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Tödliche Therapiesitzung Patienten mit psychoaktiven Substanzen vergiftet

21.09.2009 ·  Nach der Vergiftung von zwölf Patienten bei einer Therapiesitzung in Berlin sind zwei Menschen gestorben. Bei der Gruppensitzung hatten die Teilnehmer ein Drogengemisch eingenommen. Gegen den Psychotherapeuten ist ein Haftbefehlt ergangen.

Von Mechthild Küpper
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Nach dem Drogentod zweier Patienten in Berlin ist gegen den behandelnden Psychotherapeuten am späten Sonntagabend Haftbefehl erlassen worden. Das teilte die Berliner Polizei mit. Der 50 Jahre alte Mann hatte am Sonntag zugegeben, seinen Patienten bei einer Gruppensitzung am Samstag einen Drogen-Cocktail verabreicht zu haben. Die Ermittler gehen nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht davon aus, dass der Mann vorsätzlich töten wollte. Mit den Drogen sollte bei dem Treffen mit zwölf Teilnehmern eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden.

Ein 59 Jahre alter Mann ist am Samstagnachmittag in einer Arztpraxis in Berlin-Hermsdorf, einem bürgerlichen Vorort im Norden der Stadt, nach einer Gruppentherapie gestorben. Ein 28 Jahre alter Mann, der ebenfalls an der Sitzung in der Arztpraxis teilgenommen hatte, starb am späten Samstagabend in einem Krankenhaus. Ein dritter Mann, er ist 55 Jahre alt, liegt noch im Koma und soll in kritischer Verfassung sein. Neun weitere Patienten des Arztes konnten die Krankenhäuser jedoch verlassen, in die sie gebracht worden waren, nachdem sie bei der Sitzung am Samstag Vergiftungen erlitten hatten. Sie werden als Zeugen in dem Fall gehört werden. Verabreicht hat seinen Patienten die gefährlichen Substanzen ihr Arzt.

Ein Teilnehmer hatte die Feuerwehr verständigt, nachdem die Substanzen bei einigen Teilnehmern körperliche Reaktionen wie Übelkeit und Erbrechen hervorgerufen hatten. Erst die Polizei konnte jedoch bei den zunächst widerstrebenen Patienten durchsetzen, dass alle Teilnehmer der Sitzung sich an Ort und Stelle notärztlich untersuchen ließen. Der Arzt wurde als Tatverdächtiger festgenommen; die Mordkommission ermittelt gegen ihn, er wurde am Sonntag einem Haftrichter vorgeführt.

Amphetamine, Ecstasy, Heroin

Begonnen hatte die Sitzung, an der nach Angaben der Polizei zwölf Patienten, der Arzt und seine 41 Jahre alte Ehefrau teilnahmen, um zehn Uhr morgens. Der Notruf eines Patienten kam um 15.30 Uhr am Nachmittag. Garri R. bietet auf seinem Praxisschild „Suchttherapie, Spirituelle Krisen-, Gestalt- und Körpertherapie“ an. Der Mediziner annonciert seine Tätigkeit als „psycholytische Therapie“, bei der offenbar psychoaktive Rauschgifte wie LSD oder Pilze eingesetzt werden. Welche Substanzen die Samstags-Patienten des Arztes jeweils eingenommen hatten, ob sie sie in Tablettenform genommen hatten oder injiziert bekamen, stand am Sonntag noch nicht fest.

In der Berliner Presse war von Amphetaminen, Ecstasy und Heroin die Rede. Auf die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchungen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, werde man möglicherweise etliche Tage warten müssen. Die Hintergründe und die Einzelheiten der fatalen Therapie, teilten die Ermittler am Sonntag mit, seien noch nicht klar. Aus der Nachbarschaft des Arztes und seiner Lebensgefährtin in Hermsdorf war seit dem Todesfall und dem spektakulären Rettungseinsatz am Samstagnachmittag nichts Aufschlussreiches über seine Behandlungsmethoden und seine Patienten zu erfahren.

Der Mann praktiziert wohl erst seit etlichen Wochen in dem Haus, in dem die Gruppensitzung stattfand, während der es zu den Vergiftungen kam. Therapien mit solchen Methoden, sagte der Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen, Laszlo Pota, am Sonntag, bewegten sich in der Illegalität. Garri R. müsse damit rechnen, seine Zulassung als Arzt zu verlieren.

Die sogenannte psycholytische Therapie bedient sich unter anderem verschiedener Drogen, um Hilfesuchende - etwa Depressive - zu behandeln. Zahlreiche der künstlichen und natürlichen Substanzen beeinflussen Nerven-, Muskel- und Gehirnzellen. Dabei greifen sie in deren Reizleitung und Kommunikation ein - mit zahlreichen Folgen: Dazu gehört vor allem ein übersteigertes Farbsehen, das von den Konsumenten als „Kick“ wahrgenommen wird, wie Andreas Schaper von der Giftnotrufzentrale Nord in Göttingen am Sonntag mitteilte. Weitere Effekte sind traumähnliche Empfindungen, gehobene Stimmung oder Synästhesie (Farbsehen beim Hören von Tönen). „Einige dieser Substanzen sind prinzipiell gefährlich“, sagte Schaper. Sie können Hirnschäden, Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen und Herzrasen hervorrufen. Werden solche Substanzen miteinander kombiniert, können sich ihre Wirkungen addieren.

Natürliche Halluzinogene werden seit Jahrtausenden benutzt. Sie verändern Sinneswahrnehmungen. Fürsprecher billigen den Substanzen zu, die Wahrnehmung zu intensivieren, die Wirklichkeit zu überhöhen, das persönliche Bewusstsein zu steigern sowie spirituelle und übernatürliche Erfahrungen entstehen zu lassen. Das zu den Amphetaminen zählende künstliche Ecstasy wurde von einigen Therapeuten bei depressiven Erkrankungen und depressiven Nachschwankungen von Psychosen eingesetzt. Die Drogen werden in entspannter Umgebung verabreicht, mitunter laufen Musik- und Trommelklänge im Hintergrund.

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung warnte am Sonntag vor nicht zugelassenen Verfahren. Eine Psycholyse, wie sie der Hermsdorfer Arzt in seiner Praxis angeboten hatte, sei „explizit nicht zugelassen“, sagte der stellvertretende Verbandsvorsitzende Hans-Jochen Weidhaas. Drogen seien ohnehin verboten. Bei einer kassenärztlichen Zulassung sei der Therapeut an die offiziellen Richtlinien gebunden, sagte Weidhaas. „Und hier ist klar festgelegt, mit welchen Methoden beziehungsweise mit welchen Verfahren jemand Patienten behandeln darf.“ In Deutschland gebe es rund 250 Psychotherapieverfahren. „Aber in der vertragsärztlichen Versorgung zugelassen sind davon nur drei: nämlich die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Psychoanalyse.“ Vor diesem Hintergrund solle der Patient sicherstellen, dass der jeweilige Therapeut eine Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung hat, riet Weidhaas.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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