04.01.2005 · In Japan lassen sich innerhalb kürzester Zeit Bedrohungen durch Flutwellen prognostizieren und der Bevölkerung kommunizieren. Das beste Tsunami-Warnsystem der Welt soll nun auch auf andere Länder ausgedehnt werden.
Von Anne Schneppen, TokioHundertundachtzig seismographische Sensoren liegen wie ein Netz in und um Japan. Sie messen den gefährlichen, unregelmäßigen Puls der Erdkruste. Wenn es in der Region bebt, werden die Meßdaten dieser Stationen in sechs Computerzentren des Landes verarbeitet. Kommen die Rechner zu dem Ergebnis, daß ein Tsunami droht, eine von einem Seebeben verursachte Flutwelle auf die Küste zurast, gehen Warnungen automatisch an die betreffenden Gemeinden, den Katastrophenschutz, die Küstenwacht, öffentliche und private Rundfunkanstalten.
Radioprogramme werden unterbrochen, Fernsehsender lassen die Warnung wie große Untertitel eines Films über den Bildschirm ziehen, fahren alle paar Minuten den Ton des normalen Programms herunter, um sie zu verlesen - nicht nur auf japanisch, ab und zu auch auf englisch.
Eine der seismisch aktivsten Regionen der Welt
Kurz und eindringlich, in ständiger Wiederholung, wird über die Stärke des Bebens berichtet, welche Küsten mit einem Tsunami zu rechnen haben, wann und in welcher Höhe er auf Land treffen wird. „Bitte bringen Sie sich in Sicherheit, suchen Sie höhergelegene Orte auf.“
Japaner sind solche Meldungen gewohnt, schließlich bebt um ihr Archipel Hunderte Male im Jahr die Erde. Nicht alle sind zu fühlen, die meisten bleiben ohne Folgen. Doch noch im Oktober kamen im westjapanischen Niigata mehr als 40 Menschen bei einem Erdbeben ums Leben. Die Region um Japan zählt zu den seismisch aktivsten der Welt, mehrere Erdplatten stoßen hier gefährlich aneinander.
Tsunamis geht ein klares Signal voraus
Hunderte Wissenschaftler beschäftigen sich mit Ursachen und Folgen der „Jishin“. Doch bislang sind ernsthafte Erdbebenvoraussagen nicht möglich. Für Tsunamis aber ist das anders. Ihnen geht ein klares Signal voraus, ein Seebeben. Um die Inselnation Japan, die auch Heimat aktiver Vulkane ist, ziehen sich mehr als 30 000 Kilometer Küste. Seit Menschengedenken fürchtet man die verheerenden Auswirkungen der Tsunami, die nicht von ungefähr in aller Welt einen japanischen Namen tragen: Tsunami steht für Hafen-Welle.
Wenn Tokio-Touristen den großen Buddha im nahe gelegenen Kamakura besuchen, ahnen nur wenige, daß dieses Heiligtum einst in einem Holztempel stand, den eine Flutwelle fortriß. Weniger weit liegt die Katastrophe an der Sanriku-Küste zurück, als 1960 ein Tsunami mehr als 100 Menschen in den Tod riß, der seinen Anfang an der chilenischen Küste nahm.
Frühwarnsystem kontinuierlich verbessert
Der letzte schwere Tsunami traf 1993 auf Japan. Nach einem Seebeben vor der wenig besiedelten nördlichen Hauptinsel Hokkaido brach eine 29 Meter hohe Welle über Okushiri herein. In dem Gebiet, das bis dahin nicht als erdbebengefährdet galt, kamen 200 Menschen ums Leben. Seither sucht Japan systematisch sein Tsunami-Frühwarnsystem zu verbessern und investiert jährlich vierzehn Millionen Euro.
Abermals zeigte Okushiri, daß es um Sekunden geht. Nur drei Minuten nach dem Beben mit der Magnitude 7,8 traf der Tsunami auf die Küste. Erst Minuten später wurde die Evakuierung angeordnet. Inzwischen steht vor Okushiri eine vierzehn Kilometer lange und zwölf Meter hohe Schutzmauer aus Stahlbeton. Viele japanische Küsten sind aus Furcht vor den verheerenden Flutwellen zubetoniert: Aus einst idyllischen Buchten und Stränden ragen riesige graue Wellenbrecher.
Ergebnisse nach drei Sekunden
Seit 1999 folgen die Tsunami-Warnungen in Japan einem ausgeklügelten System aus historischen Datenbeständen und Computersimulationen. Etwa 100 000 Erdbeben in Küstenregionen dienen als Muster und Abgleich für die Entstehung und Bewegung eines neuen Tsunami. Wenn sich ein schweres Erdbeben ereignet, werden die aktuellen Meßwerte mit der Datenbank verglichen, die ähnlichste Simulationsrechnung gesucht und eine entsprechende Warnung ausgegeben.
