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Traditionsgasthaus : Wo Münster zu sich kommt

Am Prinzipalmarkt in Münster: Das Gasthaus Stuhlmacher feiert in diesem Frühjahr gleich doppelt Jubiläum. Bild: Imago

Vor 70 Jahren baute Franz Feldhaus das Stuhlmacher wieder auf - vom Krieg völlig zerstört. Nun begeht das legendäre Gasthaus seinen 125. Geburtstag.

          Als der Krieg endlich vorbei war, gab es Münster fast nicht mehr. Überall Leere, Ruinen, Schutt und Asche. Fachleute empfahlen einen Neuanfang an anderer Stelle. Doch die Münsteraner wollten nicht von der Idee ihrer alten, schönen Stadt lassen. Schon im Juli 1945 stellte einer der Kaufleute vom Prinzipalmarkt einen Wiederaufbau-Antrag für sein Haus. Franz Feldhaus hingegen wartete nicht auf eine Genehmigung. Er fing einfach damit an, das Lebenswerk seiner Adoptiveltern Anna und Julius Feldhaus wieder aufzubauen: das Gasthaus Stuhlmacher.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Das Stuhlmacher gehört seit 125 Jahren zum Kernbestand Münsters. Die gute Stube des sichelförmigen Prinzipalmarkts ist – gleich neben dem gotischen Rathaus gelegen – ein Ort des Bürgertums. Trefflich lässt sich im Stuhlmacher Neues bekakeln. Ob Professor, Handwerker, Oberbürgermeister oder Ratsmitglied – an diesem Tresen, an dem aus einem Dutzend Zapfhähnen Bier aus Dortmund, München, Pilsen und anderswo in die Gläser rauscht, begegnet man sich von gleich zu gleich.

          Nach einem der vielen schweren Luftangriffe der Alliierten auf Münster hörte im Oktober 1944 auch das Stuhlmacher auf zu existieren. „Ausradiert, dem Erdboden gleichgemacht, nur noch ein paar Balken, Steine und Staub“, erinnerte sich Feldhaus vor einigen Jahren. Einmal noch gingen seine Eltern Anna und Julius Feldhaus am 5. Oktober 1944 an den rauchenden Trümmern ihres Hauses vorbei. Sie fühlten sich, „als habe man uns lebendig begraben“, wie es auf einem Zettel in flüchtig hingeworfenen Worten heißt. Wenige Wochen später erlitt Anna Feldhaus einen Schlaganfall. Sie starb kurz vor Kriegsende an den Folgen. Julius Feldhaus überlebte seine Frau nur um wenige Monate. Die allumfassende Zerstörung war deprimierend.

          Auf ein Bier mit Adenauer, Strauß und Co.

          Franz Feldhaus hätte gute Gründe gehabt, sein Glück anderswo zu suchen als inmitten der Trümmerlandschaft, die einmal das Herz Münsters war. Doch mit Pferd und Karre begann der Fünfundzwanzigjährige im September 1945, das Stuhlmacher wiederaufzubauen. Es schien aussichtslos. Alles musste mühsam organisiert werden: Holz, Maschinen, Mörtel, selbst Steine. Ein Segen, dass Feldhaus Verwandte mit einem Zementwerk in Erwitte hatte. Auch für das Rathaus konnte er 30 Tonnen Zement besorgen. Bis der Wiederaufbau des Rathauses, der aus dem Geld zahlreicher Lotterien finanziert wurde, abgeschlossen war, dauerte es aber noch lange. Das Stuhlmacher dagegen war schon im Oktober 1948 fertig, pünktlich zur 300-Jahr-Feier des Westfälischen Friedens – als Zeichen der Selbstbehauptung am Prinzipalmarkt.

          Bald bürgerte es sich ein, dass hohe Gäste Münsters noch auf ein Bier ins „Stuhls“ kamen. Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß, Johannes Rau und Henry Kissinger kehrten hier ein. Trotzdem wurde das mehrmals erweiterte Haus mit exzellenter Küche kein Prominentenlokal. Franz Feldhaus junior, der das Haus seit dem Tod von Franz Feldhaus senior im Jahr 2011 führt, fühlt sich der bürgerlichen Tradition verpflichtet. „So ein bodenständiges, seit vielen Generationen von einer Familie geführtes Gasthaus gibt es nur noch selten mitten in einer deutschen Stadt“, sagt Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster und damit von Amts wegen Stuhlmacher-Nachbar. Der Wiederaufbauwille von Feldhaus senior stehe exemplarisch für den Geist Münsters. Stets habe sich die Stadt aus ihrer bürgerlichen Mitte heraus entwickelt, habe der Ideologie der kompromisslosen Kommerzialisierung getrotzt.

          „Ich will nicht die Generation sein, die mit der Tradition bricht“

          Aber auch in Münster gibt es schmerzliche Verluste zu betrauern. Legendär war das Café Schucan, ein eleganter Ort im Wiener Kaffeehausstil. Bis 1989 waren das Schucan und das Stuhlmacher ein schönes gastronomisches Paar. Dann entschied eine neue Eigentümergeneration, dass es nicht mehr rentabel sei, ein solches Café mit so großem Personalaufwand zu führen. Die Besitzer verkauften es für eine schöne Summe an eine Handelskette. Das Café schloss. Es war ein Schock für Münster. Manche orakelten, auch Stuhlmacher werde nicht mehr lange durchhalten.

          Franz Feldhaus senior durfte noch miterleben, wie die Zukunft gesichert wurde. Früh entschloss sich sein Enkel, der ebenfalls den Namen Franz trägt, das Gasthaus in vierter Generation fortzuführen. Finanziell wäre es gewiss angenehm, eine so exponiert gelegene Immobilie zu verpachten, sagt der 29 Jahre alte Franz Feldhaus. Aber das sei doch kein vernünftiger Grund, einfach aufzuhören. „Ich will nicht die Generation sein, die mit der Tradition bricht.“ Das Stuhlmacher-Erbe verpflichte, sagt Franz III., der sein Handwerk in einem Fünf-Sterne-Hotel in Hamburg gelernt hat und seinen letzten Schliff in einem renommierten Haus in New York bekam.

          Er habe es im Vergleich unglaublich leicht, sagt der Juniorchef und erzählt von seinem Großvater. Auch der hätte sich eigentlich noch im Ausland bewähren sollen, in einem Grand Hotel in Paris. Ein paar Jahre vor seinem Tod legte Feldhaus senior auf münsterisch unsentimentale Weise auch davon Zeugnis ab: „Anstatt mit der Bahn nach Paris zu fahren, musste ich zu Fuß nach Moskau marschieren. Erst fünf Jahre später kam ich zurück aus dem Krieg.“ Und dann musste er das Stuhlmacher aus Trümmern aufrichten.

          Quelle: F.A.Z.

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