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Türsteher Die Macht der Nacht

12.07.2009 ·  Sven Marquardt ist der bekannteste Türsteher Berlins. Am Eingang des Technoclubs Berghain sortiert er die Gäste aus, wie es ihm gerade passt. Was hinter der rauen Fassade steckt, erkennt man erst in seinen düsteren Fotografien.

Von Anna Loll, Berlin
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Respekt, heißt es, muss man sich verdienen. Sven Marquardt muss das nicht. Er muss einfach nur zur Tür hereinkommen - oder vor der Tür stehen. Schweres Eisen in Nase, Lippen und Ohren, Tätowierungen bis ins Gesicht, langer Mantel, schulterlanges Haar: der Hüne muss vor dem Club Berghain selten jemanden zurechtweisen. Die Clubgänger in ihren engen Jeans, den Chucks und den bedruckten T-Shirts wirken gegen den Fantasy-Krieger wie Figuren aus Micky Maus. Da reicht im Zweifel schon ein Lächeln.

Sven Marquardt, der bekannteste Türsteher Berlins, hat selten Probleme. Manchmal gebe es Gäste, die sich nicht zu benehmen wissen. "Aber die beruhigt man und stellt sie vor die Tür." Durch den zwanglosen Zwang zur Kommunikation, einfach durchs Reden? "Meistens!" Marquardt lächelt. Und dieses Lächeln passt dann doch zu dem äußerst freundlichen und nachdenklichen Herrn. Es langweile ihn, sagt er, nachdem er die Prada-Sonnenbrille abgenommen hat, "nur der Tätowierte mit dem Eisen im Gesicht zu sein".

Schmerz, Abschied, Vergänglichkeit

Es ist fast so wie im Berghain: Hinter der Fassade ist am meisten los. Sven Marquardt lernt man erst dann richtig kennen, wenn man seine traurigen, düsteren, bizarren und geradezu existentialistischen Fotos kennt, vorwiegend schwarzweiße Porträts, meist von verschnürten und verkleideten Frauen und Männern. In die nackte Haut von Marquardts Models sind oft Tätowierungen graviert: Eine alte Braut mit Schleier sitzt auf dem Schoß eines Schwarzen; eine junge Frau auf allen vieren blickt in die Kamera, während sich ein dicker Mann an ihr zu schaffen macht. "Gegensätze interessieren mich", sagt Marquardt. "Schönheit und Hässlichkeit, Hass und Liebe, Zorn und Güte." Schmerz, Abschied, Vergänglichkeit, Vergebung beschäftigen ihn. Genauer will er das nicht ausführen. Auch seine Tattoos - am auffälligsten die Dornen über der linken Gesichtshälfte, die sich fast übers Augenlid ziehen - kommentiert er nicht. Die Tätowierungen, sagt er dazu nur, seien eine Art Tagebuch, Erinnerungen an schmerzhafte oder schöne Momente.

Sven Marquardt wurde 1962 in Ost-Berlin in eine bürgerliche Familie geboren. Mehr durch Zufall fing er eine Ausbildung als Fotograf und Kameramann beim DDR-Fernsehen an. Doch bald merkte er, dass er keine Lust hatte auf so ein Leben. "Schichtanfang, Schichtende, und das fünf Tage in der Woche - das hat mich nicht so interessiert." Also jobbte er nach der Ausbildung, als Kleindarsteller im Theater, als Statist beim Film. Anfang der Achtziger begann er, Freunde zu fotografieren, es waren inszenierte Fotos. "Die Bilder habe ich anfangs nur für mich gemacht, als Erinnerung an die Zeit mit jemandem."

Seine erste Ausstellung hatte er 1984 mit dem Weggefährten Robert Paris in Treptow. Auch in der wichtigsten DDR-Modezeitschrift, der "Sybille", veröffentlichte er. Wovon er damals im Prenzlauer Berg aber gelebt habe, das weiß er heute gar nicht mehr. "Man ist aufgestanden, hat sich die Augen schwarz angemalt und sich ins Café gesetzt. Hat ein bisschen Fotos gemacht, über eine Ausstellung gesprochen oder über das große Thema der Ausreise." Als die Mauer fiel, zerbarst der Kreis der DDR-Boheme: "Man musste sich neu erfinden." Er tingelte mit einem Pappkarton voller Fotos durch Hamburger Magazinredaktionen. Die Redakteure konnten damit nichts anfangen. "Ich verstand damals gar nicht, wie das Geschäft funktioniert." Er verlor das Interesse an der Fotografie. "Die Leidenschaft war irgendwie weg."

Unberechenbar an der Tür

Marquardt begann wieder zu jobben, unter anderem im Tattooladen "Blut und Eisen", wo er auch heute noch sporadisch arbeitet. Außerdem fragte ihn sein Bruder Oliver, ob er nicht bei seinen Partys Türsteher sein wolle. Hunderte zogen an ihm vorbei. "Es war eine Musik und eine Szene, mit der ich etwas anfangen konnte." So kam er dazu, als Türsteher für Snax-Partys zu arbeiten, "pervy party men only". Die Organisatoren dieser Partys machten erst das legendäre Ostgut auf, danach das Berghain. Teil dieses Ortes zu sein macht ihn stolz. "Die tollsten Musiker der Welt der elektronischen Musik legen auf. Staatsballett oder Deutsches Theater inszenieren hier. Im Berghain passiert viel."

Zur Fotografie kam Marquardt wieder, als das Ostgut Anfang 2003 schloss. Plötzlich gab es viel freie Zeit an den Wochenenden. Seine Ausstellung "13 Monde" zeigte er im Berghain, Anfang des Jahres gab es eine Retrospektive, und er hat gerade fotografisch für Levi's gearbeitet. Dass seine Fotos jetzt mehr Aufmerksamkeit bekommen, macht ihn glücklich. Sein fester Job sei jedoch der im Berghain.

Dabei haben die Fotografie und die Türsteherei viel miteinander zu tun. Immer arbeitet er mit Menschen. Und das Berghain ermöglicht es ihm, dass er sich nicht durch Fotos finanzieren muss und sich für besondere Kunstprojekte entscheiden kann. Und wonach entscheidet er nun, ob jemand ins Berghain darf? Der Club ist berüchtigt für die Unberechenbarkeit, mit der an der Tür aussortiert wird. Marquardt lächelt und breitet seine Hände aus, die mit Totenkopfringen geschmückt sind: "Es kommt drauf an: Manchmal bin ich gütig. Manchmal nicht."

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