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Todesursache Neue Theorie: Ötzi erschlagen

31.08.2007 ·  Die Suche nach der Todesursache des mumifizierten Steinzeitjägers Ötzi ist um eine Theorie reicher. Demnach war ein Schlag auf den Kopf entscheidend. Ötzi soll, anders als bisher angenommen, danach nicht sofort tot gewesen sein.

Von Reinhard Olt, Wien
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Aus Bozen dringen Neuigkeiten über die mutmaßliche Todesursache des mumifizierten Steinzeitjägers Ötzi vor mehr als 5300 Jahren über den Alpenhauptkamm. Demnach ist die Forschung um einen Befund sowie eine Theorie reicher. Der Wiener Archäologe Andreas Lippert, die Radiologen Paul Gostner und Patrizia Pernter sowie der Gerichtsmediziner und „Konservierungsbeauftragte“ Eduard Egarter-Vigl (alle Bozen) haben die im Bozner Archäologiemuseum ausgestellte Leiche des auf wundersame Weise erhalten gebliebenen Mannes vom Similaun-Gletscher abermals einer Untersuchung unterzogen.

Ihrer Ansicht nach erlitt Ötzi infolge eines frontalen Angriffs seines Gegners durch einen Schlag auf den Kopf (oder weil er mit dem Gesicht auf Fels aufschlug) ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, und das sei höchstwahrscheinlich die Todesursache gewesen. Er sei jedenfalls nicht rasch gestorben, was bisher als sicher galt, sondern vorher eine Weile bewusstlos dagelegen.

Woher stammt Ötzis unnatürliche Haltung?

Egarter-Vigl schließt das daraus, dass Blut in die Pfeilwunde schoss, nachdem der Pfeil entfernt war, und etwas hinterließ, was auch Pathologen „Blutwurst“ nennen. Die unnatürliche Haltung seines über die Brust gedrehten Armes könnte daher stammen, dass ein Angreifer Ötzi noch vor der Leichenstarre auf den Bauch gedreht und jenen Pfeil aus der Schulter gezogen habe, der bisher als ursächlich für den Tod erachtet worden war - auch von Egarter-Vigl, der überhaupt erst die Pfeilspitze in dessen Schulter entdeckt hatte.

In dieser Position, quer über seinem linken Arm auf dem Bauch liegend, war Ötzi etwa 5300 Jahre nach seinem Ableben, nämlich 1991, von zwei Wanderern, dem Nürnberger Ehepaar Simon, gefunden worden. Auf die Drehung der Leiche deute auch die Bärenfellmütze hin, die seinerzeit etwas abseits des Kopfes lag. Die neuen Erkenntnisse, die noch in diesem Jahr in der Zeitschrift „Germania“ veröffentlicht werden sollen, widerlegten „auch bisher geäußerte Theorien“, wie es heißt, wonach Ötzi die unnatürliche Haltung im Schlaf eingenommen oder sein Leichnam „durch Gletscherbewegung gedreht worden“ sein könnte. Die Bozner Untersuchungen zeigten, dass die Leiche nicht bewegt worden sei.

Vernetzte Arbeit mit anderen Mumien-Forschern

Ötzi hat mittlerweile ein eigenes Forschungsinstitut erhalten. Es wurde in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Archäologiemuseum an der Europäischen Akademie Bozen (Eurac) eingerichtet und unlängst der Öffentlichkeit präsentiert. Zentrales Forschungsobjekt des „Instituts für Mumien und den Iceman“ ist naturgemäß er selbst, doch längst hat man sich vernetzt und arbeitet mit anderen Mumien-Forschern zusammen. Mumien aus Südamerika waren schon als Leihgaben im Bozner Ötzi-Museum zu sehen.

Die Institutsmitarbeiter beschäftigen sich auch mit der Entwicklung neuer Konservierungstechniken. „Wir haben darauf hingearbeitet, die Ötzi-Forschung nach Südtirol zu holen und Bozen zum Anlaufpunkt aller interessierten Wissenschaftler zu machen“, sagte Landeshauptmann Durnwalder bei der Eröffnung der Einrichtung, die der Deutsche Albert Zink leitet und die vom Land sowie von der Südtiroler Sparkassenstiftung finanziert wird.

Ötzis Todesursache nun „wohl definitiv geklärt“

Wissenschaftler der Universität Zürich ließen im Juni verlauten, sie hätten Ötzis Todesursache „wohl definitiv geklärt“. Anatomen konnten die Verletzung einer großen schulternahen Arterie nachweisen. Ihr Befund war sowohl im Online-“Journal of Archaeological Science“ als auch in der Juli-Ausgabe des Magazins „National Geographic“ erschienen. Vor zwei Jahren war Ötzi in Südtirol von dem Zürcher Anatomen Frank Rühli gemeinsam mit Egarter-Vigl sowie zwei Radiologen des Krankenhauses Bozen mit einem Multislice-Computertomographen untersucht worden.

Die Analyse der CT-Bildbefunde ergab eine Verletzung der rückseitigen Wand der linken Schlüsselbeinarterie durch die von Egarter-Vigl entdeckte Pfeilspitze, die im Brustraum stecken geblieben war. Außerdem zeigten sie einen großen Bluterguss im umgebenden Gewebe. Der Einbezug historischer und moderner Daten zur Überlebenswahrscheinlichkeit nach einer so schwerwiegenden Verletzung ließ damals „den eindeutigen Schluss“ zu, dass Ötzi daran „binnen kurzer Zeit gestorben“ sei. Das gilt nun offenkundig nicht mehr.

Quelle: F.A.Z., 01.09.2007, Nr. 203 / Seite 7
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

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