15.05.2009 · Der Klimawandel und der immer beliebter werdende Tourismus in der Antarktis machen den Tieren das Leben schwer. Verhaltensregeln für die Naturbeobachter sollen die Tiere beim Landgang schützen, was aber manchmal gar nicht so einfach ist.
Von Carl-Albrecht von TreuenfelsWarum fressen Eisbären keine Pinguine? Die Frage aus dem Biologieunterricht müssen die Expeditionsleiter auf dem Weg in die Antarktis bei ihrem Einführungsvortrag an Bord der Kreuzfahrtschiffe im nächsten halben Jahr nicht an die Passagiere richten. Erstens, weil die Eisbären - anders als viele Reisende meinen - am Nordpol leben und die Pinguine am Südpol. Und zweitens, weil es in den kommenden sechs Monaten keine Antarktistouren mehr gibt.
Vor kurzem sind die letzten Kreuzfahrtschiffe aus der Antarktis in die argentinischen und chilenischen Häfen zurückgekehrt. Auch aus Australien, Neuseeland oder Südafrika finden bis Oktober keine Expeditionen mehr ans Ende der Welt statt. In der ersten Aprilhälfte geht der Sommer auf der südlichen Erdhalbkugel zu Ende. Die Temperaturen fallen, und das Eis breitet sich wieder um den Südpol aus. Etwa die Hälfte der gut 80 Forschungs- und Touristenstationen rund um die Antarktis werden von ihren Besatzungen winterfest gemacht und verlassen. Auf den ganzjährig betriebenen Stationen - unter ihnen die neue Neumayer-III-Station des Alfred-Wegener-Instituts - richten sich die Stammbesatzungen auf den Beginn der langen Polarnacht ein.
Forschungseinrichtungen lassen sich nur von Bord aus beobachten
Nach einer ersten Hochrechnung der International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO), der mehr als 100 Veranstalter und Ausrüster von Antarktisreisen angehören, lag die Zahl der Besucher mit knapp 39.000 in der jetzt abgelaufenen Saison um etwa 16 Prozent unter der des vergangenen Jahres. Von Oktober 2007 bis April 2008 hatten mehr Menschen als jemals zuvor die Antarktis besucht: gut 46.000 - von Drei-Personen-Crews auf kleinen Segelschiffen bis zu mehr als 500 Passagieren auf Luxuslinern. Zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 10.000 gewesen.
Etwa zwei Drittel der Schiffsreisenden, die von der Antarktis meist nur Teile der im Nordwesten des eisigen Kontinents liegenden antarktischen Halbinsel sehen, landen während ihrer ein- bis zweiwöchigen Fahrt ins ewige Eis mit Zodiac-Booten, die von Außenbordmotoren angetrieben sind, einige Male an. Besonders beliebte Ziele dafür sind Brutkolonien von Pinguinen, ehemalige Walfangstationen und Forschungseinrichtungen, die zu Museen oder Souvenirläden umgewandelt sind. Militärische und Forschungseinrichtungen lassen sich nur von Bord aus beobachten.
Verhaltensregeln beim Landgang beachten
Bietet schon die Fahrt von Südamerika durch die Drake-Passage, die am meisten genutzte Anfahrtstrecke, viele Möglichkeiten, Wale, Delfine und fliegende oder schwimmende Vögel zu beobachten, so wird es mit dem Erscheinen der ersten Eisschollen richtig antarktisch. Robben und Pinguine haben sich an die Schiffe gewöhnt, wenn diese einen Mindestabstand einhalten und der Kapitän die Maschinen weiterlaufen lässt. Die Natur soll möglichst wenig gestört werden. Das ist eines der wichtigsten Ziele, dem sich die Mitglieder der 1991 gegründeten IAATO verschrieben haben. So etwa gibt es Empfehlungen, wie nahe die Menschen sich bei einem Landgang den See-Elefanten, Pinguinen, Sturmvögeln, Kormoranen oder Raubmöwen nähern dürfen.
Viele der antarktischen Tiere haben nämlich, ähnlich wie auf den Galapagos-Inseln, vor Menschen wenig Scheu, solange sie keine schlechten Erfahrungen mit ihnen gemacht haben. Seit das große Abschlachten von Robben und Pinguinen an den Küsten und von Walen in den antarktischen Gewässern vor mehr als 50 Jahren beendet wurde, hat sich eine friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Tier entwickelt. Von ihr profitiert der Tourismus. Und daher achten die meisten Reisebegleiter darauf, dass beim Landgang die Verhaltensregeln eingehalten werden.
