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Korallensterben : Ungesunde Blässe

Wie Schimmelflecken: ausgebleichte Korallen im Great Barrier Reef Bild: AFP

Das Great Barrier Reef vor Australien erlebt schon das zweite Jahr nacheinander eine verheerende Korallenbleiche. Forscher sehen für das Naturphänomen kaum noch Überlebenschancen.

          Die Luftaufnahmen, die Wissenschaftler jüngst von den Korallen am Great Barrier Reef gemacht haben, sehen für den Laien zunächst nicht sehr alarmierend aus. Wie eh und je bietet sich ein traumhafter Anblick. Türkisblaues Wasser umspielt die Riffe und bricht sich in sanften Schaumkronen an den flach unter der Oberfläche liegenden Stellen. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass sich dieses Weiß auch zwischen den Korallenbergen wiederfindet, die gleich unter dem Wasser liegen. Die Flecken, die wie Schimmel an dem Naturwunder zu kleben scheinen, sind manchmal weniger stark, manchmal sehr deutlich auszumachen. Das größte Konglomerat an Korallenriffen der Welt ist krank – das scheint nach genauem Anblick der Bilder klar.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Im zweiten Jahr in Folge haben Fachleute der James-Cook-Universität in Townsville den Zustand der Riffe aus der Luft untersucht. Sie flogen über mehr als 800 Teilriffe, die sich über Tausende Kilometer vor der Ostküste Australiens in den Ozean erstrecken. Das Ergebnis ihrer Untersuchung: Rund zwei Drittel der Korallen sind mittlerweile ausgeblichen. Während im vergangenen Jahr vor allem das Drittel im Norden des Bundesstaats Queensland betroffen war, ist es diesmal der mittlere Abschnitt im Touristengebiet zwischen den Städten Townsville und Cairns. „Zusammen erstreckt sich das von diesen beiden aufeinanderfolgenden Bleichen betroffene Gebiet auf insgesamt 1500 Kilometer. Damit bleibt nur das südliche Ende unversehrt“, sagt der Institutsleiter Terry Hughes. Hinzu komme, dass im März durch den starken Zyklon Debbie auch noch ein 100 Kilometer breiter Abschnitt des Riffs teilweise zerstört worden sei, sagen die Forscher.

          Ungünstige Wetterverhältnisse

          Doch für den größten Teil der Zerstörung ist nach ihren Erkenntnissen nicht ein Wirbelsturm verantwortlich. Es sind die außergewöhnlich hohen Wassertemperaturen, die zum Phänomen der Korallenbleiche führen. „In diesem Jahr 2017 erleben wir eine massenhafte Bleiche sogar ohne den Einfluss von El Niño“, sagt Hughes. Das Wetterphänomen soll im vergangenen Jahr das Problem verschärft haben. Die eigentliche Ursache sehen die Forscher aber im Klimawandel, der zu einem allmählichen Anstieg der Meerestemperaturen führe.

          Die Temperaturverhältnisse seien in diesem Jahr so ungünstig, dass selbst die kühlende Wirkung des Zyklons Debbie keinen Unterschied mache, sagen die Forscher. Angesichts der zweifachen Korallenbleiche innerhalb von zwölf Monaten sind sie pessimistisch, was die Aussicht auf eine schnelle Erholung angeht. Die ansonsten farbenfrohen Korallen bleichen aus, weil sie im warmen Wasser die kleinen Algen abstoßen, mit denen sie normalerweise in einer Symbiose leben und die ihnen ihre übliche Färbung verleihen. Zwar können sich die ausgeblichenen Korallen nach einer Weile wieder erholen und die Kleinalgen wieder aufnehmen. Aber durch die wiederholt warmen Temperaturen bekommen sie dazu kaum eine Chance. „Sogar die am schnellsten wachsenden Korallen brauchen mindestens zehn Jahre, um sich zu erholen. Nach zwei Bleichen innerhalb von zwölf Monaten haben die Riffe, die im Jahr 2016 zerstört wurden, null Aussicht auf Erholung“, sagt James Kerry, einer der an der Studie beteiligten Wissenschaftler.

          UNESCO-Weltnaturerbe: Australien droht den Status zu verlieren. Bilderstrecke

          Forscher sehen schwarz für das Korallengebiet

          Die bisher vor allem zweckoptimistischen Forscher sehen nun offenbar zunehmend schwarz für das wohl berühmteste Tauchgebiet der Welt. Zwar gilt die Meldung aus dem vergangenen Jahr, wonach das Great Barrier Reef bereits für tot erklärt worden sei, immer noch als übertrieben. Es gibt in dem Gebiet, das sich über mehr als 2300 Kilometer erstreckt, auch jetzt noch einen unvergleichlichen Reichtum an Fischen, Schildkröten und anderen Meerestieren zu bestaunen. Doch sehen viele in einer Begrenzung des Temperaturanstiegs die einzige Rettung für das Riff. Schließlich ist es insgesamt sogar schon das vierte Mal, dass es zu einer größeren Bleiche gekommen ist. Zuvor waren die Riffe in Ostaustralien auch schon in den Jahren 1998 und 2002 betroffen.

          Wie der Meeresbiologe Jon Brodie der Online-Ausgabe des „Guardian“ sagte, befindet sich das Great Barrier Reef derzeit aber schon „in den letzten Zügen“. Nach dem schlechten Jahr 2016 sei das Jahr 2017 ein „Desaster“, sagte der Wissenschaftler. Er kritisierte die Regierung dafür, dass sie vor allem bei der Verbesserung der Wasserqualität in dem Gebiet versagt habe. Denn außer mit der Wassertemperatur, mit Wirbelstürmen und natürlichen Schädlingen hat das Great Barrier Reef auch mit den Folgen von Wasserverschmutzung durch Bergbau und Landwirtschaft zu kämpfen. Besonders umstritten sind dabei die Pläne für den Ausbau des Kohlehafens Abbot Point in der Nähe des Great Barrier Reefs. Die Tourismusunternehmen fürchten sogar, dass dem Riff der im Jahr 1981 von der Unesco erteilte Status als Weltnaturerbe wieder aberkannt werden könnte.

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