Home
http://www.faz.net/-gum-6zi2i
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tote Hosen im Gerätehaus Optimum fürs Volk

 ·  Nach dreißig Jahren auf deutschen Bühnen rocken die Toten Hosen nun mitten unter uns. Zum Beispiel im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Gäufelden.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)
© Marcus Kaufhold „Alles aus Liebe“: Auf ihrer Jubiläumstour zum Album „Die Geister, die wir riefen“ spielen Campino und seine Hosen in Feuerwehrhäusern, Punk-WGs und Wohnzimmern – kostenlos.

Es ist immer ein Risiko, sich ausgerechnet mit den Leuten zu konfrontieren, die einen gut finden, verehren, immer schon mal sehen oder anfassen wollten: weil man selbst ganz anders sein könnte, als die Leute dachten, vor allem aber, weil die Leute ganz anders sein könnten, als man es sich selbst gedacht oder erhofft hat.

Der Country-Sänger Gunter Gabriel ist einer, der es gewagt hat. Für einen Tausender hat er sich nach Hause zu Fans einladen lassen. Es heißt, so habe er seinen Schuldenberg abgetragen. Bei ihm war es also vor allem das Geld. Bei den Toten Hosen kann es das nicht sein. In den dreißig Jahren, die seit der Gründung der Düsseldorfer Band vergangen sind, haben sie genug verdient, verkauft und ausverkauft, um nun wieder auf eigene Kosten, diesmal in einer Punk-WG in Gießen oder auf einer Hamburger Hafenbarkasse, zum Geheimkonzert aufzuspielen.

Heute ist die Freiwillige Feuerwehr in Gäufelden dran: Baden-Württemberg, Landkreis Böblingen, mehr als hundert Mitglieder, neues Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug und eine Leiter, mit der man immerhin in den zweiten Stock kommt, um zum Beispiel Katzen vom Dach zu holen. Es ist ein Ort, an dem auch erwachsene Männer wie etwa der Feuerwehrkommandant Alfred Schittenhelm, Jahrgang ’59, technischer Angestellter bei Daimler und Gemeinderat für die Freien Wähler, noch mit Würde einen Ring in ihrem linken Ohrläppchen tragen können.

4500 Anfragen, 17 von Feuerwehren

Andreas Bühler, genannt „Kühler“, 36 Jahre alt, auch schon fast zwanzig Jahre bei der Feuerwehr, inzwischen gar Zugführer, ehemals Hobbyfußballspieler und -triathlet und an seinem Arbeitsplatz in der Gemeinde zuständig für die Haus- und Liegenschaftsverwaltung, hat sogar noch mehr Ringe im Ohr und dazu einen in der Augenbraue. Im Dezember hat der altgediente Hosen-Fan ein Bewerbungsvideo an die Band geschickt. Insgesamt 4500 solcher Anfragen haben die Hosen bekommen, allein 17 von Feuerwehren. Bald darauf kam der Bescheid: Ihr seid in der engeren Auswahl. Wiederum bald darauf war der Tour-Manager zur Ortsbegehung da. Noch ein paar Mails - so und so sollte die Bühne sein, ein, zwei Feuerwehrautos könnt Ihr ruhig in der Fahrzeughalle stehen lassen -, dann die Nachricht: Sie kommen.

Zwei Nächte hat Kühler kaum geschlafen - was hätte nicht noch alles schiefgehen können! Postings auf Facebook oder irgendeiner, „der sein Maul nicht halten kann“ -, als kurz vor sieben Uhr abends tatsächlich der Bus anrollt. Eine Schiebetür geht auf, die Kamerahandys sind gezückt, Campino, mit beinahe 50 Jahren der Älteste der Band, steigt als Erster aus.

