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Forscher untersuchen Orca-Kot : Nicht allzu anrüchig

  • -Aktualisiert am

Noch bei Kräften: Ein Orca schnellt aus dem Wasser. Bild: AP

Schwindende Schwertwal-Bestände bereiten Naturschützern Sorgen. Gehen den Orcas die Fische aus? Wer den Kot der Tiere untersucht, erfährt einiges über ihre Speisekarte.

          Irgendetwas Aufregendes muss dort im Wasser des Fjords treiben, an der nordamerikanischen Pazifik-Küste unmittelbar an der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten. Jedenfalls hat der Spürhund gerade noch entspannt vorn im Bug des sechs Meter langen Glasfaserbootes gelegen. Dann aber springt das Tier auf, lehnt sich über Bord und schnüffelt eifrig.

          Den Grund für die Aufregung sehen die Wissenschaftler im Boot gleich darauf im Wasser dümpeln. Dort schwimmt eine schleimige, braungrüne Masse, die nach Fisch riecht. Wieder einmal hat der Spürhund den Kot eines Schwertwals entdeckt. Im Labor an Land werden die Forscher die Exkremente analysieren und aus den Ergebnissen Rückschlüsse auf die Mahlzeiten des Orcas schließen. Die Speisekarte der Wale wiederum zeigt Naturschützern, wo sie den Hebel ansetzen sollten, um die schwindenden Bestände der Schwertwale zu stabilisieren.

          Robben-Jäger und Fisch-Gourmets

          Was die Ursachen dieses Rückgangs angeht, hegen Walforscher schon lange einen Verdacht: Die Tiere könnten hungern. John Ford von der kanadischen Meeresbiologischen Forschungsstation in Nanaimo auf der Vancouver-Insel im Pazifik hatte in mehr als 30 Jahren herausgefunden, dass die Schwertwale in dieser Region zu zwei verschiedenen Gruppen gehören, die fast keinen direkten Kontakt haben und sich vor allem nicht paaren.

          Eine dieser Gruppe hat sich auf die Jagd von Robben spezialisiert, die anderen Orcas entpuppen sich als Fisch-Gourmets. Diese Gruppe aber schrumpfte zu Ende der neunziger Jahre. Schwammen 1995 noch 97 Fischfresser-Schwertwale bei der Vancouver-Insel im Meer, waren es sechs Jahre später nur noch 79 Tiere. Der Rückgang alarmierte nicht nur die Naturschützer, sondern auch Tourismus-Manager. Die Fahrten zur Walbeobachtung sind längst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor auf der Vancouver-Insel. Prompt standen die Fischfresser-Schwertwale 2001 auf der kanadischen Liste der gefährdeten Arten.

          Den Orcas könnten die Fische knapp werden, weil die Bestände überfischt sind und auch aus anderen Gründen schrumpfen. Besonders bei den Lachsen, die im Spätsommer und Herbst die Flüsse hinaufziehen, um im Oberlauf Eier zu legen, zeigten sich große Einbrüche. Ein Zusammenhang mit der Gefährdung der Fischfresser-Orcas lag nahe. Allerdings fehlte der Beweis, den nun eine genaue Untersuchung der Ernährungsgewohnheiten der Schwertwale liefern sollte. Solche Analysen aber sind in der Natur nicht einfach und im Meer besonders schwierig.

          John Ford begleitete dazu eine Schule Schwertwale in kleinen Glasfaser-Booten oder Schlauchbooten mit festem Rumpf. Tauchte einer der Orcas in der Nähe des Bootes auf, schauten die Forscher ihm aufs Maul, ob sie dort etwa Beute entdeckten. Dann suchten sie das Wasser nach Resten der Orca-Mahlzeit ab, die sie im Labor untersuchen konnten. Diese Methode hat allerdings einen erheblichen Nachteil: Verschluckt der Orca seine Beute ganz, bleibt für die Forscher nichts übrig – und es schleichen sich leicht Fehler in die Untersuchung ein.

          Spürhunde auf Kotsuche

          An Land sammeln Zoologen daher die Exkremente von Raubtieren. Darin finden sie sowohl Erbgut aus dem Darm des Räubers und von den darin lebenden Bakterien, aber auch von der Beute. Und das unabhängig davon, ob die Opfer ganz oder nur zum Teil geschluckt wurden. Diese Beute aber können die Forscher über den genetischen Fingerabdruck leicht identifizieren. Die Methode funktioniert auch bei Orcas, allerdings nur, wenn die Forscher an den Kot der Tiere herankommen. Also heften sie sich in ihren kleinen Booten den Schwertwalen möglichst dicht an die Schwanzfluke und spähen nach der schleimigen, braungrünen Masse, die für den Kot der Tiere typisch ist.

          Sonderlich hoch ist die Trefferquote in den Wellen allerdings meist nicht. Es sei denn, die Forscher heuern einen Spürhund an, der wie viele seiner Artgenossen begeistert mit Bällen spielt. Befriedigten die Wissenschaftler die Spiellust des Tieres immer genau dann, wenn es vorher am Kot von Orcas schnuppern durfte, lernt der Hund die Lektion schnell: „Melde ich den Forschern Schwertwal-Kot, darf ich Ball spielen!“ So ähnlich scheint der Hund zu denken

          Analysieren Michael Ford vom Nationalen Meeresfischerei-Dienst der Vereinigten Staaten in Seattle und seine Kollegen den so aus dem Meer gefischten Kot, zeigen ihre Daten, wie abhängig die Fischfresser-Schwertwale von den Lachsen sind: Im Sommer und Herbst besteht ihre Beute zu gut 98 Prozent aus Lachs. Das aber zeigt schlagend, dass der Rückgang der Lachsbestände den Fischfresser-Orcas den Status „gefährdet“ eingebracht hat. Gibt es eines Tages wieder mehr Lachs, ist also auch den Schwertwalen geholfen.

          Quelle: F.A.Z.

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