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Tourismus in Nordkorea Im matten Glanz der Diamantenberge

30.10.2006 ·  Golfen in Nordkorea? Was wie eine Utopie erscheint, wird zur Wirklichkeit. Der Hyundai-Konzern baut in Kumgang den ersten Golfplatz im touristischen Niemandsland Nordkorea. Doch trotz der Annäherung zwischen Nord und Süd ist klar, wer das Sagen hat.

Von Anne Schneppen, Kumgangsan
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Der „Diamond Country Club“ verspricht einen besonderen Nervenkitzel: Golfspielen in Nordkorea, unter den Augen von Soldaten, umgeben von Minen und Elektrozäunen. Links die schroffe Silhouette der Kumgang-Berge, rechts ein ehemaliger U-Boot-Stützpunkt. Eine bizarre Szenerie. Doch Park Hyun-chul von Emerson Pacific, dem Bauherrn dieses exotischen Vorhabens, sieht nur das frische Grün, die weiten Hügel und die Leistung seiner Landschaftsgärtner. „Es ist wirklich ruhig und friedlich hier.“

Die wohlhabenden Südkoreaner, die, assistiert von 80 nordkoreanischen Caddies, vom nächsten Jahr an ihre Bälle über den Parcours schlagen werden, kostet die Klub-Mitgliedschaft fast 20.000 Euro, wenig im Vergleich zu den Preisen daheim. In Nordkorea, muß Park bekennen, spielten „wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse doch relativ wenige Golf“. Er zweifelt nicht am Erfolg des ersten ausländischen Golfplatzes im touristischen Niemandsland Nordkorea. Ungerührt von Raketen- und Atombombentests, wird der zweite schon geplant.

Bei Einreise hagelt es Verbote

Kumgangsan, die sagenumwobenen Diamantenberge, liegen etwa 20 Kilometer hinter der scharf bewachten Grenze, die Korea in zwei Teile trennt. Hier erschließt der südkoreanische Hyundai-Konzern ein Gebiet zwischen Küste und Felsmassiv für Touristen, die aus Nostalgie oder Neugier erstmals nordkoreanischen Boden betreten. Die Kumgang-Berge sind mythische Orte - und sie sind der einzige Berührungspunkt zwischen Nord und Süd, das erste Loch in der Mauer. Fast 1,4 Millionen Touristen haben seit 1998 die Reise mit Hyundai angetreten, um einen von allen Seiten begrenzten Blick in das rätselhafte Reich des Diktators Kim Jong-il zu werfen - und sich dabei in einem Luxus-Freizeit-Park zu entspannen, wo es nicht einmal an einem Duty-free-Shop mangelt.

Für viele Millionen Dollar hat Hyundai Asan dem Machthaber in Pjöngjang das Land auf 50 Jahre abgerungen. Doch es gibt keinen Zweifel, wer hier das Sagen hat. Bei der Einreise hagelt es Verbote: keine Fotos durchs Busfenster, keine Gespräche über Politik. Mobiltelefone, Laptops, Teleobjektive werden eingesammelt. Es gibt sie erst wieder bei der Ausreise zurück. Jeden Tag zieht die Buskarawane über die Demarkationslinie, vorbei an Spalier stehenden Soldaten und einer nie genutzten Eisenbahntrasse, durch eine karge Mondlandschaft voller Felsen und Krater. Hin und wieder Ochsenkarren, Frauen gebückt bei der Feldarbeit, Kinder, die einen Fluß durchwaten. In Sichtweite, auf den Hügelkuppen, Panzer, deren Rohre unmißverständlich zur Straße gerichtet sind.

Buchungen gingen wegen Atomtest zurück

Doch Jang Whan-bin, der für Finanzen und Investoren zuständige Vizepräsident von Hyundai Asan, will dies nicht als symbolische Offensive und schon gar nicht im Zusammenhang mit dem jüngsten Atomtest verstanden wissen - genausowenig wie das Kriegsschiff, das gerade weithin sichtbar in der Bucht liegt. Die Panzer, sagt er, waren schon früher da, aber versteckt, und das Schiff habe wegen stürmischen Wetters im Hafen Zuflucht genommen. Den Betreibern des Freizeitparks ist die Anspannung anzumerken. In den ersten Tagen nach dem 9. Oktober, als Pjöngjang seinen Atomwaffentest verkündete, war die Zahl der Buchungen um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