„Das ist der Moment“, sagt er ein paar Tage später am Telefon, das irgendwo in seiner Berliner Zweitwohnung steht, „in dem du heraus trittst und weißt, dass da Menschen sind, die sich sehr darauf freuen und die das eigentlich gar nicht fassen können, dass du sie besuchst, und natürlich möchte jeder den Beweis haben, dass du da und mit ihnen warst. Deshalb ist es auch völlig legitim und auch prima aushaltbar, dass man sich erst mal für eine halbe Stunde hinstellt, und die machen dann ihre Bilder. Das hört ja irgendwann auch auf.“

„Irgendwann saufet mir no a Bier.“

Es ist, wie er sagt: Eine Frau in seinem Alter lässt ihn wissen, dass sie heute Geburtstag und übrigens ihren Pullover selbst gestrickt hat. Kühler erzählt Campino, wie er ihm vor einem Auftritt zufällig begegnet sei, im FC-Liverpool-Trikot, worüber der Liverpool-Fan Campino erfreut gewesen sei, und wie er ihm nachgerufen habe: „Irgendwann saufet mir no a Bier.“ Daneben steht einer, der nach Campino giert und sich doch oder deswegen darüber aufregt, dass alle immer nur nach Campino gieren, weil der ohne die anderen doch „gar nix“ sei.

Die Bandkollegen Kuddel, Andi, Vom und Breiti, die mit dieser über Jahrzehnte eingeübten Aufmerksamkeitsverteilung offenbar sehr gut leben können, sind da schon längst nach oben, in den ersten Stock des Feuerwehrhauses weggehuscht und bekommen also nicht mit, wie Campino noch einem jungen Herrn, der ein Paraguay-Trikot trägt, zu erklären versucht, warum er auch nicht genau erklären kann, warum die Band, die so gerne in Argentinien spielt - ausgerechnet in Argentinien, wo Campinos Mutter doch aus England stammte! -, nicht öfter in Paraguay spielt.

Es muss seltsam sein, dieses Gefühl, nicht einem allein zu gehören, auch sich selbst nicht so recht, sondern irgendwie allen, der Welt.

„Das ist ein Problem“, sagt Campino am Berliner Telefon, am Sonntagmorgen kurz nach elf, während er sich vielleicht gerade einen Kaffee macht oder - immer freundlich und konzentriert - die Dinge unter seiner Jogginghose zurechtrückt. „Aber weniger für mich oder für die Leute, die exponierter leben, sondern für deren Partner. Die müssen sehr selbstsicher sein und auf eigenen Beinen stehen, damit sie es aushalten, dass sie, im übertragenen Sinne, oft zur Seite gestoßen werden. An mir wiederum liegt es, zuzusehen, dass meiner Partnerin dieses Gefühl möglichst erspart bleibt.“

Die „total unkomplizierten Hosen“

Auch Campino ist jetzt im ersten Stock des Feuerwehrhauses, das in einem kleinen Gewerbegebiet steht, wo sich keiner gestört und auch keiner eingeladen fühlen kann. Es gibt Bier aus der Region, „Hochdorfer“, auf Düsseldorfer Alt hatten die „total unkomplizierten Hosen“ (Kühler) nicht bestanden, außerdem drei verschiedene Gerichte, jeweils selbst gemacht von Frauen, Müttern und Schwiegermüttern der Feuerwehrleute. Auch Kühlers Frau, Querflötistin in der Blaskapelle, ist da. Sie erwartet ihr erstes Kind. „Das ist ein richtig geiles Jahr“, sagt Kühler: Hosen und Kind. Campino belässt es zunächst bei Nudeln ohne alles, die er hastig isst, während die Einheimischen um ihn kreisen.

Im Unterschied zu Kühler, der glaubt, er „ticke nicht viel anders als Campino“, ist Campino schon Vater. Sein acht Jahre alter Sohn Lenny, den er mit einer Schauspielerin hat, mit der er nicht mehr zusammen ist, fragt ihn in der Berliner Wohnung, wie lange es denn noch dauere mit dem Interview. „Gleich“, sagt Campino.

Ist das das größtmögliche Glück, Kinder zu haben? Oder behaupten das nur diejenigen, die anders als die Hosen nie beim letzten Konzert der Ramones in Buenos Aires vor Zehntausenden auf der Bühne gestanden haben?

Campino glaubt, man solle das nicht gegeneinander ausspielen. Ein erfülltes Leben sei mit und ohne Kinder möglich. Speziell für Menschen allerdings, „die Gefahr laufen, dass sich immer alles nur um sie selber dreht, die Angst haben vor dem Älterwerden und so etwas“, könnten Kinder eine Rettung sein, „weil dann von ganz alleine andere Themen in den Mittelpunkt rücken“.

