsehen kennt, einmal live sehen. „USA, USA“, skandieren er und seine elf Kameraden bei den Kämpfen. „Bei der Army trainieren wir auch Jiu-Jitsu“, sagt er.

Kein Zutritt für Minderjährige

Frenetisch bejubelt wird der Kroate Mirko Cro Cop von seinen Landsleuten. Der Kampfsportveteran, der 2003 ins kroatische Parlament gewählt wurde, schlägt den Engländer Mostapha Al Turk in der ersten Runde K. o. Die Kämpfe der beiden Deutschen Denis Siver und Peter Sobotta gehen dagegen vergleichsweise emotionslos vonstatten. Es fehlen eben die deutschen Helden. Noch, ist Dana White überzeugt: „Wir sind nach Deutschland gekommen, um zu zeigen, dass wir keine Barbaren sind.“ Auch in England gab es zunächst einen Aufschrei, als White und seine Käfigkämpfer erstmals aus den Vereinigten Staaten nach Europa kamen.

Was der Präsident der UFC für anspruchsvollen Sport hält, ist für seine Kritiker eine bloße Zurschaustellung der Gewalt. In Köln setzte das Jugenddezernat ein Verbot des Veranstaltungsbesuchs für Minderjährige durch. Der Stadtrat missbilligte die Veranstaltung, zuletzt sprach sich die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde dagegen aus.

„Jetzt kennt uns jeder“

„Das haben wir alles schon gehört. Als wir zum ersten Mal in England waren, lief die Diskussion aber nur eine Woche lang. Dann starb Pavarotti, und die Zeitungen hatten ein neues Thema", sagt Anthony Evans, Pressesprecher der UFC. Die Herren hinter der UFC sitzen die Kritik aus. In den Vereinigten Staaten verdienen sie dank des erfolgreichen Fernsehmodells „Pay per view“ Hunderte Millionen Dollar im Jahr. Der deutsche Veranstalter Marek Lieberberg allerdings nahm die Kritik persönlich. Der Frankfurter, der das Festival „Rock am Ring“ und Tourneen von Bon Jovi und Depeche Mode organisiert, war es, der die UFC nach Deutschland holte. „Das ist für mich keine Frage der Ökonomie, sondern des Herzens“, sagte Lieberberg, nachdem die wohl umstrittenste Veranstaltung seiner Laufbahn vorüber war. „Die Diskussion im Vorfeld war völlig hysterisch. Die Befürchtungen der Behörden haben sich in nichts aufgelöst. Heute wurden Vorurteile widerlegt.“

Im nächsten Jahr will die UFC nach Deutschland zurückkehren. „Jetzt kennt uns ja jeder“, sagt Evans. Für Präsident White war seine erste Veranstaltung auf europäischem Festland „ein voller Erfolg“. Auch wenn der Abend mit dem Punktsieg des Amerikaners Rich Franklin über den Brasilianer Wanderlei Silva im Hauptkampf unspektakulär endete. Ohne Blut. Und ohne Einsatz für Doktor Nelles.

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