05.01.2009 · Seit dem Unfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus kaufen sich immer mehr Skifahrer einen Helm. Doch wenn der nicht richtig sitzt, erhöht sich das Verletzungsrisiko sogar.
Die Helme werden knapp. Sogar Bundespräsident Horst Köhler mag laut „Bild“ nicht mehr auf den Kopfschutz verzichten. Seit dem Unfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus - bei dem ihn wohl der Helm vor Schlimmeren bewahrte - wollen viele Winterurlauber es dem Bundespräsidenten gleich tun und nur noch mit Helm auf die Piste. „In den Fachgeschäften gibt es einen Ansturm auf die Skihelme“, sagt der Vorsitzende des Verbands Deutscher Sportfachhandel, Werner Haizmann. „Wir verzeichnen in den ersten Tagen des Jahres einen Umsatzanstieg von bis zu 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ Dabei fängt die Ski-Saison erst richtig an. Bis März werden noch Tausende dem Tal entgegengleiten oder stürzen. Haizmann sagt, bei der Nachlieferung kämen einige Hersteller schon nicht mehr hinterher. Uvex, nach eigenen Angaben europäischer Marktführer im Helmgeschäft, bestätigt, dass die Nachfrage in den ersten Tagen des Jahres um das Fünffache gestiegen sei. 20.000 Helme hätten Fachhändler allein seit Freitag - dem ersten Verkaufstag nach dem Althaus-Unfall - bei Uvex und der Tochterfirma Alpina nachbestellt.
Die Neigung zum Ski-Helm wächst freilich schon seit einiger Zeit. „Bei uns hat sich seit zwei Jahren der Umsatz an Ski-Sicherheitsausstattung um ein Vielfaches gesteigert“, sagt Helmut Buchheimer, Zentraleinkäufer beim Münchner Sportfachhändler Sport-Scheck. Das betrifft vor allem Ski-Helme, aber auch Rückenprotektoren. Das Bedürfnis nach Sicherheit sei gewachsen, da der Wintersport schneller geworden sei. Die Pisten würden härter präpariert, die Mischung aus Neu- und Kunstschnee gleiche auf einigen Strecken Beton, und Verbesserungen an Skiern und Snowboards ermöglichten auch Anfängern hohe Geschwindigkeiten. Nun werde das Helmangebot in den Regalen dünner. „Einige Modelle sind ausverkauft“, sagt Buchheimer, „bei anderen gibt es Engpässe.“ Nach Schätzungen des Ski-Sicherheitsexperten Norbert Höflacher tragen bereits mehr als drei Viertel aller Kinder und jeder zweite Erwachsene auf der Piste einen Helm. „Die ersten Geschäfte melden, dass ihnen die Helme ausgehen.“
Nur selten der Kopf betroffen
Dabei ist der Kopf nur selten von den Unfällen auf der Piste betroffen. Von den gut 4,2 Millionen Deutschen, die regelmäßig auf den Brettern stehen, haben sich laut einer aktuellen Statistik der Stiftung Sicherheit im Skisport in der Wintersaison 2006/2007 45.000 verletzt, 6500 von ihnen so schwer, dass sie stationär im Krankenhaus behandelt werden mussten. Am häufigsten litten jedoch Knie und Arme unter den Unfällen, sie brachen oder wurden geprellt. Kopfverletzungen machten hingegen nur gut zehn Prozent der Verletzungen aus. Jedoch gehören gerade diese Verletzungen laut Höflacher zu den gefährlichsten - und zu denen, die man leicht verhindern könnte. „Mit dem richtigen Helm lassen sich 85 Prozent der Schädel-Hirn-Traumata ganz verhindern oder abmildern.“ Es gebe keinen Grund, keinen Helm zu tragen - nur passen muss er. Denn ein schlecht sitzender Helm, sagt Höflacher, erhöhe die Gefahr von Wirbelverletzungen bei Stürzen.
In Österreich hat der Unfall von Althaus, nicht nur den Helmverkauf angekurbelt, sondern auch zu einer Diskussion über die Sicherheit auf der Piste geführt. Das Land Kärnten kündigte am Montag im Alleingang eine Helmpflicht für Kinder und Jugendliche an. Bundespolitiker der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP sprechen sich für eine landesweite Regelung aus. Das Land Vorarlberg prüft, ob eine Helmpflicht für Skifahrer per Landesgesetz möglich ist. Skeptisch äußerte sich hingegen das Gesundheitsministerium. Ein Gesetz sei nicht vorrangiges Ziel, da Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten unklar seien, sagte eine Sprecherin.
Rund drei Viertel seien durch einen Helm vermeidbar
Ebenso kritisch steht das Kuratorium für Verkehrssicherheit in Wien einem Gesetz gegenüber, „weil es nicht mit dem Grundsatz der Konsumentensouveränität vereinbar ist“, wie Bereichsleiter Rupert Kisser erklärte. Auch Karl Gabl, Präsident des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit, tritt gegen eine Helmpflicht ein. Reinhold Dörflinger, Präsident der Österreichischen Bergrettung, verweist auf die Schwierigkeit, die Einhaltung eines solchen Gesetzes zu kontrollieren. Hingegen spricht sich der Wiener Unfallchirurg Christian Gäbler für ein Gesetz aus. Rund drei Viertel aller tödlichen Skiverletzungen seien durch einen Helm vermeidbar. Die Schädeldecke sei wie eine dünne Eierschale, die den empfindlichsten Körperteil umhüllt.
Aber Helme schützen nicht nur, sie sind auch cool. Das sagt zumindest Höflacher. 70 bis 100 Euro muss der Wintersportler für einen normalen Helm schon einplanen. Bei den Luxusmodellen um die 200 Euro kann er dann aber auch seinen I-Pod anschließen - oder über die integrierte Freisprechanlage telefonieren, während er, ganz cool, die Berge hinabbraust.