Und was ist mit Buenos Aires?

„Buenos Aires ist Wahnsinn. Klar ist aber auch: Wenn zu Hause was nicht in Ordnung ist, dann kann man nicht in Buenos Aires auf der Bühne stehen und Spaß haben.“

Pogen mit Atemschutzmaske

Der erste Song, den die „Toten Hasen“, wie die Hosen einst bei ihrem ersten Konzert angekündigt wurden, gegen neun Uhr abends in Gäufelden spielen, heißt „Strom“. Der Titel passt zur Stimmung, weitgehend jedenfalls. Gut hundert Leute sind im Raum, alle so zwischen zwanzig und fünfzig, keine Jugendfeuerwehr, dafür wollten Kommandant Schittenhelm und Kühler dann doch nicht die Verantwortung übernehmen.

Während vorne gepogt wird, später auch mit Atemschutzmaske, und hinten gestaunt, gefilmt, geknipst, fast zu viel, zumindest nach Campinos Geschmack, holt die Band einen Klassiker nach dem anderen raus: „Hier kommt Alex“ vom Album „Ein kleines bisschen Horrorschau“, mit dem sie 1988 den Durchbruch geschafft haben; „Zehn kleine Jägermeister“, ihre erste Nummer eins, oder den Song „Opel-Gang“, den Campino mit den Campino-Worten einleitet, dass, wenn er je von der Feuerwehr aus einem Opel geschnitten werden müsse, sie ihm eine Sonnenbrille aufsetzen sollten, damit er auch da noch cool aussehe.

Irgendwann dann: „Alles aus Liebe“ - auch so ein Lied, bei dem man sich fragt, ob es den Schmerz wert war, ohne den es nie geschrieben worden wäre.

Campino sagt, inzwischen allein in seiner Berliner Wohnung, weil Lenny zuvor, vermutlich von seiner Mutter, abgeholt wurde: „Kein einziges Lied lohnt den Schmerz. Aber es hilft ja nichts. Man macht eben Sachen durch. Für mich sind das rare Momente, in denen man beim Texten völlig ohne Schutz und ohne doppelten Boden sein Innerstes auf den Tisch legt, ohne dass das nach Seelenstriptease aussieht.“

„Wie sie da älter werden, das ist in Ordnung“

Vorne an der Bühne steht eine junge Familie aus der Nähe von Heidelberg, Eltern, elfjährige Tochter, Oma, Anhang. Von den Hosen sind sie zum Trost eingeladen worden, weil sie hinter der Feuerwehr nur den zweiten Platz belegt haben, mit ihrem Wohnhaus, das sie mit Hosen-Symbolen vollgemalt haben. Nach zwei Stunden Optimum fürs Volk, in denen das Töchterchen auf der Bühne singen durfte und der grüne Bürgermeister sein Jackett abgelegt hat, sowie anschließender Fahrt der Hosen im Feuerwehr-Auto mit Abspritzen, ist alles vorbei.

Kühler ist völlig durch, auch durchgeschwitzt, und happy, die Heidelberger Familie, die Campino noch auf ihrem mit Hosen-Bundesadlerskelett verzierten SUV unterschreiben lässt, sowieso. Nur einer, der mit dem Paraguay-Trikot, sagt: Das Konzert in der Gießener Punk-WG, wo sich Campino auf den Händen der Leute durch die Wohnung tragen ließ, sei wohl „geiler“ gewesen.

Kann sein, dass Campino das genauso sieht. Zumindest sagt er über das Gießener Konzert: „Für uns ist das eine wahnsinnige Beruhigung, dass wir bei den Punks in der Szene immer noch mit offenen Armen und auf Augenhöhe empfangen werden, das gibt uns Kraft, definitiv.“

Ob er sich selbst, wenn er noch Punk in der Szene wäre, auch mit offenen Armen empfangen würde?

„Ich würde mir wünschen, dass ich wenigstens sagen würde: Die Jungs sind okay. Was sie da machen, wie sie da älter werden, das ist in Ordnung.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge