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Riesenschildkröte Abuh : 140 Meter in die Freiheit

Wie konnte sie entkommen? Abuh hätte viel zu erzählen. Doch sie schweigt. Bild: AFP

Nordkorea, Barcelona, Charlottesville, Trump, Trump, Trump und wieder Trump: Ein Sommerloch ist einfach nicht in Sicht. Trotzdem wollte unser Autor wenigstens eine Tiergeschichte erzählen. Als Sedativum. Er ist gescheitert.

          Erinnert sich noch jemand an Sammy? Sammy ist in Deutschland mal sehr bekannt gewesen, jedenfalls einen Sommer lang. 1994 war das, als Sammy, der Brillenkaiman, mit seinem Besitzer einen Baggersee in Dormagen besuchte und beim Plantschen von der Hundeleine schlüpfte. Ein paar Tage lang war das Land im kollektiven Kaiman-Wahn, aus Sorge wegen und aus Sorge um Sammy, bis das damals gerade achtzig Zentimeter kurze Reptil aus dem Straberg-Nievenheimer See gefischt wurde, der den in jenem Sommer erlangten Ruhm längst wieder an Loch Ness hat abtreten müssen. Oder kennt noch einer die Kuh Yvonne? Die wurde im Sommer 2011, nachdem sie ihrem Bauern entwischt war, sogar drei Monate lang in Bayerns Wäldern gesucht, unter reger Anteilnahme inner- und außerbayerischer Medien. Am Ende war Yvonne zwar wieder eingefangen, durfte sich aber über mehrere ihr gewidmete Lieder freuen, über einen Einsatz als Bayern 3-Orakel für die EM 2012 und über einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

          Sammy ist in Deutschland mal sehr bekannt gewesen, jedenfalls einen Sommer lang.
          Sammy ist in Deutschland mal sehr bekannt gewesen, jedenfalls einen Sommer lang. : Bild: dpa
          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Geschichten über Tiere werden von Journalisten immer gern erzählt, jedenfalls dann, wenn die Ausreißer auf halbwegs zivile Art wieder eingefangen werden und nicht etwa vor eine Flinte oder ein Auto laufen. Vor allem im Sommer ist das Genre traditionell sehr beliebt, weil da Politiker, Fußballspieler und andere verlässliche Nachrichtenlieferanten im Urlaub sind und größere oder kleinere Sommerlöcher gern mit Pelzigem gestopft werden. In diesem Sommer des Jahres 2017 freilich scheinen die Tollereien der Kuh Yvonne Ewigkeiten her: Psychokrieg um Nordkorea, Terror in Barcelona, Nazi-Paraden in Amerika und ein Trump, der auch aus dem Urlaub twittert. Wie glücklich muss das Land gewesen sein, das keine größeren Sorgen kannte als eine entlaufene Kuh!

          Ein Sedativum. Was fürs Herz.

          Obwohl oder gerade weil also im Moment nicht das kleinste Sommerloch zu sichten ist, habe ich beschlossen: Ich will die Geschichte eines Tiers erzählen. Als Sedativum. Was fürs Herz. Um zu zeigen: Selbst wenn morgen die Welt untergeht, wird heute doch irgendwo ein Tierchen ausreißen. Es fehlt mir nur noch der passende Protagonist, und um den zu finden, sondiere ich die Nachrichtenlage. In einem Gewerbegebiet in Weimar ist ein zwei Meter langer Tigerpython gefunden worden; eine Würgeschlange, sehr sympathisch klingt das nicht. In Berlin wurden Exemplare des Roten Amerikanischen Sumpfkrebses erspäht, ein Tier, welches das Ökosystem gefährdet; auch keine hübsche Story, ein Trump ist wahrlich genug. In Brasilien hat man menschliche Knochen im Bauch eines Kaimans entdeckt; Sammys Story in der Splatter-Variante, schönen Dank auch.

          Kuh Yvonne wurde im Sommer 2011, nachdem sie ihrem Bauern entwischt war,  drei Monate lang in Bayerns Wäldern gesucht.
          Kuh Yvonne wurde im Sommer 2011, nachdem sie ihrem Bauern entwischt war, drei Monate lang in Bayerns Wäldern gesucht. : Bild: dpa

          Dann endlich stoße ich auf eine Geschichte, die es wert scheint, unseren Lesern erzählt zu werden. Die Geschichte von Abuh.

          Bei Abuh, das berichtet in einem knappen Text die Agentur AFP, handelt es sich um eine weibliche, 35 Jahre alte und 55 Kilo schwere Aldabra-Riesenschildkröte, die im Zoo der japanischen Stadt Shibukawa anzutreffen ist. Beziehungsweise es plötzlich nicht mehr war, denn die Schildkröte, die während der Öffnungszeiten des Zoos frei umherkriechen durfte, hatte sich vom Acker gemacht. Zwei Wochen dauerte es dann, bis Abuh wiedergefunden wurde – in einem 140 Meter vom Zoo entfernten Gebüsch. Die Überschrift des Textes weist einen kritischen, ja hämischen Unterton auf: „In zwei Wochen 140 Meter weit geflohen.“

          Wollen wir nicht alle einmal ausbrechen?

          Anders als offenbar die AFP-Kollegen erkenne ich sofort die Symbolkraft dieser Geschichte. Wollen wir nicht alle einmal ausbrechen und bleiben auf halber Strecke stecken? Und muss man Abuh nicht Respekt erweisen, weil ihr die Flucht gelang? Tag für Tag entwischen irgendwo Tiere, Hunde, Katzen, Kängurus, auch mal eine Raubkatze – aber eine Schildkröte, und dann noch so eine große? Wie konnte ihre Flucht unbemerkt bleiben? Wieso hat man sie zwei Wochen gesucht, obwohl sie ganz in der Nähe war? Wie viele Menschen waren an der Suche beteiligt – einer? Was Abuhs Finder angeht, so widersprechen sich die englischsprachigen japanischen Medien: Einmal soll es eine Familie gewesen sein, einmal ein örtlicher bounty hunter, was sich mit dem düsteren „Kopfgeldjäger“ übersetzen ließe. Ein Kopfgeldjäger für Schildkröten, das klingt nach einem unfairen Duell.

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