Jetzt im Herbst, wenn die Bäume in den Bergen rot und gelb zu leuchten beginnen, ist eigentlich Hochsaison. Aber im Hyundai-Land ist wenig los. Rentner schwitzen in der Sauna. Im Zirkus, wo Pjöngjangs „weltbeste Artisten“ eine traurig-anachronistische Vorstellung bieten, besetzen subventionierte Schulklassen die vorderen Ränge. Unverdrossen lobt Jang indessen das friedenserhaltende Geschäft, ein Symbol der Entspannung, eine seltene Chance zur Kooperation: „Sie haben eigene Restaurants hier eröffnet, sie arbeiten in unseren Hotels, sie sprechen mit uns, und sie vertrauen uns.“ Von den 2786 Menschen, die in Kumgang arbeiten, sind 1600 Nordkoreaner, die hier erstmals mit Südkoreanern in Berührung kommen, die womöglich über den Reichtum und die Freundlichkeit ihrer auf kapitalistische Abwege geratenen Brüder und Schwestern aus dem Süden staunen, die nach Jahrzehnten der Trennung so viel größer und wohlgenährter aussehen als sie selbst.

Kritik aus Washington

Was aber ist mit den Raketen und Bomben, den Provokationen und Wirtschaftssanktionen? In der kapitalistischen Enklave der Diamantenberge geht die Zeit voran, als sei weiter nichts geschehen. Eine 2,8 Kilometer lange Seilbahn führt zum Gipfel, eine Jugendherberge wird geplant. Allein das stählerne Skelett eines Neubaus erinnert an Probleme. Dort sollen sich in Zukunft seit dem Korea-Krieg getrennte Verwandte aus Nord und Süd wiedersehen. Doch seit den Raketentests im Sommer stehen die Kräne still.

Während die südkoreanische Regierung an dem Tourismusprojekt an der Ostküste der Halbinsel und der gemeinsamen Industriezone Kaesong im Westen festhält, wird in Washington wie auch konservativen Kreisen Südkoreas Kritik vor allem an Kumgang erhoben, sieht man dies doch in erster Linie als Devisenbringer für das stalinistische Regime. Für jede Dreitagestour, jeden Touristen kassiert Pjöngjang 80 Dollar. Rund 460 Millionen Dollar hat Hyundai Asan bis Ende September für Landrechte, Visagebühren, Eintrittsgeld, Steuern und Zölle an den Norden gezahlt. Im Seouler Vereinigungsministerium verteidigt man das Projekt: Nur ein Prozent seiner Devisen erhalte Nordkorea durch Kumgang. 2005 machte der Touristenpark erstmals einen bescheidenen Gewinn, jetzt muß Jang Whan-bin um die Zukunft fürchten.

„Sie dürfen ruhig winken!“

Die Sonderzone ähnelt einem Zoo: Die Nordkoreaner und die Besucher aus dem Süden werden durch grüne Zäune auf Abstand gehalten, ganze Siedlungen verschwinden hinter Mauern. Wenn die Touristenbusse die Straße passieren, wenige Meter an den ärmlichen Häusern vorbei, halten die Frauen, Männer und Kinder draußen wie auf Kommando an und warten, bis ein Soldat sein rotes Fähnchen herunternimmt. Die Männer in der braunen Armeeuniform regeln die wenigen unvermeidlichen Kreuzungen von Gästen und Einheimischen, die sich ansonsten auf denen ihnen zugewiesenen Wegen zu bewegen haben. Die unbeirrt fröhliche Reiseleiterin sagt: „Sie dürfen ruhig winken!“

Aus dem Zimmer im zehnten Stock des Kumgangsan-Hotels hat man noch die besten Möglichkeiten, den Alltag jenseits des Zauns zu beobachten. Menschen, die sich im Morgennebel zur Gymnastik unter Marschmusik aufstellen. Mütter und ihre Kinder, die sich vor einer Baracke treffen. Das Hotel, das Staatsgründer Kim Il-sung vor Jahren für die Elite baute, inzwischen für zehn Millionen Dollar von Hyundai renoviert, hat dank eines eigenen Ölgenerators abends Licht, während ringsum das Dorf in Dunkelheit versinkt. Hell erstrahlt in der Nacht nur das riesige Standbild, ein kitschiges Mosaik des Großen und des Geliebten Führers vor den Kumgang-Bergen im Abendglühen. Ein „Geschenk“ der Nordkoreaner für die Gäste. Wer davon ein Foto schießen will, wird von den Portiers zurückgepfiffen. Lang lebe General Kim Jong-il, der Sohn der Revolution, verheißt uns eine auf Stein gemalte, gut 20 Meter lange Inschrift neben dem Parkplatz.

