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Tsunami-Simulation : Gefahr von den Kanaren

  • -Aktualisiert am

Theoretisch ungeschützt vor Tsunamis: New York Bild: AP

Ein Tsunami nach einer Vulkaneruption auf La Palma würde das 6000 Kilometer entfernte New York mit 25 Meter hohen Brechern verwüsten. Im Atlantik gibt es kein Warnsystem.

          „Wir wären genau am Rand des gewaltigen Bergrutsches dabei, der die Kanaren und die Ostküste der Vereinigten Staaten verwüsten könnte." Doris und Heinz Birkemeier schauen seit dem Jahr 2002 mit recht gemischten Gefühlen von ihrem Restaurant El Sombrero am Rande des Bergdorfes El Paso auf der Kanaren-Insel La Palma hinauf zur Cumbre Vieja. Diese vierzehn Kilometer lange Vulkankette zieht zwar jedes Jahr etliche Bergwanderer aus Europa an, von denen einige nach dem langen Marsch zwischen den recht frischen Kratern am Abend bei dem deutschen Koch und seiner Schweizer Frau einkehren. Seit fast drei Jahren aber weiß das Ehepaar andererseits auch, daß es eines Tages mit seinem gesamten Hab und Gut in den Atlantik rutschen könnte.

          Bis zu 500 Milliarden Tonnen Gestein der Westflanke der Cumbre Vieja könnten sich bei weiteren Vulkanausbrüchen lösen, in den Atlantik stürzen und dort so gewaltige Wellen werfen, daß noch 6000 Kilometer entfernt Teile New Yorks von 25 Meter hohen Brechern verheert würden.

          Gewaltiger Riß im Gestein

          Hoch oben auf der fast 2000 Meter über dem Meer aufragenden Cumbre Vieja finden Geologen nämlich einen gewaltigen Riß im Gestein, der sich über einige Kilometer den Bergkamm entlang von Norden nach Süden zieht. Dieser Riß könnte bei den letzten großen Eruptionen der Vulkane dort oben im Juli 1949 entstanden sein. Simon Day vom Benfield Greig Hazard Research Center in London hat sich mit der Geologie dieser Gegend genauer beschäftigt. Die Cumbre Vieja gilt als eine der aktivsten Vulkanzonen der Erde. Seit 1493 brachen auf diesem 14 Kilometer langen Höhenzug sieben der 120 Vulkane aus, allein seit 1949 versetzten vier Eruptionen die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Je häufiger aber solche Ausbrüche sind, um so steiler werden die Flanken des Vulkans und rutschen daher leichter ab.

          Tief im Untergrund der Cumbre Vieja gibt es obendrein einige Gesteinsschichten, die sehr viel Wasser enthalten, hat Simon Day festgestellt, der an der University of California in Santa Cruz forscht. Steigt vor einem Ausbruch die Magma im Vulkanschlot auf, verdampft die Hitze dieses Wasser. Dadurch bildet sich ein großer Druck, der den vorhandenen Riß vergrößern könnte. Unter Umständen könnte sich sogar die gesamte Bergflanke entlang des Risses lösen, bis zu 500 Milliarden Tonnen Gestein würden dann ins Meer stürzen.

          Bergrutsch auf El Hierro

          Auf der Nachbarinsel El Hierro hat der Direktor des kanarischen Instituts für Vulkanologie, Juan Carlos Carracedo, Hinweise dafür gefunden, daß dort vor 120.000 Jahren ein ähnlicher Bergrutsch hervorgerufen wurde. Damals stürzte der gesamte Nordwestteil eines 1500 Meter hohen Vulkans ins Meer. Noch heute zeugt eine 15 Kilometer breite, auffallend schroffe Bucht von diesem Ereignis. Die aufgeworfene Flutwelle traf damals unter anderem die Bahamas und wuchtete dort 2000 Tonnen schwere Felsen zwanzig Meter über den Meeresspiegel.

          Hans-Erwin Minor und Willi Hager von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich bilden im Laboratorium solche Bergrutsche nach. Als Vorbild nehmen sie eine Naturkatastrophe vom 8. Juli 1958: In der Lituya-Bucht an der Südküste Alaskas brachte ein Erdbeben eine steile Klippe ins Wanken und ließ sie ins Meer stürzen. Zunächst einmal verdrängte das Gestein jede Menge Wasser, das aber rasch zurückschwappte und eine 160 Meter hohe Welle erzeugte. Am Strand des gegenüberliegenden Ufers der Bucht lief diese Welle dann bis auf 524 Meter Höhe auf und wusch Erde und Vegetation bis auf den blanken Fels weg.

          650 Meter hohe Welle simuliert

          Nachdem die Schweizer Forscher mit den Daten dieses Bergrutsches ihre Versuchsapparatur geeicht hatten, konnten sie auch die Auswirkungen eines ähnlichen Bergrutsches auf La Palma simulieren, bei dem bis zu zehntausendmal mal mehr Gestein mit dem Tempo eines Hochgeschwindigkeitszuges in den Atlantik fahren könnte. Das Ergebnis dieser Rechnungen macht nicht nur Doris und Heinz Birkemeier in ihrem Restaurant unter der Cumbre Vieja nachdenklich: 650 Meter hoch sollte sich eine Welle direkt bei La Palma auftürmen. Mit Jet-Geschwindigkeit von 720 Kilometern in der Stunde würde diese Welle über den Ozean jagen, dabei aber schwächer werden. Wenn sie nach einer Stunde die Küste Marokkos erreichte, wäre sie hundert Meter hoch. Ein paar Stunden später würden sich vor New 25 Meter hohe Wellen auftürmen und bis zu zwanzig Kilometer landeinwärts die amerikanische Ostküste verheeren.

          Die potentielle Gefahr, hier drastisch beschrieben, wird nach den Flutwellen in Südasien Diskussionen über ein besseres Warnsystem auch im Atlantik befördern. Amerikanische Fachleute sagten am Montag, Tausende Menschenleben in Südasien hätten gerettet werden können, wären besonders betroffene Länder wie Indien und Sri Lanka an das Frühwarnsystem angeschlossen gewesen. Tad Murty von der University of Manitoba in Winnipeg sagte, man könne den Verlauf der Wellen vorhersagen: „Es dauerte vier Stunden nach dem Seebeben, bis die Wellen Indien erreichten. Das war genug Zeit für eine Warnung." Diese Zeit gäbe es auch im Atlantik - wenn man denn ein Warnsystem hätte.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2004, Nr. 303 / Seite 9

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