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„Titanic“-Untergang vor 100 Jahren Arbeit am Mythos

Als die „Titanic“ vor 100 Jahren versank, ging auch das Zeitalter der Industriellen Revolution unter. Das Schicksal des Passagierschiffs ließ erahnen, dass menschlicher Machbarkeitswahn und schiere Größensucht an ihre Grenzen gekommen waren.

© dapd Vergrößern Die „Titanic“ am 10. April 1912 beim Aufbruch zur Jungfernfahrt in Southampton

Die „Titanic“, heute vor hundert Jahren gesunken, schwimmt immer weiter. Sie kreuzt durch das Unbewusste, nimmt alle mit auf ewige Fahrt und reißt unsere Ängste noch immer in die Tiefe. Noch nach vier und mehr Generationen wirkt das Trauma des Unglücks fort. Der Untergang des Passagierdampfers, der rund 1500 Personen mit in die Tiefe riss, ist eine Katastrophe, die nicht vergehen will.

Alfons  Kaiser Folgen:    

Der Titanic-Rummel anlässlich des Jahrestags entzieht sich jeder historischen oder arithmetischen Logik. Seit 1912 gab es zwei Weltkriege. Schlimme Katastrophen suchten die Seefahrt heim. Bei der Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ durch ein sowjetisches U-Boot Anfang 1945 starben etwa 9000 Flüchtlinge. Wer erinnert sich noch an die „General Slocum“, die 1904 vor Manhattan mehr als tausend Passagiere, vor allem Frauen und Kinder, in den Tod riss? Wird in diesem Jahr an die philippinische Fähre „Doña Paz“ erinnert werden, bei deren Untergang vor 25 Jahren weit mehr als 3000 Menschen starben?

Eine wuchernde Erinnerungsindustrie

Die Titanic hat nicht nur einen Eisberg gerammt, sondern auch unserem Selbstverständnis einen Stoß versetzt. Man muss es angesichts der wuchernden Erinnerungsindustrie zynisch-pathetisch sagen: Zumindest in der Welt beiderseits des Nordatlantiks überstrahlt der Untergang alle anderen Katastrophen. Jenseits der großen Kriege und des Holocaust gibt es wohl nur zwei Ereignisse, die eine vergleichbare öffentliche Wirkung hatten: Das Erdbeben von Lissabon 1755 und die Anschläge auf Amerika 2001. Aber während die Zerstörung Lissabons den Fortschrittsglauben der Aufklärung erschütterte und der Zusammenbruch der Zwillingstürme des World Trade Centers weltpolitische Verwerfungen hervorbrachte, scheint die Titanic auch ohne ideengeschichtlichen oder ideologischen Treibstoff weiter unter Volldampf zu fahren.

Mythen der Titanic Interaktiv: Mythen der Titanic © F.A.Z. Interaktiv 

Die Ursachen dieses Phänomens kommen nach und nach an die Oberfläche. Natürlich hat vor allem die spektakuläre Dramaturgie die Phantasie der Zeitgenossen befeuert: die Jungfernfahrt des größten Schiffs der Welt; Industrielle, Bankiers und Prominente unter den annähernd 2200 Passagieren; eine Zeitspanne von mehr als zweieinhalb Stunden zwischen Zusammenstoß und Untergang; Fehleinschätzungen, Sicherheitslücken, Überlebenskämpfe. Kein Wunder, dass das James-Cameron-Drama von 1997, das sich all dieser schicksalhaften Verwicklungen bediente, bis „Avatar“ (2009) zum erfolgreichsten Film der Geschichte wurde - und das Thema nun auch noch in 3D wach hält.

Die Stimmung eines Zeitalters

Die Nachgeschichte wurde zur Arbeit am Mythos. Die jahrzehntelange Suche nach dem Wrack, die Diskussionen über die Sicherheit auf Schiffen und die soziale Schichtung der Opfer, die Schicksalsgeschichten und die Memorabiliensammlerei reichen bis in unser Jahrhundert. Und dennoch: All die technischen und sozialen Fragen finden nur deshalb einen Resonanzraum in der Öffentlichkeit, weil in der Katastrophe die Stimmung eines Zeitalters zusammenschoss.

Die Industrielle Revolution war an ihrem Höhepunkt angekommen. Das Maschinenzeitalter hatte die Produktivität erhöht, Eisenbahn und Dampfschifffahrt verkürzten die Entfernungen auf globalisierungsfreundliche Art, die Menschheit wagte sich an immer neue Grenzen. Nur wenige Monate vor der Titanic-Katastrophe erreichte Roald Amundsen den Südpol, während der Brite Robert F. Scott scheiterte - ein weiteres Zeichen dafür, dass die Bedeutung des in Industrie, Seefahrt und Abenteurertum bis dahin dominierenden Vereinigten Königreichs zu schrumpfen begann.

Ein geradezu unsinkbares Symbol

Aber nicht nur vor dem Hintergrund der Insel, um die es einsamer wurde, ist das Schiff ein geradezu unsinkbares Symbol einer verflossenen Zeit. Denn der Abgesang auf die Industrielle Revolution - die noch in der Debatte über zu schwache Nieten im mittleren Schiffsrumpf aufscheint - war auch der Unkenruf eines Zeitalters, das weitaus zerstörerische „Stahlbäder“ und „Materialschlachten“ und dann auch noch einen anderen „Untergang“ mit sich brachte.

Es ist mehr als ein Zufall, dass Thomas Mann die Idee zum „Zauberberg“ ausgerechnet in jenem Jahr 1912 hatte. Zumindest in Deutschland erkannte sich das „Zeitalter der Nervosität“ (Joachim Radkau) als neurasthenisch, anfällig und schwach. Kunst und Literatur ergaben sich dem apokalyptischen Denken mit der Wende vom Naturalismus zum Expressionismus. Die Katastrophe der Titanic war eine Bestätigung der schon lange dämmernden Ahnung, dass in Europa bald die Nieten platzen würden, die „das lange 19. Jahrhundert“ zusammenhielten.

Das Schicksal der Titanic ließ erahnen, dass technische Rationalität, menschlicher Machbarkeitswahn und schiere Größensucht an ihre Grenzen gekommen waren. In unserer Epoche von Großraumflugzeugen, Gigaliner-Lastzügen, Riesen-Kreuzfahrtschiffen und Weltraum-Touristenausflügen sollte das als Fingerzeig der Geschichte gelten. Das große Publikum, wenn auch angestachelt durch fiktionale Überhöhung und merkantile Verwertung, scheint die Risiken sensibler wahrzunehmen als so mancher Unternehmer oder Ingenieur. Von der Titanic, das zeigt das übergroße Interesse an ihrem Scheitern, können wir auch heute noch lernen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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