14.03.2003 · Das Worldwatch Institut warnt vor einem Artenrückgang unter Vögeln wie dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren.
Nie zuvor mussten Vögel weltweit so viele Federn lassen wie in diesen Tagen. Seit dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren habe es keinen derart dramatischen Artenrückgang mehr gegeben, warnt eine Studie des Worldwatch Institutes In Washington. Naturschützer legten zudem in Bonn eine Rote Liste vor, aus der hervorgeht, dass es vielen wild lebenden Vögeln in Deutschland wie etwa Haussperling, Mehlschwalbe, Kiebitz oder Feldlerche, deutlich schlechter geht. Und Wissenschaftler melden, dass der Klimaeffekt vor allem Zugvögel bedrohe.
Und schuld ist vornehmlich der Mensch. Die Untersuchung „Winged Messengers: The Decline of Birds“ (Geflügelte Boten: Der Niedergang der Vögeln) des Worldwatch Instituts macht aus, dass 99 Prozent der am schärfsten bedrohten Vogelarten unter Faktoren leiden, die vom Menschen beeinflusst sind.
Fast 1.200 Vogelarten sterben laut Prognose noch in diesem Jahrhundert aus
Laut Institut werden zwölf Prozent der weltweiten Vogelpopulation - fast 1.200 Arten - wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert aussterben. Doch geht es, wie der Titel der Studie sagt, nicht nur um die gefiederten Freunde des Menschen, sondern um diesen selbst. „Vögel sind wertvolle Indikatoren für die Lage der Umwelt. Mit ihrem Gedeih oder Verderb weisen sie auf Probleme, die auch dem Menschen bevorstehen“, erläutert Studienautor Howard Youth.
Zu diesen Problemen gehört in erster Linie der Verlust ihres Lebensraumes durch das Abholzen von jährlich 50.000 bis 170.000 Quadratkilometern Waldfläche. Dies gefährdet das Überleben von 85 Prozent der am meisten bedrohten Vogelarten und wird selten durch ein neues Aufforsten ausgeglichen. Lebensbedrohend können auch gebietsfremde Tiere wie Schlangen, Ratten, Pflanzen oder Insekten sein, die durch den globalen Handel oder internationalen Tourismus in die Lebensräume der Vögel eingeführt wurden.
Pestizide töten jährlich Millionen Vögel auf dem Land und im Wasser. Ölkatastrophen durch havarierte Tanker können ganzen Populationen zum Verhängnis werden. Der illegalen Jagd für seltene Vogelarten fallen jährlich ebenfalls Millionen zum Opfer, schreibt Youth. Der Einsatz überlanger Fischfangleinen bedroht wenigstens 23 Arten von Seevögeln. Andere Vogelarten werden durch Klimaveränderungen aus der Bahn geworfen oder verlieren durch sie ihren Lebensraum.
Dem dramatischen Verlust der Artenvielfalt können nach Überzeugung des Wissenschaftlers nur international koordinierte Maßnahmen Einhalt gebieten. Außerdem müsse dafür gesorgt werden, dass bereits bestehende Gesetze in Zukunft strikter befolgt werden.
Brutvögel in Deutschland arm dran
In Deutschland ist nach Angaben des Vizepräsidenten des Naturschutzbundes (Nabu), Helmut Opitz sowohl die Zahl der stark gefährdeten Arten als auch die der Vögel auf der so genannten Vorwarnliste gewachsen.„Das ist die bittere Quittung für den sorglosen Umgang mit unserer heimischen Natur.“ Mehr als die Hälfte aller Vogelarten wird nach den Erhebungen inzwischen als gefährdet eingestuft (110 Arten) oder weist Besorgnis erregende Bestandsverluste (31 Arten) auf. Als ungefährdet gelten noch 113 von insgesamt 254 Arten. Die dritte Rote Liste nach der Wiedervereinung (Vorgängerlisten 1991 und 1996) wurde vom Nabu, dem Deutschen Rat für Vogelschutz (DRV) und dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) erarbeitet und präsentiert.
„Die stärksten Bestandsrückgänge haben Wiesenbrüter wie Kiebitz, Uferschnepfe und Bekassine erlitten“, sagte Hans-Günther Bauer, Präsident des DRV und Vorsitzender des Rote-Liste-Gremiums. Ähnlich sei es einer Reihe weiterer Feldvogelarten wie dem Rebhuhn oder der Feldlerche ergangen. Als Hauptursachen für den negativen Trend in dieser Gruppe nannte Bauer die seit Jahrzehnten verfolgte Intensivierung und Technisierung der Landwirtschaft und die ökologischen Folgen, die sich für die Lebensräume aus Überdüngung und Ausräumung der Landschaft ergäben.
Universität Mainz macht Klimawandel für Probleme von Zugvögeln verantwortlich
Die Langstreckenzieher unter den Zugvögeln, die Europa im Herbst verlassen und südlich der Sahara im tropischen Afrika überwintern, sind durch die globale Klimaveränderung stark bedroht. Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben festgestellt, dass infolge der wärmeren Winter in der Bodenseeregion sowohl Anzahl als auch Anteil der Langstreckenzieher wie Rauchschwalbe, Wendehals oder Gartenrotschwanz dramatisch abgenommen haben. Gleichzeitig nahmen Zahl und Anteil von Kurzstreckenziehern, die im Mittelmeerraum überwintern, und Standvögeln zu.
Ihre Ergebnisse zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Klimaveränderungen und Veränderungen bei den Vogelgemeinschaften. "Die Langstreckenzieher scheinen eine der Gruppen im Tierreich zu sein, die besonders unter der globalen Erwärmung leiden", erklärt Katrin Böhning-Gaese, die die Studie in „Conservation Biology“ mit Nicole Lemoine veröffentlichte. "Und der erwartete weitere Temperaturanstieg wird voraussichtlich noch einen weiteren Rückgang bei den Langstreckenziehern verursachen."
Grund dafür ist wahrscheinlich das Futterangebot. "Standvögel müssen mit den hiesigen Bedingungen im Winter auskommen", erläutert Böhning-Gaese. Die Hälfte bis drei Viertel der Population stirbt über den Winter. Im Frühjahr finden die Zugvögel, die aus ihrem Winterquartier zurückkommen, ein ausreichendes Nahrungsangebot. Durch höhere Wintertemperaturen überleben mehr einheimische Vögel, dadurch verringert sich das Futterangebot im Frühjahr und für die zurückkehrenden Zugvögel steht weniger zur Verfügung. Dies erklärt auch, weshalb Südosteuropa mit seinen kalten Wintern viele Langstreckenzieher beherbergt, während im Nordwesten unseres Kontinents, etwa in Irland, nur wenige zu finden sind.
Seeadler sorgen für gute Nachricht
Gute Nachrichten gibt es allerdings von den Seeadlern. Diese einst vom Aussterben bedrohte Art ist nach Beobachtungen von Biologen wieder stark im Aufwind. Im vergangenen Jahr wurden in Mitteleuropa 1121 Brutpaare gezählt, während es 1990 nur 510 waren. Das berichtete die Stiftung Europäisches Naturerbe (Euronatur) am Donnerstag in Radolfzell bei Konstanz. Der Grund für die deutliche Erholung der Bestände seien die Ausweisung großer Schutzgebiete, weniger Umweltbelastungen und erfolgreiche Artenschutzprogramme. 1960 hatte es in Mitteleuropa sogar nur noch 235 Seeadler-Paare gegeben.