Als Robert Ballard überall am Meeresboden Schuhe sah, war es mit der Partystimmung vorbei. Mit seinem Team hatte er in der Nacht zum 1.September 1985 die Entdeckung seines Lebens gemacht - er war auf das verschollene Wrack der Titanic gestoßen. Die unmittelbare Reaktion der Entdecker: „Jubel, Freudensprünge, eben total unprofessionell.“ Der Überschwang bekam einen ersten Dämpfer, als einer aus der Truppe bemerkte, dass es fast genau die gleiche Uhrzeit war wie an jenem Tag im April des Jahres 1912, als das Unglück passierte: „Es ist zwei Uhr morgens. In 20 Minuten geht die Titanic unter!“
Und dann fielen dem Unterwasserarchäologen die ganzen Schuhe auf. Plötzlich liefen die damaligen Ereignisse wie ein schrecklicher Film in seinem Kopf ab. Ballard erzählt das heute bereitwillig in aller Schaurigkeit, nur für den Fall, dass jemand vor lauter Titanic-Romantik das Ausmaß der Tragödie mit mehr als 1500 Toten vergisst: „Stellen Sie sich einen Regen von Menschenkörpern vor, die auf den Meeresboden herunterfallen. Diese Körper werden bald von Tieren gefressen, bis nur noch Knochen da sind, die sich irgendwann im Meer auflösen. Was dann noch übrig bleibt, sind die Schuhe.“
Ballard hat nach der Titanic noch einige Wracks aufgespürt, und jedes Mal sah er die auf dem Meeresgrund verstreuten Schuhe, die Stiefel etwa, die um das versenkte deutsche Schlachtschiff Bismarck lagen, oder das Paar Kinderschuhe neben den womöglich zur Mutter gehörenden Frauenschuhen am torpedierten Luxusdampfer Lusitania.
Ein Friedhof am Meeresgrund
Solche Geschichten sollen die Menschen aufrütteln. Robert Ballard will die Botschaft übermitteln, dass die Titanic ein Friedhof am Meeresgrund ist, den man nicht entweihen darf. Der Ort sei kein Vergnügungspark und auch kein Selbstbedienungsladen für Souvenirjäger. Er sieht es nicht gern, wenn Touristen sich in Tauchbooten zur Titanic hinabfahren lassen, und er hält es für Leichenfledderei, wenn Gegenstände aus dem Wrack entfernt werden. Die jüngste Versteigerung von 5500 Gegenständen aus der Titanic in einem New Yorker Auktionshaus ist ihm ein Greuel. Auch die Ausstellungen mit Fundstücken aus dem Wrack - von Koffern über Schmuck bis zu Rasierpinseln und Geschirr - verabscheut er. Ballard hält das für pietätlos und verweist auf seine Gespräche mit Überlebenden der Katastrophe und Angehörigen von Opfern - die letzte Überlebende starb 2009. Sie hätten ihm gesagt, sie seien gegen das Ausstellen von Fundstücken.
Wie oft die Titanic auf dem Meeresgrund Besuch bekommt, sei es von abenteuerlustigen Touristen oder von Fund-Jägern, weiß Ballard nicht so genau. Das Unternehmen Deep Ocean Expeditions bietet zum Beispiel in diesem Sommer Trips von Neufundland aus zur Titanic an, die fast 60000 Dollar kosten. Auf der Internetseite beteuert der Veranstalter, es werde nichts berührt oder gar mitgenommen, sondern nur beobachtet. Eine offizielle richterliche Erlaubnis zum Bergen von Gegenständen hat seit 1994 das Unternehmen RMS Titanic Inc., das nach eigener Aussage acht Expeditionen zum Wrack absolviert hat. Dabei wurden Tausende Gegenstände gehoben, die in den Titanic-Ausstellungen gezeigt werden oder wie jetzt in New York zur Auktion stehen.