Mit ihren Kräften am Ende
Bei den Pinguinen ist das nicht immer ganz einfach. Die Vögel halten sich nicht an die Abstände und laufen den Menschen zuweilen über die Füße. Die Brutkolonien von drei Arten - Adéliepinguinen, Zügelpinguinen (Kehlstreifpinguinen) und Eselspinguinen - sind an Küstenabschnitten, die nach dem Winter früh von Eis und Schnee frei werden, ein bevorzugtes Besuchsziel. Solange die flugunfähigen Vögel während des antarktischen Frühlings, also im letzten Jahresviertel, Eier legen, brüten und ihre Jungen aufziehen, geht es in den großen Kolonien ruhig zu.
Zwar kommt es zwischen den dicht an dicht auf dem Boden sitzenden Tieren immer wieder zu Reibereien und Diebstählen von Nistmaterial, also kleinen Steinen. Doch ist das nichts gegen die Aufregung in den letzten Wochen der Jungenaufzucht, die sich bei Nachzüglern bis in den April ziehen kann. Dann schleppen abwechselnd Männchen und Weibchen Nahrung für ihre Jungen in ihren Mägen aus dem Meer heran. Die drei in der Gattung Psygoscelis zusammengefassten Pinguinarten (von insgesamt 17 in sechs Gattungen) legen im Gegensatz zu anderen Arten zwei Eier. Gelingt es den Altvögeln, beide Jungen vor den Angriffen von Raubmöwen und Riesensturmvögeln zu schützen und erfolgreich aufzuziehen, dann sind sie mit ihren Kräften am Ende, wenn ihr Nachwuchs zum ersten Mal ins Wasser geht und selbständig wird.
Festen Grund unter die Füße oder Flossen bekommen
Da viele der Forschungsstationen entlang der antarktischen Halbinsel und auf den vorgelagerten Inseln - wie zuvor die Wal- und Robbenschlachtstätten - dort eingerichtet wurden, wo es lange eis- und schneefrei ist, enthalten sie den Pinguinen Gelände vor, das für deren Brut geeignet ist. An manchen Orten haben sich indes vor allem Eselspinguine mit der Situation abgefunden und brüten in unmittelbarer Nähe zu menschlichen Ansiedlungen. Besonders gut ist das in Port Lockroy auf der Insel Goudier zu sehen. Die ehemalige britische Forschungsstation ist zu einem Museum ausgebaut und zieht jeden Sommer Tausende Besucher von den in der Bucht ankernden Schiffen an. Wenn die Menschen ihre Zodiac-Boote verlassen, müssen sie ganz nahe an den brütenden und fütternden Pinguinen vorbeigehen.
Obwohl die menschliche Nähe bei den Pinguinen Stress erzeugt, der den Bruterfolg beeinträchtigen kann, zeigt sich rund um Port Lockroy das Gegenteil: Die Eselspinguine in der Nähe der Station ziehen mehr Junge auf als ihre Artgenossen auf der anderen Seite der Insel. Vielleicht werden die entlegenen Brutplätze häufiger von Feinden heimgesucht, die Touristen meiden. Auch in der Tierwelt vollzieht sich mit Beginn des südpolaren Herbstes ein dramatischer Wandel. Wale (Schwertwal oder Orka, Buckelwal, Grindwal, Zwergwal), Robben (Südlicher See-Elefant, Seebär oder Pelzrobbe, Weddellrobbe, Krabbenfresser, See-Leopard) und Vögel verlassen ihre Sommerreviere und ziehen, den Schwärmen der Fische, des Krills und anderer Krebstiere folgend, aufs Meer. Dort verbringen einige Arten mehrere Monate, ohne einmal an Land zu kommen. Andere wollen immer wieder mal festen Grund unter die Füße oder Flossen bekommen. Sie suchen zeitweilig vorgelagerte Inseln oder die Klippen der nächstgelegenen Erdteile auf.
