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Tiere Kein Märchen vom Wolf

 ·  Der Bösewicht der Brüder Grimm ist zurück. In der Lausitz sind bereits 13 Rudel heimisch, auch weil den Tieren die Nähe zu Menschen guttut.

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© Nabu/Jan Noack Neu- und Alteingesessene: Wölfe und Kraniche durchstreifen frühmorgens das Teichgebiet bei Niederspree südlich der Muskauer Heide in der Lausitz.

„Das gibt’s doch nicht! Kommen Sie her, schauen Sie!“ Markus Bathen (Bild unten) gestikuliert in Richtung eines niedrigen Strauchs, dessen schmale Äste sich unter dem Schnee biegen, der in der Nacht gefallen ist. Darunter zeichnet sich in einer windgeschützten Kuhle der Abdruck einer Pfote in den Schnee. „Das kann noch nicht lange her sein“, sagt Bathen und hantiert schon mit dem Lineal aus seinem Rucksack.

Das nennt man wohl Glück. Denn eigentlich hatte der Naturschützer dem Besuch zu Beginn der Wanderung wenig Hoffnung gemacht: Der Neuschnee hat sich in der Nacht über sämtliche Spuren gelegt; im Laufe des Morgens fallen weitere Schneeflocken. Bathen - gestrickte Wollmütze, dicke Wanderstiefel, grün-braune Funktionskleidung, studierter Forstwirt und Naturschützer - betreibt für den Naturschutzbund (Nabu) das Projektbüro Wolf in Spremberg in der Niederlausitz an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen. Hier wurden um die Jahrtausendwende die ersten Wölfe gesichtet, im Jahr 2000 gab es das erste Wolfsrudel. Zwei Jahre später arbeitete Bathen zum ersten Mal in der Lausitz.

Der Zivilisationsfolger hinterlässt tiefe Abdrücke

Die Wölfe waren damals eine Sensation. Doch ihre Anwesenheit führte zunächst zu starken Verwerfungen in der Bevölkerung: „Die Leute kamen und haben gefragt, ob sie ihre Kinder noch draußen spielen lassen können und was mit ihren Hunden passiert, wenn die einem Wolf begegnen“, erzählt Bathen. Die Schäfer beschwerten sich bitterlich, sobald die ersten Risse zu beklagen waren. Dazu kam eine beispiellose Pressekampagne, die den Vormarsch der Wölfe größtenteils mit dem Wegzug der Menschen in der strukturschwachen Region erklärte. Das Klischee von den heulenden Wölfen, die sich die menschenleere brandenburgische Pampa nur noch mit ein paar versprengten Neonazis teilen müssen, verewigte am Ende sogar der Kabarettist Rainald Grebe in seinem Lied über das Bundesland: „In Berlin kann man so viel erleben / In Brandenburg soll es wieder Wölfe geben.“

“Alles Quatsch“, sagt Bathen. Einmal abgesehen davon, dass viele der Wölfe sich eher im sächsischen Teil der Lausitz angesiedelt haben: Die Tiere seien zwar scheu, aber eben auch Zivilisationsfolger: „Sie siedeln sich da an, wo auch Menschen leben.“ Inzwischen hat er den Pfotenabdruck im Schnee ausgemessen: achteinhalb Zentimeter ist er lang und ziemlich tief. „Das ist garantiert ein Wolf“, sagt Bathen und demonstriert zum Vergleich den Pfotenabdruck seines Hundes Tapo, der aufgekratzt an der fremden Spur herumschnüffelt - knapp sechs Zentimeter. „Kommen Sie, wir schauen mal, wo der hergekommen ist.“

Nachts jagen, tagsüber schlafen

Dreizehn Wolfsrudel gibt es mittlerweile in der Lausitz, das sind rund 100 Tiere. Viel ist das noch nicht: Auf 25 Quadratkilometer kommt nur ein Wolf. Selbst Bathen hat in den zehn Jahren, die er den Wölfen schon auf der Spur ist, nur dreimal einen aus der Nähe gesehen. Das liegt auch daran, dass es unter Naturschützern verpönt ist, den Tieren nachzustellen. „Wenn wir jetzt in die andere Richtung gelaufen wären, hätten wir den Wolf irgendwann beim Schlafen gestört“, erklärt Bathen. Um den Wölfen einen möglichst großen Freiraum zu geben, darf man sie deswegen nicht direkt überwachen, etwa, indem man sich vor die Wolfshöhle legt und wartet. Stattdessen suchen Bathen und seine Kollegen nach Spuren. „Wölfe sind nachtaktive Einzelgänger.“ Während der Nacht, die er zum Jagen benutze, lege ein Wolf rund 40 Kilometer zurück, „aber zielgerichtet, in gerader Linie, nicht so hyperaktiv wie Tapo“. Den Tag verschlafe er dann.

