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Streit über Zirkustiere : Keine Wildtiere im Fernsehen

Tierliebe? Carmen Zander und einer ihrer Tiger in der Manege Bild: Festival International du Cirque

Zu den Höhepunkten des Zirkusfestivals von Monte Carlo zählt in diesem Jahr die Tiger-Dressur. Die ARD aber schneidet die Nummer aus dem Programm. Zu den Gründen schweigt sie.

          Sie küsst ihre Tiger, streichelt sie, reitet auf ihnen. „Verliebt, verlobt, verheiratet“ – mit diesem Satz hat Carmen Zander, die Raubtier-Dompteuse aus Sachsen, beim Zirkusfestival in Monte Carlo ihr Leben mit ihren Tieren zusammengefasst.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie ist derzeit die einzige Frau auf der Welt, die eine eigene Raubtiernummer einstudiert hat – mit Tigern aus einem Tierpark, die sie selbst mit der Flasche großgezogen hat.

          Die Zirkuskollegen, die auch in diesem Jahr aus aller Herren Länder zur informellen Weltmeisterschaft der Zirkuskunst ins Fürstentum Monaco gekommen sind, schätzen Zanders Arbeit. „Man spürt ihre Liebe zu den Tigern“, sagt der Zirkuskenner Doktor Alain Frére, der seit der Gründung des Monte-Carlo-Festivals vor 42 Jahren als künstlerischer Berater zuerst von Fürst Rainier III. und jetzt von Prinzessin Stéphanie dabei ist.

          Doch das deutsche Fernsehpublikum wird nichts von Carmen Zander und ihren Tigern erfahren, wenn die ARD irgendwann in den kommenden Monaten anderthalb Stunden lang die besten Nummer aus Monte Carlo übertragen wird.

          Denn die Programmverantwortlichen des Mitteldeutschen und des Bayerischen Rundfunks haben sich, wie die Intendanz des MDR auf Anfrage mitteilte, vor ein paar Jahren darauf verständigt, bei der jährlichen Ausstrahlung auf Wildtier-Nummern zu verzichten – „bei aller Hochachtung vor der Arbeit eines Tiertrainers“, wie es im Antwortschreiben heißt.

          Für seine Kunststücke mit dem Diabolo erhielt Chu Chuan-Ho die Auszeichung „Trophee Louis Merlin 2018“. Bilderstrecke
          Für seine Kunststücke mit dem Diabolo erhielt Chu Chuan-Ho die Auszeichung „Trophee Louis Merlin 2018“. :

          Das Fernsehpublikum erfährt freilich mit keinem Wort, dass bei der ARD die Wildtiere aussortiert werden. Der Mitteldeutsche und der Bayerische Rundfunk übertrugen im vergangenen Jahr weder die Raubkatzen-Nummer der russischen Zapashni-Brüder noch die Präsentation exotischer Haustiere wie Lamas und Kamelen durch Marek Jama.

          Bei der Preisverleihung der „Clowns“ an die Sieger durch Prinzessin Stéphanie brachten die ARD-Redakteure es sogar fertig, die Überreichung eines „Silbernen Clowns“ an den deutschen Elefanten- und Seelöwen-Dompteur Erwin Frankello einfach nicht stattfinden zu lassen.

          Peta verfolgt mit Kampagnen Zirkusse

          Warum die ARD Wildtier-Nummern herausschneidet, wollte man beim MDR nicht näher erklären. Die Gründe liegen freilich auf der Hand. Würden Tiger-, Seelöwen- oder Exoten-Nummern gezeigt, würden radikale Tierschützer die Sender wohl mit Hassmails überschütten. Organisationen wie Peta verfolgen seit Jahren mit wohlorganisierten Kampagnen Zirkusse, die Tiere im Programm zeigen. In Frankfurt protestierten jüngst selbsternannte Tierrechtler sogar gegen einen Weihnachtszirkus, der eine Pferde- und Hunde-Dressur zeigte.

          Die ARD, so die naheliegende Erklärung für das Herausschneiden der Tiernummern, will einfach keinen Ärger mit den Tierrechtlern. Darunter zu leiden haben Tiertrainer wie Carmen Zander, die in den Kampagnen der Tierrechtler als „Tierquälerin“ diskriminiert wird, obwohl sie ihre Tiger hegt und pflegt wie ihre eigenen Kinder. Ihre Mittel, die Raubtiere zu Kunststücken zu bewegen, heißen: „Liebe, Lob und Leckerlis.“

          Mit Druck funktioniere gar nichts, sagt sie: „Wenn ich meine Tiger schlecht behandeln würde, wäre ich längst tot.“ Wer wie sie den intimen Grenzbereich der Tiger überschreite und sie streichle, umarme oder küsse, der müsse das Vertrauen der Tiere besitzen.

          Wenn sich Zirkusliebhaber in diesem Jahr die Monte-Carlo-Sendung im deutschen Fernsehen anschauen, wird ihnen wohl auch vorenthalten, wie Merrylu Casselly, die mit ihrem Mann Joseph Richter junior den „Goldenen Clown“ gewonnen hat, auf dem Rücken einer Giraffe in die Manege eingeritten ist und wie dieses Giraffe brav ihren langen Hals senkte, als sie die Gasse zwischen zwei schreitenden Elefanten durchlief, über die Joseph Richter, mit je einem Bein auf den beiden grauen Riesen stehend, eine Brücke bildete.

          Der schönste Pas de deux der Zirkusgeschichte

          Immerhin wird die ARD, sofern sie ihr Tierverbot nun nicht auch noch auf Pferde ausweitet, den Pas de deux des jungen Traumpaars auf Pferden der ungarischen Richter-Familie zeigen. Dies sei der schönste Pas de deux der Zirkusgeschichte, hatte das Festival zuvor angekündigt – und es nicht übertrieben.

          Solch anmutige und hochartistische Darbietungen auf trabenden Pferden hat man zumindest in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht gesehen: Merrylu aus der Familie Casselly, die 2012 in Monte Carlo Gold gewonnen hat, wirbelt elegant um ihren auf einem Pferd stehenden Mann Joseph herum oder steht graziöse auf seinen Schultern.

          Derartig schwierige Kunststücke auf dem Rücken von Pferden konnte der frühere Dragoner Philipp Astley, der 1768 auf einem Feld nahe der Westminster Bridge in London mit einer Vorführung von Reitern, Jongleuren, Seiltänzern und Affen-Dompteuren den modernen Zirkus gegründet hat, noch nicht bieten.

          An diesen Gründervater und den 250. Geburtstag des Circus erinnert das Festival von Monte Carlo auf seinem Plakat und mit der Einladung der Jockeys aus dem Ungarischen Nationalzirkus Richter mit ihrem Chef Joseph Richter senior.

          Prinzessin Stéphanie, die Festival-Präsidentin, holt bewusst immer Tiernummern nach Monte Carlo, weil der Zirkus ihrer Meinung nach nicht auf Tiere verzichten kann. Doch auf dem Programm stehen natürlich auch viele Artistik- und Clowns-Nummer. So hat denn auch die Akrobatik-Truppe aus Schanghai, die aus Körpern Pyramiden baut mit einem Artisten im einarmigen Handstand auf der Spitze, den zweiten Goldenen Clown gewonnen.

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