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Todesanzeigen Im Angesicht des Todes

19.11.2005 ·  Rund um Kassel werden mittlerweile bis zu 80 Prozent der Todesanzeigen mit Fotos veröffentlicht, kritische Worte von Lesern gibt es dazu nicht. Die Angehörigen zeigen den Toten so, wie er in Erinnerung bleiben soll.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Der Kater Mikesch wurde von einem Auto überfahren. Seine Besitzerin trauert - in aller Öffentlichkeit.

Auch der Hund Hasso soll unvergessen bleiben. Treu blickte er einst in die Kamera seines Besitzers, das damals entstandene Foto schmückt nun die kleine Todesanzeige in der Rubrik Familienanzeigen der „Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen“. Die Bilder von Mikesch und Hasso zählen im Archiv des Museums für Sepulkralkultur in Kassel zu den Ausnahmen.

Todesanzeigen für Tiere sind ohnehin eine Seltenheit und werden von der Bibliothekarin des Museums nur als Raritäten gesammelt. Genauso hielt es Isabel von Papen lange mit Todesanzeigen, in denen Erinnerungsfotos von Menschen zu sehen waren. Anfangs schnitt sie jede einzelne aus den Zeitungen aus, die sie täglich durchblätterte. „Irgendwann aber waren es zu viele.“ Seither archiviert sie nur noch einige der ungewöhnlichsten Anzeigen.

„Wir waren im ersten Moment irritiert“

Vor allem in der Kasseler Gegend, aber auch in Osthessen rund um Fulda werden mittlerweile bis zu 80 Prozent der Todesanzeigen in den Samstagsausgaben der Zeitungen mit Fotos veröffentlicht: Fast immer sind es Paßbilder von lächelnden Menschen, doch es gibt auch einen Gastwirt, der hinter seiner Theke am Zapfhahn steht, einen Geschäftsmann, der steif und in Denkerpose an seinem Schreibtisch sitzt, und eine junge Frau, die, wie man sieht, vor nicht allzu langer Zeit noch einen glücklichen Strandurlaub erlebte. „Die Angehörigen wollen den Toten so zeigen, wie man ihn in Erinnerung behalten soll.“

Sandra Trausch, Geschäftsstellenleiterin der telefonischen Anzeigenannahmen der „Fuldaer Zeitung“, kann sich zwar nicht mehr genau an die erste Todesanzeige mit Foto erinnern, die vor etwa drei Jahren erschien. Es sei aber der Wunsch eines Kunden gewesen. „Wir waren im ersten Moment irritiert. Aber es fiel uns kein Grund ein, der gegen eine Veröffentlichung gesprochen hätte.“ Der Erfolg sei unglaublich gewesen. Mindestens jede zweite Anzeige erscheine mittlerweile mit einem Foto. Bis heute habe es kein kritisches Wort von einem Leser gegeben.

Ähnliche Erfahrungen hat die Leiterin des Kundenservice der in Nordhessen und Südniedersachsen erscheinenden „HNA“ gemacht. In Kassel aber ging die Initiative von der Zeitung aus, wie Marion Engler berichtet. „Wir entwarfen eine Mustermappe, auf die seither die Bestattungsunternehmen in der Region zurückgreifen.“ Die Bestatter werben offenbar geradezu für die Todesanzeige mit Foto. Dabei wird das Bild wie ein graphisches Element behandelt. Die Veröffentlichung kostet genausoviel wie eine Anzeige mit einer geknickten Rose oder den betenden Händen von Albrecht Dürer: Für eine zweispaltige 160-Millimeter-Anzeige mit Bild zahlen die Hinterbliebenen bei der „HNA“ 153,60 Euro. Ein Farbbild schlägt mit 35 Euro extra zu Buche.

Zur Schau getragene Trauer

Die Kosten spielen offenbar noch immer eine große Rolle, wenn es um die Bestattung eines toten Angehörigen geht. Allerdings scheint es wieder eine Tendenz zu mehr Individualität zu geben, obwohl es zugleich eine Zunahme anonymer Bestattungen gibt. Auch die Traueranzeigen wurden in den vergangenen Jahren anonymer, ihr Informationswert sank. „Beerdigungen finden meist im engsten Familienkreis statt“, sagt Gerold Eppler vom Museum für Sepulkralkultur. „Die Todesanzeige erscheint erst, nachdem der Tote schon unter der Erde ist.“ Diesem Rückzug in die Privatsphäre widerspricht seiner Meinung nach das Porträt in einer Todesanzeige.

Der Prozeß, die Trauer zu privatisieren, setzte schon vor 200 Jahren ein. Er vollzog sich mit dem Strukturwandel während der industriellen Revolution: Die agrarische Gesellschaft mit ihren Großfamilien verschwand. „Die städtische Bevölkerung reagierte skeptisch auf öffentlich zur Schau getragene Trauer“, sagt Eppler. „Man unterstellte den Beteiligten, daß ihre Emotionen nicht echt seien.“ Zur gleichen Zeit kam die Fotografie auf. Sie ermöglichte es den Angehörigen, der Toten im Privaten zu gedenken. Ein aufwendiges Grabmal - es war damals durchaus üblich, die Gesichtszüge des Toten in Stein hauen zu lassen - war nicht mehr gewünscht.

