15.12.2006 · In Berlin-Kreuzberg öffnet das erste türkische Altenpflegeheim Deutschlands. Die Bewohner müssen dort den eigenen Kulturkreis nicht verlassen. Angehörige in ein Altenheim zu schicken, berührt in der türkischen Gesellschaft jedoch noch immer ein Tabu.
Von Anna Loll und Katja RiedelDie Berliner Wintersonne scheint schräg durch die großen Fenster auf Ostanatolien. Die beigefarbenen Wände sind noch kahl, das Linoleum auf dem Boden hell, über zwei Betten liegen akkurat zurückgeschlagen gelbe Wolldecken. Nur orientalisch gemusterte Teppiche vor den Betten lassen die Bestimmung des Hauses erahnen: Die Pflegeeinrichtung „Türk Huzur Evi“ (etwa: Türkisches Haus zum Wohlfühlen) ist das erste Altenpflegeheim in Deutschland nur für Türken. Unter anderem im Stockwerk „Bitlis“, wie Ostanatolien in türkischer Übersetzung heißt, können von der nächsten Woche an 155 türkische Senioren in 74 Doppel- und sieben Einzelzimmern betreut werden. Hier sollen jene, die einst für kurze Zeit nach Deutschland gekommen waren, als „Gastarbeiter“, die zu Dauergästen geworden sind, ihren Lebensabend verbringen.
„Wir schließen eine Lücke. Wir machen etwas möglich, was es vorher noch nicht gab“, sagt Axel Hölzer, Vorstandsvorsitzender der Marseille-Kliniken AG (MKAG), Hauptbetreiberin der Einrichtung. Rund 15 Frauen und ebenso viele Männer hätten sich bereits angemeldet. Der erste Bewohner zieht am nächsten Montag ein, spätestens im Spätsommer soll das Haus voll sein. Die Preise sollen türkische Senioren, die meist niedrige Renten bekommen, nicht abschrecken. Sie liegen wegen der Doppelbelegung der Zimmer und der recht einfachen Ausstattung unter dem üblichen Niveau. Der Eigenanteil für die Bewohner beläuft sich auf bis zu 1640 Euro im Monat.
Eltern ins Altenheim zu schicken ist noch ein Tabu
Wird der Plan aufgehen? Schließlich trifft das Konzept gerade in der Zielgruppe auf Ressentiments. Die Angehörigen in ein Altenheim zu schicken berührt in der türkischen Gesellschaft nach wie vor ein Tabu. So möchten bisher weder die zukünftigen Bewohner noch deren Familien zu ihrer Entscheidung für das Heim etwas sagen. „Wenn man seine Eltern in ein Altenheim gibt, dann ist es schon für manche eine Art Outing“, sagt Celal Altun, Generalsekretär der türkischen Gemeinde zu Berlin (TGB), die zusammen mit der MKAG Träger des Hauses ist.
Ulrika Zabel vom Kompetenzzentrum für die Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe sagt es direkter: „In der türkischen Community wird noch immer mit dem Finger auf eine Familie gezeigt, wenn sie Vater oder Mutter im Altenheim betreuen läßt.“ Die moralische Haltung, in der Familie zusammenzuhalten und den Generationenvertrag so zu erfüllen, sei auch in der zweiten und dritten Generation der in Deutschland lebenden Menschen aus der Türkei noch stark vorhanden. Der Arbeitsalltag der jüngeren Türken und türkischstämmigen Deutschen macht diesen Wunsch aber oft unmöglich. „Der Wunsch, für die Eltern in der Familie zu sorgen, steckt in jedem kultivierten Türken, egal wie westlich er ist“, sagt Celal Altun. „Aber der Wunsch steht eben häufig im Widerspruch zur Realität.“
Die Realität hat die Tradition überholt
Die Lebensbedingungen der westlichen Gesellschaft haben auch die türkischen Großfamilien erfaßt. Das bei vielen Deutschen noch lebendige Klischee der türkischen Großfamilie, in der nur der Mann arbeitet, die Frau zu Hause bleibt und für das Wohl der Kinder und Eltern sorgt, ist ein Bild aus längst vergangenen Zeiten. Viele türkische Familien sind auf Doppeleinkommen angewiesen, die Scheidungsraten steigen, und die Generationen wohnen immer seltener unter einem Dach oder in derselben Stadt. Die Realität hat die Tradition überholt, auch in der Türkei. Dort waren bis Anfang der neunziger Jahre Altenheime rar. Seit 1993 hat sich die Zahl öffentlicher Einrichtungen auf 70 verdoppelt. Vermehrt werden Pflegestationen gegründet. Sabine Prätor von der Universität Erlangen, die den Umgang mit dem Altern in der Türkei erforscht, spricht von einem Trend zu professioneller Altenpflege wegen des demographischen Wandels, der Modernisierung und der Migration. Dennoch sei es in der Türkei immer noch nicht wünschenswert, die Eltern im Heim unterzubringen. Zentral für die Beziehung zwischen Jung und Alt seien Respekt und Liebe. Die Generationen tauschen sie in gegenseitiger Fürsorge aus.
