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Bestattung mit Haustier: Da liegt auch der Hund begraben

Da liegt auch der Hund begraben

Von LUISE SCHENDEL, Fotos von STEFAN FINGER

01.08.2017 · In Essen können sich Menschen gemeinsam mit ihren Haustieren bestatten lassen. Die Friedhofsbetreiber wollen Menschen so ihren letzten Wunsch erfüllen – und sich neue Einnahmen erschließen.

E ssen, im Juli. Volker Schmitt hat seinen Freund gleich mitgebracht. Ohne Frage ein attraktiver Kerl. Blond, behaart von Kopf bis Fuß, große braune Augen. Ein Golden Retriever wie er im Buche steht, und für seine sieben Lenze erstaunlich verspielt. Schmitt hat ihm einst den Namen Fuoco gegeben, „der Feurige“. Und inzwischen arbeiten beide gemeinsam bei der Iserlohner Feuerwehr. Zuletzt waren sie nach der Explosion eines Hauses in Dortmund im Einsatz, manchmal müssen sie aber auch deutlich weiter. „Es kann durchaus sein, dass wir ins Ausland gerufen werden, weil es dort an Rettungskräften mangelt“, sagt Schmitt. Plötzlich springt er auf, die Stimme lauter und härter als zuvor: „Fu, nein! Nicht hier!“ Der Hund hat die kurze Ablenkung genutzt, um sich über die Grasnarbe herzumachen. Eigentlich kein Problem, nur der Ort scheint zum Buddeln denkbar ungeeignet.

Volker Schmitt mit Hund „Fuoco“

Meist dürfen Hunde in Deutschland nicht mit auf Friedhöfe. Hier in Essen hingegen ist das durchaus erwünscht – denn hier können sich Menschen auch gemeinsam mit ihren Haustieren bestatten lassen. Es ist der erste Friedhof dieser Art in Deutschland, er wurde 2015 auf einer Wiese unterhalb eines evangelischen Friedhofs angelegt und bekam den Namen „Unser Hafen“, eine Reminiszenz an das gemeinsame Ende einer Reise. Die Deutsche Friedhofsgesellschaft hatte den Vorschlag der Mensch-Tier-Bestattungen an die Gemeinde herangetragen und der damalige Pfarrer Klaus Gal willigte ein, auch wenn er, wie er sagt, anfangs besorgt war, dass es Widerstand geben könnte. Doch der blieb aus. Keinen einzigen negativen Kommentar habe es gegeben, sagt Gal.

„Die Menschen verlangen heutzutage nach Alternativen zu den klassischen Bestattungsformen“, sagt Lukas Henseleit von der Friedhofsgesellschaft, die „Unser Hafen“ betreibt. Die Zahl der klassischen Erdbestattungen nimmt beständig ab, während vor allem die Zahl der kostengünstigen Urnengemeinschaftsgräbern zugenommen hat. „Das kommt daher, dass sich auch das Leben der Menschen stark geändert hat. Früher war das Grab immer auch ein Statussymbol. Wenn die Witwe des verstorbenen Mannes das Grab nicht pflegte, begann man im Dorf zu tuscheln“, sagt Wilhelm Brandt, Sprecher der Friedhofsgesellschaft. Mit der Zunahme an befristeten Arbeitsverhältnissen und wachsender Mobilität sei oft auch die enge Bindung an den Ort verschwunden, an dem die Familie über Generationen gelebt habe. Dies habe zu einer massiven Veränderung der Friedhofskultur geführt, hin zu einer starken Individualisierung, die zu der eigenen Persönlichkeit und den Lebensumständen passe. „Zusätzlich zur Entwurzelung ist heutzutage nicht mehr jeder bereit und in der Lage dazu, viel Geld für eine Erdbestattung auszugeben“, sagt Brandt. „Hinzu kommt, dass vor allem ältere Leute oft nur ein Urnengrab wollen, um den Angehörigen nicht zur Last zu fallen.“

