Zum Abzapfen der Galle wird der Bär mit Futter in einen engen Käfig gelockt. Wenn er sich dort niederlässt, um zu fressen, legen Arbeiter einen Katheter in die Galle. Der Eingriff dauert wenige Sekunden. Während der Gallensaft abläuft, frisst der Bär weiter. So beschrieb jetzt ein Arbeiter einer Bärenfarm in der chinesischen Provinz Fujian gegenüber der Zeitung „China Daily“ den Vorgang der Gallegewinnung vom lebenden Schwarzbären. Jedem Bären würden zweimal am Tag durchschnittlich etwa 130 Milliliter Galle abgenommen - bis zu 20 Jahre lang. „Es tut nicht weh, der Bär fühlt keine Schmerzen“, versicherte auch der Leiter der Vereinigung für Traditionelle Chinesische Medizin Fang Shuting jetzt in Peking. Grausame Bärenhaltung und Tierquälerei bei der Galleproduktion seien Vergangenheit.
Tierschützer sehen das anders. Sie versuchen schon seit geraumer Zeit, das Augenmerk der westlichen Öffentlichkeit auf die Bärengalleproduktion in China, Vietnam und anderen asiatischen Staaten zu lenken. Nach ihrer Meinung handelt es sich um nichts anderes als Tierquälerei. Oft würden die Bären nur in Käfigen oder winzigen Ställen gehalten, viele Tiere litten unter schmerzhaften Infektionen.
Bärengalle ist ein Bestandteil für Rezepturen der Traditionellen Chinesischen Medizin. Bei Leberkrankheiten etwa soll sie entgiftend wirken, auch Augenleiden könnten mit ihr kuriert werden. Chinesische Fachleute sind sich weitgehend einig über positive Effekte der Bärengalle, aber es bleibt umstritten, ob der begehrte Wirkstoff tatsächlich nur aus der Bärengalle gewonnen werden kann. Während einige Ärzte für Traditionelle Medizin zugeben, dass man den Wirkstoff auch synthetisch herstellen könnte, sagen andere chinesische Fachleute, dass er noch nicht ersetzt werden könne.
Die Anzahl inhaftierter Bären steigt
Über Jahre hinweg wurde dem Thema im Ausland mehr Aufmerksamkeit gewidmet als in China selbst. Jetzt aber haben zum ersten Mal prominente Chinesen einen gemeinsamen Appell verfasst, der die Bärenschützer unterstützt. Anlass waren die Expansionspläne des Unternehmens Guizhengtang, des Betreibers einer Bärenfarm in Südchina. Guizhengtang hat einen Antrag zur Listung an der Börse in Shenzhen gestellt. Das Unternehmen will mit dem neuen Kapital seine Bärenfarm vergrößern und noch mehr Bären anschaffen. Die Prominenten und die Pekinger Tierschutzstiftung protestieren gegen eine Zulassung des Unternehmens an der Börse. In den vergangenen Jahren ist die Produktion von Bärengalle stetig gewachsen. Nach offiziellen Zahlen gab es im Jahr 2006 insgesamt 68 registrierte Bärenfarmen. Nach Schätzung der Tierschutzorganisation Animal Asia in Hongkong waren es im Jahr 2011 aber schon 98, und die Zahl der Bären, die dort für ihre Galle gehalten werden, stieg von 7.000 auf 20.000.
Dagegen regt sich Protest jetzt auch in China. Tierschutz ist ein neues Thema in der Volksrepublik, wo ein Teil der Bevölkerung noch so arm ist, dass er sich um das Wohlergehen der Tiere wenig kümmert. Doch mit zunehmendem Wohlstand und einer wachsenden Mittelklasse in den Städten wird auch das Bewusstsein für Tierschutz größer. Als Basketballstar Yao Ming vor den Pekinger Olympischen Spielen 2008 sich in Anzeigen gegen den Verzehr von Haifischflossen wandte, wurde dies in China noch mit Befremden aufgenommen. Mittlerweile hat sich auch ein anderer berühmter Chinese, der Kungfu-Darsteller Jackie Chan, der Sache angenommen. In den Internet-Foren finden Appelle zur Rettung der Bären und für ein Ende der Gallegewinnung Anklang. Tierschützer und Medien, heißt es in den Foren, müssten Zugang zu den Bärenfarmen bekommen, damit sie prüfen könnten, unter welchen Bedingungen die Tiere dort lebten.