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Tiger-Attacke auf Magier Roy „Es ist eine Tragödie, aber nicht das Ende“

09.10.2003 ·  Siegfried Fischbacher sprach erstmals im amerikanischen Fernsehen über den Angriff eines Tigers auf seinen Partner Roy Horn. Die Zukunft der gemeinsamen Show ist ungewiß, 260 Mitarbeiter wurden kurzfristig entlassen.

Von Katja Gelinsky
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Siegfried Fischbacher schweigt. Seine Lippen sind aufeinandergepreßt, und die Augen hat er niedergeschlagen. "Wird die Show ,Siegfried & Roy' jemals wieder zu sehen sein?", hat der amerikanische Interview-Meister Larry King den Partner des schwerverletzten Roy Horn so zart wie möglich gefragt. Fischbachers Schweigen dehnt sich und dehnt sich. Es ist ein beredtes Schweigen. Je länger es dauert, desto mächtiger wird der Schatten, den es auf die angestrengt-optimistischen Versicherungen und trotzig-tapferen Beteuerungen des 64 Jahre alten Magiers wirft, daß der Unfall mit dem weißen Tiger nicht das Ende der Zusammenarbeit von Siegfried und Roy bedeute.

Schließlich kommt der Manager Bernie Yuman dem schweigenden Fischbacher zu Hilfe und verweist auf ein für den Herbst kommenden Jahres geplantes Fernsehprojekt. Im Programm des Senders NBC soll dann - so war es zumindest bis zu dem Tigerangriff auf Roy Horn geplant - eine computeranimierte Komödie zum Leben einer weißen Löwenfamilie zu sehen sein, die in Siegfried und Roys Zauber-Tiershow auftritt. Das Projekt sei wegeweisend für die Fernsehunterhaltung, versichert Yuman.

Den Willen von tausend Männern

Ebenso wie Siegfried Fischbacher ist der Manager ganz in Schwarz gekleidet - ein seltsamer Kontrast zu der Zuversicht, die beide zu verbreiten versuchen, auch wenn Fischbachers Gesicht trotz der Bemühungen des Maskenbildners deutliche Spuren des Kummers und der Aufregung der vergangenen Tage zeigt. Die Ärzte seien "sehr optimistisch", sagt Fischbacher zwei Stunden nachdem er seinen Partner im Universitätskrankenhaus von Las Vegas besucht hat. Roy sei "unglaublich stark und habe "den Willen von tausend Männern". Dabei geht fast unter, daß Horns Zustand weiter als "kritisch" gilt.

Ja, sein Leben habe wegen des "enormen" Blutverlustes "auf Messers Schneide gestanden" - in den ersten Minuten. Auch habe er nach der ersten Operation einen Gehirnschlag erlitten - aber nur einen geringfügigen. Nun jedenfalls könne Roy "exzellent" durch Blicke und Gesten kommunizieren. "Er hat genau verstanden, was ich gesagt habe. Das habe ich in seinen Augen gesehen", schildert Fischbacher, der auch Jahrzehnte, nach dem er seine bayerische Heimat verlassen hat, noch deutsche Worte in sein Englisch mischt.

260 Mitarbeiter sind bereits entlassen

Bewegt erinnert sich der Künstler an die erste Begegnung mit Horn, damals auf dem Kreuzfahrtschiff "Bremen", vor 44 Jahren. "Er war der erste, der mir glaubte, als ich sagte: In der Magie ist alles möglich." Nach diesem Motto hätten sie gelebt, und damit hätten sie es in Las Vegas geschafft. "Es war eine wunderbare Beziehung", sagt Fischbacher und korrigiert sich schnell: "Es ist eine wunderbare, magische Beziehung." - "Dies ist eine Tragödie, aber sie wird nicht das Ende sein."

Die Zeichen für die brutale Schnellebigkeit des amerikanischen Showgeschäfts sind allerdings unübersehbar: Die mehr als 260 Mitarbeiter von "Siegfried & Roy" sind schon entlassen. In Las Vegas könnte mit der Tier- und Zauberdarbietung auch die Ära familienorientierter Vergnügungen zu Ende gehen, die die beiden Künstler Anfang der neunziger Jahre mit ihren weißen Tigern eingeleitet und entscheidend geprägt haben. So setzen schon jetzt mehr und mehr Veranstalter in der Spielerstadt wieder auf die ursprünglichen Attraktionen - Glücksspiel und Sex - anstatt auf kindliches Staunen über Zauberei und exotische Tiere. Das größte Hotel in Las Vegas hat sein Unterhaltungsprogramm für Kinder gestrichen und wirbt nun für eine neue Cocktailbar, in der Kellnerinnen Getränke zwischen ihren Brüsten balancieren. Auch der kanadische Zirkus "Cirque de Soleil" will in Las Vegas mit einem neuen Programm nur für Erwachsene seine Kassen füllen.

Raubkatze wollte Roy schützen

Das glitzernde Bild von "Siegfried & Roy" hat schon in den wenigen Tagen, die seit dem Unfall vergangen sind, erste Risse bekommen: Zuschauer berichteten, Horn habe den Tiger, der ihn gebissen hat, zuvor mit einem Mikrophon geschlagen. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium untersucht, ob Tiere unangemessen behandelt und Zuschauer gefährdet wurden. Fischbacher, der "das Publikum liebt, wie Roy die Tiere liebt", weist jeden Verdacht energisch zurück. Vor allem aber wehrt er sich gegen eine Trivialisierung seines Lebenswerks. Das "magische Band zwischen Roy und den Tieren" sei während des Unfalls nicht zerrissen. Vielmehr habe der Tiger "Montecore" Roy am Nacken von der Bühne gezerrt, "um ihn zu schützen". Die Raubkatze habe sich so verhalten, wie sie sich gegenüber Tigerjungen verhalten würde, die sie in Sicherheit bringen wolle. Hätte sie Roy töten wollen, dann hätte sie ganz anders zugebissen. Auch Manager Bernie Yuman ist nach wie vor überzeugt, daß Montecore ein "großartiger Tiger" sei. Die Raubkatze ist nun sicher in einem Luxus-Tiergehege in Las Vegas untergebracht.

Amerikanische Polizisten und Tierschützer suchen dagegen oft verzweifelt nach Unterkünften für exotische Tiere, die sie in Wohnhäusern entdecken. Allein die Zahl von Raubkatzen, die in Amerika als Haustiere gehalten werden, wird auf mehr als 15 000 geschätzt. Tigerwelpen sind schon für 300 Dollar und damit zu dem Preis, den ein Rassehund kostet, über das Internet zu erwerben. Entdeckt werden die ungewöhnlichen Hausbewohner oft erst, wenn es zu einem Unglück kommt. So wurde einen Tag nach dem Unglück in Las Vegas ein New Yorker von einem Tiger in die Hand gebissen, den er in seinem Appartement in Harlem gemeinsam mit einem Alligator hielt. Roy Horn immerhin muß auch im Krankenhaus nicht ganz auf den Kontakt zu seinen Tieren verzichten. Die Ärzte erlauben, daß sein Lieblingshund am Bett wacht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 2003, S. 10
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