Es fehlte auch der Platz auf den Friedhöfen, die - aus hygienischen Gründen - vor die Stadttore verlegt wurden, was zu einer auch räumlichen Entfernung von den Angehörigen führte. Überhaupt verloren die Menschen den Bezug zum Tod, er wurde ihnen nach und nach aus der Hand genommen. Der Tod kommt heutzutage nur noch selten plötzlich, auch die Deutschen leben immer länger. Das Sterben zieht sich oft über Jahre hin, die Trauer über den Verlust eines gebrechlichen Menschen hält sich in Grenzen. Der Leichnam wird dann einem „Techniker“ zur Bestattung überlassen. Die Gräber werden genauso wie die Grabsteine maschinell hergestellt und haben standardisierte Größen.

Grazile Badenixen

Ähnlich verhielt es sich mit Todesanzeigen: Die ersten stammen aus dem 18. Jahrhundert. Zuvor waren Leichenfrauen, Leichenbitter und Küster für die Bekanntmachung des Todes zuständig. Nun erschienen Todesnachrichten in den ersten Zeitungen - meist im Wirtschaftsteil, um Geschäftspartnern, Kunden oder Gläubigern anzuzeigen, an wen sie sich fortan wenden mußten. Heutzutage wird meist nicht nur der Tod und dessen Ursache (“plötzlich und unerwartet“, „nach langer schwerer Krankheit“) vermeldet. Man versucht auch, in wenigen Zeilen die Persönlichkeit des Toten zu würdigen (“unsere leidenschaftliche Oma“, „ein großzügiger und fürsorglicher Mensch“). Trauer soll zum Ausdruck gebracht werden (“mein geliebter Sohn“, „der Mittelpunkt unserer Familie“), und es wird formuliert, wie die Angehörigen mit dem Verlust umgehen wollen (“von Beleidsbekundungen bitten wir abzusehen“).

Die meisten Zeitungen haben genaue Gestaltungsrichtlinien. Darin ist festgelegt, wie eine Todesanzeige aussehen darf: Sie „muß dem Anlaß, den guten Sitten und dem üblichen Traueranzeigenumfeld entsprechen“, heißt es zum Beispiel im sogenannten Leitsatz. „Schmuckfarben, Hintergrundrasterungen oder Negativdruck sind nicht zulässig.“ Der Abdruck von Symbolen ist dann zulässig, „wenn das Symbol Trauer, Frieden, Ruhe, Liebe oder Auferstehung darstellt. Glaubenssymbole werden nur von den bekannten Weltreligionen angenommen.“ Oft stehen nur wenige Symbole zur Verfügung, aus denen die Hinterbliebenen auswählen müssen.

Die überregionalen Tageszeitungen halten weitgehend an diesen Grundsätzen fest. Regionale Blätter dagegen haben ihre Richtlinien schon länger ergänzt und erweitert. So findet sich in einer Todesanzeige eine zerbrochene Klarinette - der Tote war Musiker. Vereine schmücken ihren Abschiedsgruß mit ihrem Wappen. Die Unterschrift des Toten wird abgedruckt. Einmal fand sich sogar eine Zeichnung von drei grazilen Badenixen, die über Wellen tanzen: In diesem Fall gedachte man „einer Lobbyistin der Badekultur“.

Die Idee dürfte aus Italien stammen

Die ersten Fotos in Traueranzeigen erschienen Ende der neunziger Jahre in deutschen Zeitungen. Zunächst waren es Anzeigen zu Jahrestagen eines Todes, oder auch Erinnerungen an besonders bekannte Persönlichkeiten. Die Idee dazu dürfte aus Italien stammen. Gerold Eppler verweist auf das stark katholisch geprägte Alpenland. Er vermutet, daß italienische Gastarbeiter die Tradition mit nach Deutschland gebracht haben könnten. In Italien finden sich nicht nur Fotografien auf fast allen Grabmälern, die schon vor langer Zeit die kleinen Medaillons aus Emaille ersetzt haben. Auch in Zeitungen wie den „Dolomiten“ werden schon seit vielen Jahren Bilder der Verstorbenen in Todesanzeigen veröffentlicht.

Insgesamt gibt es einen Trend, wieder selbstbestimmter zu trauern. So ermöglichen Bestatter den Hinterbliebenen, Zeit mit den Toten zu verbringen. Sie dürfen dabei Musik spielen und sich sogar Dias und Filme, die an den Verstorbenen erinnern, gemeinsam ansehen. Auch in Krankenhäusern finden sich mittlerweile sogenannte Abschiedsräume. Die Angehörigen werden aufgefordert, ihren Toten das Sterbekleid anzulegen. Sie dürfen sogar den Sarg selbst ausmalen. Auffallend ist, daß für viele der Friedhof wieder zum Hauptort der Erinnerung geworden ist. Noch vor fünf Jahren befürchteten Bestatter, das Internet könnte den Gräberfeldern den Rang ablaufen.

Doch die Erinnerungsstätten im Internet (zum Beispiel www.hall-of-memory.com oder www.last-home.de) sind längst wieder aus dem Netz verschwunden. Dafür sind kostspielige Grabsteine, die von Steinmetzen individuell gearbeitet werden, wieder gefragt. Das „Multimedia-Grab“ Viewology der Firma Leif indes, in das ein Computer eingebaut ist, der auf Knopfdruck die Lebensgeschichte des Toten abspielt, ist denn doch offenbar zu pietätlos. Oder einfach nur zu teuer. Gerold Eppler vom Museum für Sepulkralkultur nimmt allerdings an, daß es bald auch in Deutschland Grabsteine mit einem Foto des Toten geben wird. „Die Friedhofsordnung erlaubt schon heute sehr viel mehr, als ein Laie vermuten würde.“

Quelle: F.A.Z., 19.11.2005, Nr. 270 / Seite 9
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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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