„Für viele Besitzer ist der Hund ein Begleiter durch alle Lebenslagen. Dabei bilden sich fast so enge Freundschaften wie unter Menschen“, sagt Lukas Henseleit von der Friedhofsgesellschaft „Unser Hafen“.
Die gemeinsamen Beerdigungen von Mensch und Tier sind für die Friedhofsbetreiber mit der Hoffnung auf Einnahmen aus einer neuen Klientel verbunden.
Der pensionierte Pfarrer Klaus Gal sagt: „Vor dem Sündenfall waren alle Lebewesen im Paradies vereint. Wenn wir davon ausgehen, dass wir nach dem Tod wieder in diese Einheit zurückgeführt werden, dann gehören Mensch und Tier nach dem Tod auch wieder in denselben Himmel.“

Das hat auch dazu geführt, dass Friedhöfe heute keine gewinnbringenden Objekte mehr sind. Durch die kleineren und kostensparenden Urnenbestattungen, die zum Teil schon für 800 Euro zu haben sind, vergrößern sich zunehmend die unbelegten Friedhofsflächen. Bewirtschaftet werden müssen sie trotzdem. Den geringeren Einnahmen stehen höhere Ausgaben in der Friedhofspflege und steigende Personalkosten gegenüber. Hinzu kommt, dass Friedhöfe im kirchengemeindlichen Haushalt als sogenanntes „Sondervermögen“ verbucht werden, und deswegen nicht durch Einnahmen aus der Kirchensteuer bezuschusst werden können.

Die gemeinsamen Beerdigungen von Mensch und Tier sind für die Friedhofsbetreiber mit der Hoffnung auf Einnahmen aus einer neuen Klientel verbunden. Schließlich lebten 2016 13,4 Millionen Katzen, 8,6 Millionen Hunde, 5 Millionen Kleintiere und 4,6 Millionen Ziervögel in deutschen Haushalten. „Für viele Besitzer ist der Hund ein Begleiter durch alle Lebenslagen. Dabei bilden sich fast so enge Freundschaften wie unter Menschen“, sagt Henseleit. Und der pensionierte Pfarrer Klaus Gal sagt: „Vor dem Sündenfall, der ja auch eine mythologische Geschichte ist, waren alle Lebewesen im Paradies vereint. Wenn wir davon ausgehen, dass wir nach dem Tod wieder in diese Einheit zurückgeführt werden, dann gehören Mensch und Tier nach dem Tod auch wieder in denselben Himmel.“

Warum also nicht auch eine gemeinsame Trauerfeier? Viele Theologen, die Gegner einer gemeinsamen Bestattung von Mensch und Tier sind, beriefen sich darauf, dass der Sündenfall eine Spaltung zwischen Mensch und Tier gebracht habe, sagt Gal. Durch den Kreuzestod Jesu Christi seien demnach die, die im Glauben an ihn gestorben seien, erlöst, und dürften das Paradies betreten. Den Tieren bleibe dieser Weg aber verwehrt. Dies sei auch der Grund, warum es für sie keine Trauerreden und Amtshandlungen gebe. Ihre Asche würde deshalb meist in einer eigenen Urne als „Grabbeigabe“ nach der menschlichen beigesetzt. Das Konzept ist seit Jahrtausenden bekannt. Schon aus altägyptischen Gräbern sind Katzenmumien bekannt, und der preußische König Friedrich II. ließ seine Hunde nur wenige Meter neben seiner eigenen Gruft bestatten. Der erste offizielle Tierfriedhof Asnières-sur-Seine in Paris öffnete 1899 seine Pforten.

„Wenn Menschen zu Tieren Freundschaft entwickeln und ihre Herzen und Seelen sich verbinden, ist es doch auch schön, wenn man das über den Tod hinaus ermöglicht,“ sagt Gal. Tatsächlich konnte anhand von Studien nachgewiesen werden, dass diese Nähe zwischen Hund und Mensch auf biochemischen Gemeinsamkeiten beruht. So fanden Forscher der Azabu University in Sagamihar heraus, dass durch intensiven Blickkontakt das so genannte „Kuschel- und Wohlfühlhormon“ Oxytocin ausgeschüttet wird – bei Hund und Mensch gleichermaßen. Die Wissenschaftler vermuten darin Anzeichen für eine so enge, artübergreifende Bindung, dass sie sogar der von Mutter und Kind ähnelt. In einer 2016 veröffentlichten Studie des Instituts TNS-Emnid äußerten sich 49 Prozent der Befragten positiv über gemeinsame Gräber für Menschen und Tiere, 48 Prozent lehnten sie ab. Bei den Jüngeren lag der Anteil der Befürworter sogar bei 69 Prozent.