Wie sich die Wölfe in ihrem Revier verhalten, erkennen die Wolfsforscher an zahlreichen Spuren - wie der Fährte, der wir gerade durch den Schnee folgen. „Der hier war sehr müde“, sagt Bathen. Wir verfolgen die Spur durch das Gestrüpp hindurch bis auf freies Feld. Bathen deutet auf die Schleifspuren zwischen den einzelnen Pfotenabdrücken. „Da hat er sich ziemlich hängenlassen.“ Aber es gibt auch andere Hinweise auf das Verhalten der Tiere: Haare, die an Sträuchern hängen geblieben oder an alten Schlafstellen im Schnee festgefroren sind, oder Kotspuren. Mindestens einmal in der Woche dreht Bathen oder einer seiner Kollegen eine etwa zehn Kilometer lange Runde durchs Wolfsgebiet und sammelt alle Hinweise.

Mensch und Wolf leben nahe beieinander

Außerdem gibt es Fotofallen, die Bilder der Wölfe festhalten. Einige der Tiere tragen zudem GPS-Sender, mit deren Hilfe ihre Bewegungsmuster dokumentiert werden können. Wölfe sind ausdauernd. „Einer hat es mal bis nach Weißrussland geschafft“, sagt Bathen. „Nach 1500 Kilometern ist dann leider der Sender kaputtgegangen.“ Die besten Spuren finden er und seine Kollegen im Frühjahr und im Herbst, wenn der brandenburgische Sand feucht ist. Das „Wolfsjahr“ endet im April. Dann werden sämtliche Daten zusammengetragen und auf einer Karte dokumentiert, so dass die Naturschützer das Verhalten der Wölfe mit jedem Jahr besser nachvollziehen können.

Mensch und Wolf leben in der Lausitz tatsächlich sehr nahe beieinander. Der Hügel, auf dem sich die Höhle des Rudels Welzow befindet, in dessen Revier wir unterwegs sind, ist gleichzeitig das Naherholungsgebiet von Spremberg. Die Anhöhe verdankt sich der Wiederaufschüttung ehemaliger Tagebaugebiete; in der Nähe wird bis heute Braunkohle abgebaut. Bei der Wanderung durch den verschneiten Winterwald begleiten uns der Autolärm der Umgehungsstraße und die charakteristischen Schaufelgeräusche einer nahe gelegenen Recycling-Anlage. Kurz vor dem Wolfshügel passieren wir eine Motocross-Anlage. „Und auf dem Hügel gibt es noch Trimm-dich-Pfade und Nordic-Walking-Routen“, ergänzt Bathen.

Häufig kamen die unglücklichen Schäfer

Um dieses Zusammenleben zu fördern, gibt es seit eineinhalb Jahren zusätzlich zu anderen Wolfsschutzaktivitäten Bathens Informationsbüro im Stadtzentrum von Spremberg. Das Büro hatte vor allem am Anfang viel Zulauf. Die häufigsten Besucher waren die unglücklichen Schäfer, denen Bathen seitdem bei der Beantragung von Fördermitteln für Schutzzäune hilft. Das zeigt Wirkung: Im vergangenen Jahr wurde in der Umgebung kein einziges Schaf mehr gerissen.

Aber auch andere kamen. „Die Leute sind fasziniert von den Wölfen, viel mehr als von anderen Tieren. Pech für Tapo“, erzählt der Naturschützer und tätschelt dem Hund tröstend den Kopf. Ein Spremberger, der am Stadtrand wohnte, brachte zum Beispiel einen Hundehaufen aus seinem Garten ins Büro und wollte wissen, ob es sich dabei um Wolfskot handele. „Der war überzeugt, er hätte in seinem Garten Wolfsspuren gefunden und den Wolf nachts vorbeilaufen hören.“

Eine Anwohnerin meinte, sie habe in ihrem Kleingarten einen Wolf gesehen, und schickte mehrere Zeichnungen. „Die wurden mit der Zeit immer genauer - wahrscheinlich proportional zur Anzahl der Fotos, die sie sich bei Recherchen im Internet angeschaut hat“, vermutet Bathen. Mittlerweile hat das Interesse allerdings abgenommen; die Leute haben sich an die Wölfe gewöhnt. Idealerweise wird Bathens Arbeit mit Schulklassen, Jagdschulen und Gemeindebeamten in ein paar Jahren überflüssig sein: „Sobald die Leute mit dem Wolf normal leben können, brauchen sie auch keine Naturschützer mehr als Berater.“

Den Wölfen zugucken und sie in Ruhe lassen

Doch bis dahin ist noch einiges zu tun: Die ersten Jäger fordern zum Beispiel schon Abschussquoten für die Tiere, damit deren Verbreitung nicht überhandnehme. Denen müsse man erklären, dass es dazu noch keinen Anlass gebe: „Nur weil wir uns dem Punkt nähern, wo der Wolf in Deutschland nicht mehr vom Aussterben bedroht ist, kann man noch lange keinen schießen.“ Selbst bis zur Änderung der Schutzkategorie dürften noch viele Jahre ins Land gehen.

Doch Markus Bathen ist zuversichtlich, was den Wolf betrifft. Die natürliche Rückkehr einer Tierart ist im Naturschutz eine beeindruckende Ausnahme. „Eigentlich müssen wir gar nichts machen, damit sich die Wölfe verbreiten - außer zugucken und in Ruhe lassen.“

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