Noch immer gibt es viel zu holen
Es gibt noch immer viel zu holen auf der Titanic: Ballard schätzt, dass 90 Prozent aller Gegenstände bis heute im Wrack sind. Geborgen worden seien vor allem leicht zugängliche Stücke nahe den Stellen, an denen das Schiff auseinandergebrochen ist. Er will Besucher nicht grundsätzlich von der Titanic fernhalten, aber sie sollen sich benehmen und das Wrack unberührt lassen. „Man betatscht ja auch nicht die Mona Lisa, wenn man in den Louvre geht.“ Ballard berichtet, bei seiner letzten Expedition zur Titanic im Jahr 2004 sei das Wrack in viel schlechterem Zustand gewesen als bei der Entdeckung knapp 20Jahre zuvor. Nicht nur habe er überall Müll gefunden. Die Titanic sei auch von „ungeschickten Booten“ gerammt und beschädigt worden. Solche achtlosen Expeditionen macht er zum Beispiel dafür verantwortlich, dass das Krähennest am vorderen Mast heute im Gegensatz zu 1985 nicht mehr von außen zu sehen ist. Von dem Ausguck aus hatte der zu trauriger Berühmtheit gelangte Matrose Frederick Fleet den verhängnisvollen Eisberg erspäht.
Zum 100. Jahrestag des Untergangs der Titanic am Sonntag hat Ballard eine Ausstellung entworfen, die frei von jeglichen Original-Fundstücken aus dem Wrack ist. Die in dieser Woche eröffnete Schau ist im Aquarium der Kleinstadt Mystic in Connecticut zu sehen, das für seine Belugawale, Seelöwen und Pinguine bekannt ist und außerdem ein von Ballard geführtes Institut für Meeresforschung beherbergt. Die Ausstellung soll den Besucher in Ballards Entdecker-Rolle versetzen. Es gibt Repliken der Dinge, die er am Meeresboden gesehen hat, zum Beispiel Heizkessel oder eben auch im Sand liegende Schuhe. Gimmick der Schau ist die Nachbildung eines Eisbergs, der tatsächlich kalt ist, wenn man ihn anfasst.
Drei versunkene Schiffe aufgespürt
Den Traum, einmal die Titanic zu entdecken, trug Ballard viele Jahre mit sich herum. Ernsthaft dachte er darüber nach in den frühen siebziger Jahren, nach seiner aktiven Zeit als Marineoffizier, als er im ozeanographischen Forschungsinstitut Woods Hole am Bau eines Tiefsee-U-Bootes beteiligt war. Seine Chance kam 1985. Die amerikanische Marine finanzierte Ballards Expedition zur Titanic, weil sie ihn auf eine geheime Mission zu zwei gesunkenen Atom-U-Booten schicken wollte. Nachdem er die beiden Stationen absolviert hatte, durfte er auf die Suche nach der Titanic gehen. Der Fund des legendären Luxusdampfers mit seinem amerikanisch-französischen Team machte Ballard auf einen Schlag berühmt - und war Ansporn für ihn, andere versunkene Schiffe aufzuspüren: 1989 die Bismarck, 1993 die Lusitania.
Robert Ballard wird in wenigen Monaten 70Jahre alt, aber er fühlt sich fit für weitere Tiefsee-Abenteuer: „Natürlich will ich wieder runter zur Titanic, das nächste Mal vielleicht in fünf Jahren.“ Einstweilen denkt er darüber nach, wie seine Entdeckung am besten vor schädlichen Einflüssen geschützt werden kann, ob sie nun aus der Natur oder vom Menschen kommen. Eine Bedrohung sind zum Beispiel Bakterien, die das Wrack angreifen; eine Art konnte erst im Jahr 2009 erstmals überhaupt auf der Titanic nachgewiesen werden und erhielt daher den Namen „Halomonas titanicae“. Ballard überlegt, ob man den Rumpf der Titanic von Unterwasserrobotern mit einer Schutzschicht anstreichen lassen könnte, um diesen Prozess zu bremsen. Noch mehr aber treiben ihn die unerwünschten Besucher des Schiffs um. Er setzt große Hoffnung auf eine gerade von Senator John Kerry vorgelegte Gesetzesinitiative, die das Wrack besser schützen könnte. „Im Moment ist die Titanic wie ein Museum, das keine Wächter hat.“