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Debatte um Naturschutz : Wale in Sicht

Besucher betrachteten am 3. Februar tote Pottwal hinter dem Deich am Wattenmeer vor dem Kaiser-Wilhelm-Koog (Schleswig-Holstein). Bild: dpa

Im Kreis Dithmarschen bricht ein alter Konflikt wieder auf, nachdem acht Pottwale im Wattenmeer verendet sind. Es geht um eine wichtige Frage: Wer hat am Wasser das Sagen?

          Letzten Sonntag entdeckte Uwe Krohn die Wale. Winzige Punkte am Horizont, vom Deich aus kaum zu erkennen. Krohn war unterwegs in seiner Eigenschaft als Feuerwehrmann, Jäger und Gemeindevertreter. Zwei Kollegen begleiteten ihn, auch sie Feuerwehrmänner, Jäger und Gemeindevertreter. In Kaiser-Wilhelm-Koog, einem Dorf mit 380 Einwohnern, machen alle alles.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Wale lebten noch. „Die waren mit der Schwanzflosse noch inne Gänge“, sagt Krohn, warmes Lächeln, eisblaue Augen. Er steht auf dem Deich, hinter ihm drehen Windräder ihre Runden im Grau, vor ihm liegt die Nordsee, eingeklemmt zwischen Himmel und Watt. Die Wale bewegen sich nicht mehr. Sie liegen nur da, schwarze Einsprengsel in der Landschaft. Acht Jungbullen, die sich auf dem Weg in den Süden verirrt haben. Statt hinter Großbritannien ins offene Meer zu schwimmen, bogen sie vorher ab, in die Nordsee. In eine Falle. Die Tiere konnten sich nicht mehr orientieren, denn die Schallwellen, die sie aussandten, wurden vom schlammigen Meeresgrund nicht mehr reflektiert. Sie wähnten sich in der Tiefe und endeten an der Oberfläche. Als die Ebbe kam, erdrückte sie ihr eigenes Gewicht.

          So was kommt hier schon mal vor. Aber acht tote Pottwale, das hatten sie noch nie. Halb Kaiser-Wilhelm-Koog steht auf dem Deich, um bei der Bergung der Tiere zuzuschauen. Viele würden lieber mithelfen. Doch die Wale starben hinter der Linie des mittleren Tidehochwassers, und für alles, was hinter dieser Linie passiert, ist das Land Schleswig-Holstein verantwortlich. Darum geht es in dieser Geschichte eigentlich: um das Wattenmeer. Und wer dafür die Verantwortung trägt. Um die große Politik. Und die Machtlosigkeit der kleinen Leute.

          Ein Gestank, der einem den Atem raubt

          Mitarbeiter vom „Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz“, haben das Gelände abgesperrt. Dahinter stehen Bagger, ein Kran, ein Tieflader und zwei Raupen. Beide werden benötigt, um die 15 bis 20 Tonnen schweren Kolosse aus dem Schlick zu ziehen. Einige liegen schon da, aufgereiht wie Teile einer Großbaustelle. Sie sollen im Nachbarort von Tierärzten seziert werden, um ihre Todesursache zu klären. Über das Watt fegt eisiger Wind. Wenn er dreht, weht ein Gestank herüber, der einem den Atem raubt. Das Wasser in den Prielen färbt sich rot.

          Ein Dorfbewohner stellt einen der Naturschützer vom Nationalparkamt, die alle grüne Schutzkleidung tragen, zur Rede. Er will wissen, ob er eine Straßensperre im Dorf zu verantworten habe oder die örtliche Polizei. „Wir waren das“, sagt der Naturschützer. „Aber wenn Sie Fragen haben, richten Sie die bitte an unseren Pressesprecher da oben. Der freut sich.“ Dorfbewohner: „Aber da gehören fünf Blinklichter drauf, auf die Absperrung, nicht drei. So geit dat nicht. Nicht bei uns im Kreis.“

          Naturschützer: „Aber wir sind vom Land. Reden Sie doch einfach mit dem Pressesprecher.“ Dorfbewohner: „Jo, denn mach ich das man.“ Er bleibt, wo er ist. Kurze Pause. Der Tieflader rollt vorbei, mit Wal. Naturschützer: „So, jetzt mal kurz die Nase zuhalten!“ Dorfbewohner: „Wieso soll ich mir die Nase zuhalten, das is Fisch, der stinkt immer. Ham Sie noch nie Fisch gegessen?“ Naturschützer: „Das ist kein Fisch, das ist ein Säugetier.“

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