Die traditionellen Ideale halten sich. Die meisten älteren Türken rechnen damit, daß ihre Familie sie versorgt. Nach einer Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien (ZFT) von 1999 wollen 52 Prozent von ihnen auf keinen Fall in ein Heim gehen. Das übt Druck auf ihre Kinder aus. Gülay Kizilocak, stellvertretende Direktorin des ZFT, meint: „Eine Minderung des Ansehens in der türkischen Gemeinde spielt sicher eine Rolle bei der Zurückhaltung mancher Türken, ihre Angehörigen in ein Heim zu geben.
Gremien arbeiten an „kultursensiblen Altenpflege“
Diese kulturellen Wertvorstellungen waren auch den Investoren bewußt, als es bisher um die Altenpflege für die türkische Minderheit ging. Es gibt zwar bereits vereinzelte „Insellösungen“ in deutschen Pflegeeinrichtungen, in denen auf besondere kulturelle Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Auch arbeiten seit Jahren politische Gremien und Altenpflege-Verbände an einer „kultursensiblen Altenpflege“. Nicht zuletzt die türkische Gemeinde entwarf schon vor zwei Jahren das Projekt einer Pflegeeinrichtung für türkische Senioren in Berlin.
Aber erst die MKAG, der größte börsennotierte Pflegeheimbetreiber Deutschlands mit einem Jahresumsatz von 210,4 Millionen Euro, hat die Marktlücke entdeckt. Die erste Generation der türkischen Einwanderer, die besonders in den sechziger Jahren nach Deutschland kam, ist alt geworden. 10,2 Prozent der 2,4 Millionen Türken in Deutschland sind mehr als 60 Jahre alt. Allein in Berlin-Kreuzberg wird sich nach einer Prognose der Senatsverwaltung für Gesundheit bis 2020 die Zahl der 65 bis 75 Jahre alten Türken verdoppeln; bei den über Fünfundsiebzigjährigen wird sogar mit einem Anstieg um 400 Prozent gerechnet. Für Berlin schätzt Gemeindevorsitzender Altun die Zahl der Pflegebedürftigen aus seinem Heimatland auf rund 3000 Personen. Nur etwa 100 von ihnen seien in den 270 Berliner Pflegeeinrichtungen untergebracht. Glaubt man den Zahlen der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, waren es im Jahr 2003 sogar nur 40. Alle weiteren würden von ihren Familien und von fünf ambulanten Pflegediensten versorgt, die sich auf die türkische Bevölkerung in der deutschen Hauptstadt spezialisiert haben.
Bewohner des Altenheims bleiben unter sich
Die wenigsten der in die Jahre gekommenen Türken sprechen gut Deutsch, viele von ihnen sind aktive Muslime. Mit dem Umgang in den deutschen Altersheimen fühlen sie sich häufig nicht wohl. Grund ist dabei nicht nur die Religion. „Es gibt bei Türken schon auch Beschwerden darüber, daß die Olive im Frühstück fehlt“, erzählt Altun. Es reiche nicht aus, wenn die Pfleger ihre Sprache sprächen, auch die anderen Heimbewohner spielten eine Rolle. „Niemand möchte in ein Haus einziehen, in dem man sich isoliert fühlt.“
Das soll nun in dem Altenpflegeheim an der Methfesselstraße am Viktoriapark anders sein. Das Projekt sei einzigartig, kulturelle und ethnische Gewohnheiten würden berücksichtigt, betonen die Betreiber. Die Bewohner beten in einem nach Mekka ausgerichteten Gebetsraum und ehren ihre eigenen Fest- und Feiertage. Die Küche wird von türkischen Lebensmittelläden beliefert. Das Fleisch stammt von Tieren, die nach religiösen Vorgaben geschlachtet werden. Man bleibt unter sich und muß den eigenen Kulturkreis nicht verlassen. Die Bewohner werden schon vor dem Morgengebet gewaschen, wegen ihres Scham- und Reinheitsgefühls nur von Pflegern des eigenen Geschlechts.
„Türkische Altersheime keine Lösung für Integration“
Dieses Angebot sei ein Beitrag zur Integration, findet Axel Hölzer: „Wir holen die Leute mit dem Angebot in die Gesellschaft.“ Gülay Kizilocak vom ZFT dagegen teilt diese Meinung nicht: „Türkische Altersheime sind nicht die Lösung einer gelungenen Integration.“ Statt dessen sollte man an den bestehenden Altersheimen auf die Bedürfnisse der Migranten eingehen. Die MKAG jedenfalls plant, wenn das Pilotprojekt angenommen wird, weitere türkische und auch auf andere Ethnien spezialisierte Pflegeeinrichtungen. Und die Vitanas-Kette, ein weiterer Pflegeheim-Betreiber, sucht auch schon nach geeigneten Objekten in Berlin.