Tresen, Restaurants und Berge als Berührungspunkte

Kontakte sind spärlich. Auf der einen Seite stehen Reisegruppen, diesmal zwei Busse mit Journalisten. Auf der anderen Seite immer mindestens zwei Nordkoreaner, die sich gegenseitig kontrollieren, zu erkennen an der roten Anstecknadel mit dem Konterfei Kim Il-sungs. Berührungspunkte sind der Tresen der Bar, das Restaurant, der Laden, vor allem die Berge. Während den Besuchern eingeschärft wird, nur ja nicht über Politik zu sprechen, sprudelt es aus den Kellnerinnen, Verkäuferinnen und Bergführern nur so heraus. „Ich war sehr glücklich und stolz, als ich vom Atomtest hörte. Das hat mich nicht überrascht, weiß ich doch, daß wir das beste Militär der Welt haben.“ Bush setze sie unter Druck. Amerika wolle Nordkorea angreifen. Sie bräuchten diese Selbstverteidigung. Alle sprechen über die Sanktionen. Die Amerikaner und Japaner zeigten immer mehr Härte.

Nordkorea werde daran nicht zerbrechen. Nordkorea würde zu den Sechsländergesprächen zurückkehren. Aber zunächst müsse Amerika seine Haltung ändern. Eine junge Bergführerin ist besonders keß. Die Freundschaft zwischen Nordkorea und China sei unzerbrechlich. In den Süden fahren wolle sie nicht, denn dort sei man wegen der Amerikaner seines Lebens ja nicht sicher. Einer ihrer Kollegen vergleicht Nordkorea mit einem Mann, der in die Ecke geschubst wird: „Der muß sich wehren, damit er wieder herauskommt.“ Fragen werden höflich beantwortet. Als eine Südkoreanerin zu erklären versucht, daß Amerika kein Interesse an einem Angriff auf Nordkorea habe, bleiben die Gegenüber still. Später erfährt man, daß das Personal tags zuvor für die Besucher auf Linie getrimmt wurde.

„Viele Besucher haben eine traurige Geschichte“

Abends nach dem Essen, bei Blaubeerlikör und Karaoke, werden die Gespräche doch noch etwas lebendiger und die Atmosphäre entspannter. Im Duett singen Nord und Süd politisch korrekte Lieder von der Schönheit der Berge, von Trennung, Einheit und der Freude des Wiedersehens. Manchem Südkoreaner werden die Augen feucht. „Viele Besucher haben eine traurige Geschichte“, sagt Kevin Lee und erzählt von seinen Eltern, die im Korea-Krieg vom Norden kamen. Sein Vater, inzwischen 86 Jahre alt, weiß bis heute nicht, was aus seinen Verwandten geworden ist.

Nach drei Tagen vorsichtiger Annäherung bleibt ratlose Leere. Was geht in den nordkoreanischen Köpfen vor, wenn sie diese Busladungen südkoreanischer Brüder und Schwestern sehen, deren Wanderausstattung mehr kostet als ein Jahresgehalt im Norden? Ständig wird zu viel oder zu naher Kontakt verhindert. Kameras werden abgenommen, digitale Bilder gelöscht. Zwei buddhistische Mönche richten mit Liebe und Spenden aus dem Süden einen im Korea-Krieg zerstörten Tempel am Waldesrand wieder her. Doch ihnen ist jetzt schon klar, daß kein Nordkoreaner kommen darf.

Blick ins Dorf ist nicht gern gesehen

Mit Stolz wird ein Treibhausprojekt, finanziert von einer südkoreanischen Hilfsorganisation, vorgeführt, dessen Rettiche und Bohnen das nahe Dorf versorgen. Große Familien kriegen mehr, kleine weniger. Doch wer es wagt, am anderen Ende des Treibhauses hinauszuschauen, um das Dorf zu sehen, muß sich scharf rügen lassen. „Ihre Aufgabe ist es, das Treibhaus anzusehen, nicht das Dorf“, sagt Manager Park Myung-nam.

Ein Bergführer wird nach Rückkehr in die Talstation ungeahnt sentimental, erzählt von seiner schwangeren Frau und freut sich über Glückwünsche. „Kommen Sie beim nächsten Mal zu mir nach Hause, dann wird meine Frau für uns kochen.“ Ein Zyniker wirft ein: „Ja danke, paßt es morgen?“ Alle lachen, auch der nordkoreanische Bergführer, und sie wissen, warum.

Quelle: F.A.Z., 30.10.2006, Nr. 252 / Seite 9
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