„Der Hund hat ein Anrecht auf eine normale Bestattung“: Volker Schmitt über das Grab für Mensch und Hund Video: F.A.Z., Stefan Finger

Der Friedhof „Unser Hafen“ bietet an seinen beiden Standorten in Essen und Braubach ausschließlich gemeinsame Urnenbestattungen von Mensch und Tier an. Reihen oder „Freundschaftsgräber“ kosten 69 Euro pro Jahr, ein Familiengrab für bis zu zwölf Urnen 92 Euro. Stirbt das Haustier zuerst, kann man sich die Urne, so Henseleit, zunächst auch auf den heimischen Kamin stellen, oder die Asche zu einem Diamanten pressen lassen, da für Kadaver in Deutschland keine Bestattungspflicht besteht. „Bei Menschen geht das in aller Regel nicht. Nur in Bremen gibt es keine so rigide Bestattungspflicht. Deswegen sollte man frühzeitig über eine Vorsorgevollmacht oder einen Vorsorgevertrag nachdenken, für den Fall, dass man sein Haustier nicht überlebt.“ Wichtig sei es, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, welche Beerdigung man sich wünsche, ob der Vierbeiner eine Rolle darin spielen solle, wie viele Menschen und Tiere in einem Grab bestattet werden und wer sich nach dem eigenen Tod um Hund, Katze oder Wellensittich kümmern solle. „Wir haben seit der Gründung von ‚Unser Hafen’ deutlich mehr Vorsorgeverträge aufgesetzt als Grabstellen verkauft“, sagt Sprecher Brandt. „Einfach weil die Laufzeit eines Grabes mit dem Abschluss des Grabstellen-Kaufvertrages beginnt und es durchaus sein kann, dass mit Ablauf der 20- oder 25-Jahres-Frist der Betroffene noch lebt.“ Noch existieren viele gemeinsame Beerdigungen also nur auf dem Papier. Ähnlich sieht es bei den Friedhöfen aus, die das Konzept nachahmen. Zuletzt erlaubte die Stadt Görlitz in Sachsen auf Beschluss des Stadtrates gemeinsame Bestattungen. Eine Einzelfallerlaubnis des Bistums Aachen sorgte 2016 für besondere Furore. Dort hatte ein Mann darauf gedrungen, mit seinem Dackel „Muck“ gemeinsam auf dem katholischen Friedhof Grefrath beerdigt werden zu dürfen. Die Erlaubnis für diese ungewöhnliche „Grabbeigabe“ wurde einmal erteilt, danach nicht mehr. „Nicht, dass es sich das Bistum anders überlegt hätte“, beteuert Sprecher Stefan Wieland, „es wurden bislang nur keine weiteren Anträge gestellt.“

„Ich sehe so oft schwere Brände, und weiß einfach, dass es mal alles sehr schnell vorbei sein kann. Für mich, aber auch für Fu“, so Schmitt.

Volker Schmitt, der Rettungshundeführer, ist zwar erst 44 Jahre alt. Dennoch hat er sich für ein Familiengrab bei „Unser Hafen“ entschieden. Für sich selbst, seine Angehörigen – und Fuoco. „Ich sehe so oft schwere Brände, und weiß einfach, dass es mal alles sehr schnell vorbei sein kann. Für mich, aber auch für Fu“, sagt er und spricht dabei sehr leise. Pathos liegt nicht in seiner Stimme. Lieber wirft er das kleine Seil-Spielzeug, das er für den quirligen Rüden mitgebracht hat, und ruft ihm nach. „Wenn du Zeit hast, such dir gleich mal eine schöne Stelle aus! Aber denk dran, ich mag die Sonne!“

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 31.07.2017 10:17 Uhr