Home
http://www.faz.net/-gum-qcf2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tsunami-Wiederaufbau Im Elend noch Glück in Sri Lanka

24.06.2005 ·  „Prithipura“ - so heißt ein Heim für Behinderte auf Sri Lanka. Die vom Tsunami schwer getroffene Einrichtung ist inzwischen wieder hergerichtet. Doch im Großen tut sich das Land schwer mit dem Wiederaufbau.

Von Cornelia von Wrangel
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„Prithi, prithi“ soll der Junge ausgerufen haben, weil er sich freute. „Prithi“ - so lautet das singhalesische Wort für Glück. Der glückliche Junge war geistig behindert. Ob er noch lebt? Dann müßte er jetzt an die 50 sein. Sein Ausruf vor einem englischen Marineoffizier, der London verließ, nach Sri Lanka ging und dort als Buddhist ein neues Leben begann, ist lange her.

Aber er gab damals dem Heim für Behinderte den Namen: „Prithipura“. Es befindet sich an der Westküste der Insel, gar nicht weit weg von der Hauptstadt Colombo und ganz nah am Meer. Der Ort heißt Hendala und wird gerühmt für seine schönen Strände. „Pretty, pretty“, sagt Nita de Silva, die Oberin des Heimes. Ihre Augen funkeln dabei so wütend, als wolle sie sagen, man solle doch endlich verstehen: „Happiness“ - „Wir wollen Glück geben.“

Nita de Silva ist eine unerschrockene Frau. Niemand sieht ihr die 70Jahre an. Drahtig, resolut, herzlich. Seit fünf Jahren leitet sie das „Prithipura“-Heim und denkt nicht daran, sich ruhigere Zeiten zu gönnen. „Das würde mich krank machen.“ Statt dessen nimmt ihr Tagwerk um vier in der Früh seinen Lauf: Garten, Küche, Telefon. Gut 70Bewohner hat das Heim, das Schwerbehinderte im Alter von 18 Jahren an aufnimmt und allen Religionen offensteht. Der kleine Buddha-Tempel in einer Ecke des Geländes und die ebenso kleine Kapelle daneben bürgen dafür. Zwanzig Mitarbeiter kümmern sich um die Bewohner, die auf sechs Häuser verteilt sind. Bis zu zehn Betten stehen in einem Raum. Aber alles ist sauber und so liebevoll hergerichtet, wie es die Möglichkeiten erlauben.

„Man kann ihnen nicht böse sein“

Das wird auf der anderen Seite des Geländes nicht anders sein. Dort drüben, ganz in der Nähe, stehen Pavillons für behinderte Kinder. Auch dieses Heim trägt den Namen „Prithipura“. Früher gehörten die beiden Einrichtungen zusammen. Heute geht jeder seine Wege. Oberin Nita de Silva klagt nicht über die Trennung. Sie geschah weit vor ihrer Zeit. Außerdem nennt sie ihre Behinderten ungeachtet ihres Alters auch „children“. „Sie sind wie Kinder und wissen nicht, was sie tun. Man kann ihnen nicht böse sein.“ Sie klagt nicht über die finanzielle Lage ihres Heims, die nicht so gut ist wie bei den Nachbarn. Wobei auch die Oberin Unterstützer hat, denn ihr Budget reicht eigentlich vorne und hinten nicht. Weder fürs Essen noch für die Stromrechnung. Aber irgendwie schafft es Nita de Silva, selbst wenn ein Tsunami kommt.

„Prithi, prithi“ - da hatten sie Glück. Knapp ein halbes Jahr ist es her, daß die Welle das Gelände des Heims überflutete, die Mauer niederriß, in die Behinderten-Pavillons strömte. Daß alle die Flut überlebten. Daß die Polizei auf Lastwagen auch die erwachsenen Behinderten in eine Kirche fuhr, wo sie zwei Wochen bleiben mußten. Manche des Laufens nicht mächtig, andere heimgesucht von epileptischen Anfällen. Daß Armeeangehörige den Garten vom Schlamm befreiten, die Möbel wegräumten und das, was von ihnen übriggeblieben war. Und daß Nita de Silva um Hilfe bat.

Sri Lanka tut sich schwer

Danach ging alles schnell. Wiederaufbau im kleinen - der Verteilungskämpfe um die Hilfsgelder zum Trotz: Nach einem Monat, berichtet Nita de Silva, war alles aufgeräumt, standen die Betten wieder an ihrem Platz, waren die Schränke hergerichtet, hatte das Heim neue Wäsche, Matratzen und Moskitonetze bekommen, ging das Leben weiter. Mittlerweile ist auch das letzte Stück Mauer wieder aufgebaut, das Dach der Therapieräume geflickt, und selbst die Werkstatt, in der für die Basare gewerkelt wird, ist wieder brauchbar. Nun heißt sie nicht mehr „workshop“, sondern „activity center“. Anfang Juni haben die ersten Behinderten-Klassen dort gearbeitet.

Im Großen tut sich Sri Lanka schwer mit dem Wiederaufbau. An den Küsten müssen noch immer ungezählte Opfer in Zelten hausen. Nita de Silva aber sagt: „Wir sind zufrieden.“ Obwohl jetzt das Dach des Haupthauses repariert sein will, der Wind hat es abgedeckt. Obwohl auch noch nicht alle Toiletten auf Vordermann gebracht wurden - es sind immerhin 32. Die Oberin wird auch das schaffen, aus eigener Kraft und mit fremder Hilfe. Seit dem Tsunami füttert sie sogar noch zehn Hunde durch.

Quelle: F.A.Z., 25.06.2005, Nr. 145 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1951, redaktionelle Koordination der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge