24.09.2006 · Das schwere Transrapid-Unglück im Emsland mit 23 Toten ist offenbar durch ein Versagen in der Leitstelle ausgelöst worden. Die Mitarbeiter hätten über einen Protokollbucheintrag und ein Ortungssystem vom Halten des Sonderfahrzeugs auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke wissen müssen.
Nach dem tragischen Transrapid-Unglück im Emsland haben die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben, daß die Magnetschnellbahn nicht hätte starten dürfen.
Das Sonderfahrzeug, auf das der Zug mit etwa 170 Stundenkilometer Geschwindigkeit geprallt war, habe hingegen ordnungsgemäß auf der Trasse geparkt, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, Alexander Retemeyer, am Samstagabend. Bei dem Unglück im Emsland waren am Freitag 23 Menschen ums Leben gekommen. Zehn weitere wurden zum Teil schwer verletzt.
Als Punkt auf dem Bildschirm erkennbar
Das Sonderfahrzeug habe von der Leitstelle vermutlich nicht den Auftrag erhalten, zurück in die Halle zu fahren und damit den Weg für den Transrapid freizumachen. Bei dem Fahrzeug handelte es sich entgegen ersten Angaben nicht um einen Reinigungszug, sondern um ein Inspektionsfahrzeug.
Den Ermittlungen zufolge hätte die Leitstelle einerseits anhand einer handschriftlichen Eintragung in einem Protokollbuch erkennen müssen, daß das Fahrzeug noch auf der Trasse stand. Auch war das Fahrzeug mit GPS ausgestattet und als Punkt auf dem Bildschirm erkennbar. „Es wurde vom System in der Leitstelle richtig auf der Strecke bei Stütze 120 angezeigt“, sagte Retemeyer. Zwar dürfe sich der Leitstand grundsätzlich nicht auf das GPS-System verlassen. Hätten die zwei zum Unglückzeitpunkt anwesenden Mitarbeiter aber hingeschaut, hätten sie das Hindernis den Ermittlungen zufolge sehen können.
Inspektionsfahrzeug so groß wie ein Lastwagen
Nun müsse geklärt werden, warum der Strom für den Transrapid dennoch freigegeben wurde. Zu klären sei auch noch, warum die Zugführer im vorderen Teil des Transrapids die Notbremsung erst relativ spät - nämlich 50 bis 100 Meter vor dem Hindernis - ausgelöst hätten. Das Inspektionsfahrzeug sei so groß wie ein Lastwagen, und die Sicht sei gut gewesen.
Retemeyer betonte, die Verantwortlichkeiten seien noch nicht geklärt. Die Mitarbeiter der Leitstelle stünden noch unter Schock und seien nicht vernehmungsfähig. „Wir erhoffen uns nun Aufklärung von der Auswertung des Funkverkehrs zwischen den Fahrzeugen“, sagte Retemeyer. Dies werde aber einige Zeit dauern, da acht verschiedene Kanäle abgehört und zugeordnet werden müßten.
Tiefensee kündigt „tiefgründige Untersuchung“ an
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kündigte beim Besuch des Unglücksorts am Samstag eine „tiefgründige Untersuchung“ der Unfall-Umstände an. „Wir müssen prüfen, ob das Sicherheitskonzept ausgereicht hat und ob es in allen Bereichen befolgt wurde“, sagte er.
Der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft IABG, Rudolf Schwarz, sagte, es habe Abweichungen von den Betriebsvorschriften gegeben. „Wir können uns derzeit nicht erklären, wie es dazu gekommen ist.“ Tiefensee warnte davor, aus dem Unglück voreilige Schlüsse zur Zukunft der Transrapid-Technik zu ziehen.
Fahrt als Auszeichnung für Azubis
Unter den Todesopfern des verheerenden Unglücks sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch zwei amerikanische Staatsbürger. Die meisten der 31 Insassen des Transrapids stammten aber aus Nordhorn (Kreis Grafschaft-Bentheim) und Papenburg (Kreis Emsland). Es seien Besucher gewesen, die an einer Meßfahrt teilgenommen hätten. Auch zwei Auszubildende waren an Bord, die die Fahrt als Auszeichnung bekommen hatten.
Eine Gruppe von elf Netzplanern des Energieversorgers RWE war ebenfalls mitgefahren. Zehn von ihnen starben, einer überlebte verletzt. „Jede Familie wird von unseren Betreuern umfassend und individuell begleitet“, sagte RWE-Personalvorstand Wilfried Eickenberg. Ob die Reise mit dem Transrapid dienstlicher oder privater Natur war, stehe noch nicht fest, erklärte ein Unternehmenssprecher.
Alle Toten identifiziert
Seit dem frühen Samstagmorgen waren Bergungstrupps und Ermittler an der Teststrecke im Einsatz, um Spuren zu sichern. Der zerstörte Zug solle zunächst auf der Trasse stehen bleiben, sagte der Sprecher des Landkreises Emsland, Dieter Sturm. Ein technischer Sachverständiger unterstütze Polizei und Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen, berichtete Polizeisprecher Ewald Temmen.
Alle Verletzten seien inzwischen außer Lebensgefahr, sagte Sturm. Bis zum frühen Samstagabend waren zudem alle Todesopfer „zweifelsfrei identifiziert“, sagte Polizeisprecher Achim van Remmerden. Die meisten seien anhand persönlicher Papiere oder von ihren Angehörigen identifiziert worden. DNA-Analysen waren zunächst nicht nötig.
Kein Kommentar aus China
Auf der weltweit einzigen kommerziellen Transrapid-Strecke zum Flughafen in Schanghai lief der Betrieb einen Tag nach dem tragischen Unglück im Emsland normal weiter. Chinesische Zeitungen berichteten rein nachrichtlich mit Bildern über das Unglück auf der Versuchsstrecke im Emsland.
Es fehlten Kommentare in den staatlich kontrollierten Medien oder Reaktionen von Behörden. Dies ist so kurz nach dem Unglück und angesichts der Tatsache, daß die Ursache noch nicht ermittelt ist, in China durchaus üblich.
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