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Ü-100-Party Starrst du nicht, starre ich auch nicht

03.05.2010 ·  Möglichst viele Kilos sollen die Gäste auf einer Ü-100-Party auf die Waage bringen. Zu Speck hat man hier ein entspanntes Verhältnis, und wo Ü-100-Frauen keine Gaffer fürchten, tun es schmächtige Männer, die beim Tanzen ständig stolpern, auch nicht.

Von Friederike Haupt
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Der Discjockey ist ein mutiger Mann. Er legt tatsächlich Peter Fox auf. Peter Fox singt: „Sie ist zwei Tonnen pure Eleganz, sie tanzt mit mir wie’n schöner Elefant“, der Boden bebt vom Bass, „Perle, dein Tisch ist gut gedeckt, schüttel deinen Speck, schüttel deinen Speck!“ Und in der „Batschkapp“ wird geschüttelt, wird getanzt. Es ist eine seltsame Party, die hier heute gefeiert wird, wie eigentlich alle seltsam sind, die der Trend der Ü-Partys hervorgebracht hat. Ü-30-, Ü-40-, Ü-50-Menschen stürmen schon seit langem Clubs, in denen sie so alt sein dürfen, wie sie sind und wo niemand lacht, wenn sie Oldies mitsingen oder nach zwei Songs eine Atempause einlegen. Auf der Ü-100-Party in Frankfurt war das am Samstag nicht viel anders. Ein bisschen aber doch: 100 Kilo, nicht Jahre, verschafften den Gästen Zutritt.

Der DJ in der „Batschkapp“ ist also ein mutiger Mann, und ein glücklicher dazu: Alle lieben den Speck-schüttel-Song, der auch nach hinten hätte losgehen können, und zwei Mädchen lächeln ihn nun sogar besonders strahlend an. Zu Speck hat man hier ein entspanntes Verhältnis, so scheint es, denn eine Mitarbeiterin des Party-Veranstalters geht mit einem Bauchladen zwischen den Sofas und Tischchen am Rande der Tanzfläche umher und verteilt gratis Mäusespeck. Auch sie passte ins Bild und hätte, wie ein Großteil der Gäste, keine Probleme gehabt, eingelassen zu werden, selbst wenn die Türsteher eine strenge Gewichtskontrolle gemacht hätten. Aber auch Dünne dürfen auf die Party, und es sind so einige gekommen. Wo Ü-100-Frauen keine Gaffer fürchten, tun es schmächtige Männer, die beim Tanzen ständig stolpern, auch nicht.

Es herrscht ein deutlicher Frauenüberschuss

Überhaupt hat die Party integrativen Charakter: Starrst du nicht, starre ich auch nicht, könnte das Motto sein. Zwei durchtrainierte Männer in Polohemden, die im Kreise ihrer Clique wohl eher zu Bier und Schnaps greifen müssten, bestellen je einen kleinen Ebblwoi: „Süß gespritzt, bitte.“ Dann analysieren sie die Eintracht-Niederlage. Ein kleiner, südländisch aussehender Glatzkopf versucht sich zu Wolfgang Petrys unvermeidlichem „Das ist Wahnsinn“ an einer Choreographie, die entfernt an „YMCA“-Zeiten erinnert. Und ein Paar, das auf einer Ü-50-Party nicht auffiele, das hier erwünschte Gewicht aber bestenfalls zusammen erreicht, tanzt erst zehn Songs durch und knutscht dann an der Bar. Bei „Marmor, Stein und Eisen bricht“ zieht sie ihn wieder auf die Tanzfläche.

Es herrscht ein deutlicher Frauenüberschuss, viele sind mit einer oder mehreren Freundinnen gekommen. Vor allem ein Mann kann das Glück kaum fassen: Er schlendert kreuz und quer durch den Club, plaudert hier und da mit fröhlichen Frauen in fließenden Gewändern und steckt im Laufe einer Stunde mindestens fünf von ihnen seine Nummer zu. Als David Guettas „Sexy Bitch“ gespielt wird, hält es auch ihn nicht mehr auf dem Stuhl: Er tanzt, lächelt, schaut mal dieser, mal jener Eroberung in die Augen und singt den Refrain mit. Strohhüte, die am Eingang an die ersten 111 Gäste verteilt worden waren, fliegen durch die Luft. „Paaaarty!“, schreien zwei junge Frauen.

Hier kommt sie sich endlich normal vor

„Partytime!“, ruft auch der DJ, denn er ist nicht nur mutig und glücklich, sondern auch eine Stimmungskanone. Er spielt aktuelle Hits und Oldies und weiß genau, dass „I will survive“ immer gut geht. „Wo sind die Hände? Links, rechts“, feuert er die Tanzenden an. Die schwitzen und werfen die Arme in die Luft. Beim „Fliegerlied“ legen sie richtig los: Fast jeder hier scheint den Tanz zu kennen, der in Bierzelten und auf Ü-Partys in ganz Deutschland zu lustigen Verrenkungen führt.

Dass über der Bar das große Banner eines Spezialisten für Mode in Übergrößen hängt, scheint niemand als mahnende Erinnerung ans eigene Gewicht zu verstehen. Die Bratwürste, die vor dem Club gegrillt und für zwei Euro angeboten werden, finden jedenfalls großen Anklang. Lisa isst auch eine, während sie eine SMS liest: Eine Freundin will gleich noch kommen. Lisa findet die Party super und die Ü-100-Sache auch. Sie sei nun mal dick und wolle damit nicht dauernd auffallen. Hier komme sie sich endlich normal vor.

Entspannt sind sie alle hier, vielleicht entspannter als auf Ü-Alter-Partys. Man posiert lachend für den Party-Fotografen, eine Frau filmt ihre Freundin beim Tanzen mit dem Handy. Ein kräftiger Mann im weißen Polohemd avanciert zum König der Tanzfläche, erfindet im Laufe des Abends immer neue Figuren. Der DJ spielt Dr. Albans „It’s my life“, und wieder strömen alle aufs Parkett.

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