Dieses Verfahren soll schnelle Prognosen und Kommunikation möglich machen. Die Voraussagen gehen automatisch über eine Hotline an die meteorologischen Behörden sowie nationale und kommunale Katastrophenschutzämter. Mit dem existierenden Warnsystem könne die Meteorologische Behörde Japans selbst im langsamsten Fall innerhalb von fünf Minuten beurteilen, ob ein Tsunami droht, erklärt Yoshinobu Tsuji vom Erdbebenforschungsinstitut der renommierten Tokio-Universität. Die Behörde hat sich das Ziel gesteckt, Voraussagen schon in drei Minuten treffen zu können.
Generell, so gibt Tsuji eine Faustregel vor, müsse man bei einem Seebeben von mehr als 6,3 auf der Richterskala mit einem Tsunami rechnen, Schäden träten bei einer Stärke von mehr als 7 auf. Ein neues Erfassungssystem, das derzeit vor japanischen Küsten installiert wird, mißt mit Unterwasserkabeln und Sensoren Veränderungen des Wasserdrucks auf dem Meeresgrund. Diese neue Technik erlaubt nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Nihon Keizai Shimbun“ eine exaktere und schnellere Berechnung der Tsunami-Höhe. Ergebnisse dieser Messungen lägen schon drei Sekunden nach einem Seebeben vor.
Ausdehnung des Warnsystems
Nach der verheerenden Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember bietet Japan den Ländern der getroffenen Region nicht nur finanzielle Hilfe - 500 Millionen Dollar -, sondern auch sein Warnsystem, das in Tokio als das beste in der Welt gepriesen wird. Nach einem Bericht der Tageszeitung „Yomiuri“ plant Japan seine Tsunami-Prognosen auf den nordwestlichen Pazifikraum auszudehnen.
Damit könnten nicht nur Japan, sondern künftig auch Indonesien, China, die Philippinen, Papua Neuguinea und Südkorea vor heraufziehenden Flutwellen gewarnt werden - der Indische Ozean ist in das Beobachtungsgebiet nicht eingeschlossen. Zwischen Warnung und Beben lägen in dieser Region noch bis zu 20 Minuten.
Kommunikationsnetz ausbauen
Noch in diesem Frühjahr will Japan in seiner Hauptstadt ein neues Zentrum für Tsunami-Warnungen einrichten, ist in Tokio zu hören. Die inoffiziell „Zentrum für den nordwestlichen Pazifik“ genannte Institution in Tokio solle schon bei Seebeben der Stärke 7,0 aktiv werden; das „Pacific Tsunami Warning Center“ in Hawaii reagiere dagegen erst bei 7,5. Für das japanische Warnsystem und das neue Zentrum will sich Ministerpräsident Koizumi am Donnerstag in Jakarta stark machen.
Den Erfolg der Warnungen machen nicht nur die Präzision der Berechnungen und Simulationen aus, sondern auch die Kommunikation. Japans System ist bislang auf Warnungen der Bewohner des japanischen Archipels ausgerichtet. Seismologen in Japan hatten am 26. Dezember schnell erkannt, daß ihrem Land keine Gefahr droht, doch es fehlten offenbar etablierte Kanäle und Kontakte, um die Erkenntnisse über die Gefahren eines starken Bebens im Indischen Ozean weiterzuleiten.
In Japan selbst erfuhren die Bürger, trotz aller Vorhersagetechnik, wie anderswo aus den Medien von der fernen Katastrophe. Wenn Tokio sein Frühwarnsystem anbietet, wird es auch auf klar definierte Kommunikationswege, Hotlines, dringen. Jede Sekunde zählt, und die Information muß die richtigen Stellen erreichen.
Mängel im System
Experten in Tokio schüren den Glauben, alles Erdenkliche für die Prävention getan zu haben. Doch ganz fehlerfrei funktioniert das System nicht, wie man in den vergangenen Monaten sehen konnte. Als im September zwei Beben Zentraljapan erschütterten, die auf der siebenteiligen japanischen Skala die Stärke 5 erreichten, gab die nationale Meteorologiebehörde Tsunami-Warnungen für die Regionen Wakayama, Aichi und Mie aus.
Nur sechs Prozent der Küstenbewohner folgten der Evakuierungsaufforderung. Viele Gemeinden leiteten die Warnung nicht einmal weiter. Das ehrgeizige Ziel der staatlichen Behörde, drei Minuten nach dem Beben die Bevölkerung zu informieren, wurde in großen Teilen verfehlt. Als eine Kleinstadt in Wakayama mit der Evakuierung begann, hatte drei Minuten zuvor der Tsunami die Küste getroffen. Seit dem Beben waren 23 Minuten vergangen.