Wegen der Eisschmelze reicht das Meer näher an den Brutplatz
Doch es gibt auch Tiere, die ganz gut mit dem antarktischen Winter zurechtkommen. Neben Fischen, Krebsen, Schnecken und anderen Bewohnern der Unterwasserwelt, die selbst unter einer dicken Eisschicht existieren können, zeigt der Kaiserpinguin in jedem Winter, wie er bei tiefsten Temperaturen und in eisigen Stürmen Eier ausbrütet und Junge aufzieht. Der größte aller Pinguine - gut einen Meter groß - beginnt mit der Brut im Mai und Juni. Zwei Monate wärmt das Männchen das einzige Ei in einer Bauchfalte, nachdem das Weibchen es ihm auf die Füße gerollt und sich für zwei Monate ins Meer verabschiedet hat.
Die Männchen stehen dicht gedrängt auf dem Eis, oft weitab von der Küste, und müssen ohne jede Nahrungsaufnahme Temperaturen von minus 40 Grad aushalten. Und sie müssen darauf vertrauen, dass ihr Weibchen nach dem Schlüpfen des Kükens pünktlich mit reichlich Futter im Magen zurückkehrt - mitunter nach einem Marsch von 80 Kilometern über das Eis. Erst dann können auch sie sich zum Meer aufmachen, um sich das Drittel ihres Körpergewichts, das sie während der Brut verloren haben, wieder anzufressen. Fünf Monate später, im Hochsommer, zieht es die ausgewachsenen und mit wasserdichtem Gefieder gemauserten Jungen ebenfalls ins Meer, das wegen der Eisschmelze dann näher an den Brutplatz reicht.
Population der Krills hat abgenommen
Trotz des 1959 geschlossenen Antarktisvertrages mit der Ergänzung durch das Madrider Protokoll von 1991, der die ausschließlich friedliche und ökologisch verträgliche Nutzung zu wissenschaftlichen Zwecken vorsieht und die Gewinnung von Bodenschätzen ausschließt, mehren sich die Sorgen vieler Wissenschaftler um die Zukunft des antarktischen Ökosystems. Die Natur ist bedroht durch die starke touristische Nutzung mit der wachsenden Gefährdung durch Schiffsunfälle, durch die immer noch nicht überall geregelte Entsorgung umweltbelastender Abfälle der Forschungsstationen sowie die Überfischung und Vermüllung der Gewässer.
Schon das Ozonloch und die Änderung der UV-Strahlung haben nachteilige Auswirkungen auf die Photosynthese und damit auf die Basisnahrung, das Plankton. Von dessen Produktion hängen letztlich alle anderen Lebewesen ab. Die Erwärmung des Wassers, in den vergangenen 50 Jahren um etwa ein Grad, hat Folgen für die wichtigste tierische Nahrungsquelle: Die Population des Krills, der für Wale, Pinguine und viele Fische lebenswichtig ist, soll laut den British Arctic Surveys in den vergangenen 30 Jahren um bis zu 80 Prozent abgenommen haben.
Die Eisberge brechen ab und driften weg
Durch die Erwärmung der antarktischen Gewässer, die in den kommenden 50 bis 100 Jahren auf plus zwei Grad vorausgesagt wird, so warnen Wissenschaftler, verändere sich die gesamte zirkumpolare Meeresströmung, was große Auswirkungen auf die Weltmeere habe. Die Biodiversität der Wirbellosen, die in der Antarktis so groß wie sonst nirgends ist, beginnt immer schneller zu schrumpfen. Bis vor kurzem hat sich in jedem Winter der Umfang des antarktischen Festkörpers dank des Eises verdoppelt. Eine zunehmend geringere Vereisung des Kontinents im Winter lässt jetzt schon Einflüsse spürbar werden, denn das Eis ist wichtig für den Wärmeaustausch.
So werden die Ausschläge von El Niño immer stärker: Zweieinhalb Jahre nach dem Auftreten des Klimaphänomens mit seinem starken Einfluss auf die Meeresströmungen erleiden besonders die Populationen von Robben und Pinguinen einen starken Einbruch. Bei Adéliepinguinen, deren Bestand vor zehn Jahren noch auf bis zu 40 Millionen rund um die Antarktis geschätzt worden ist, wird eine starke Abnahme und eine Veränderung des Brutverhaltens gemeldet. Auch die Kaiserpinguine sind immer häufiger betroffen: Ihnen schmilzt das Schelfeis weg - die Eisberge brechen ab und driften weg.
Das Schelfeis schmilzt nicht,
Carolus Doomdey (Domday)
- 15.05.2009, 11:17 Uhr