Home
http://www.faz.net/-gum-70wvl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Thomas Reiter im Gespräch „Wir müssen unsere Satelliten schützen“

 ·  Mit insgesamt 350 Tagen im All hält Thomas Reiter den Rekord unter den europäischen Astronauten. Heute arbeitet er bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Ein Gespräch über Flüge zum Mars, europäische Aussichten und den Schrott im Orbit.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)
© NASA Im Jahr 2006 verbrachte Thomas Reiter ein halbes Jahr auf der Internationalen Raumstation (ISS).

Herr Reiter, Sie haben 1995/96 als erster Europäer ein halbes Jahr auf der sowjetischen Raumstation Mir verbracht und 2006 abermals ein halbes Jahr auf der Internationalen Raumstation (ISS). Mit 350 Tagen im All halten Sie noch immer den Rekord unter den europäischen Raumfahrern. Wären sie damals auch zum Mars geflogen, wenn es die Möglichkeit gegeben hätte?

Wenn es möglich gewesen wäre, klar, das hätte ich gerne gemacht. Schon als Elfjähriger hat mich die Vorstellung fasziniert, mit eigenen Füßen auf einem anderen Himmelskörper zu stehen. Die Vorstellung ist für mich heute noch genauso faszinierend. Aber natürlich ist eine Reise zum Mars etwas ganz anderes, als ein halbes Jahr im Erdorbit zu sein. Wenn Sie von der Internationalen Raumstation aus dem Fenster schauen, haben Sie immer die Erde vor Augen. Wenn man zum Mars reist, ist man ein ganzes Jahr unterwegs. Man sieht die blaue Erdkugel immer kleiner werden, bis sie als kleiner Punkt ganz verschwindet. Gleichzeitig wird der rote Punkt, der Mars, vor einem immer größer.

Technisch ist die Reise zum Mars eigentlich machbar, oder?

Ja, aber wir könnten nicht schon morgen starten. Es müssen noch einige technologische Voraussetzungen geschaffen werden. Da sind noch Fragen zu klären, zum Beispiel wie man die Astronauten vor kosmischer Strahlung abschirmt, oder wie man die Reisezeit durch bessere Antriebssysteme möglichst kurz hält. Wenn man zum Mars fliegt, hat man Signallaufzeiten von bis zu 25 Minuten. Die Astronauten müssen deshalb wesentlich autonomer arbeiten als auf der Raumstation. Man muss die Lebenserhaltungssysteme so verbessern, dass sie möglichst regenerativ arbeiten, dass also Sauerstoff etwa aus ausgeatmetem Kohlendioxid zurück gewonnen wird. Aber das sind alles keine Dinge, die man nicht bewältigen könnte. Es stellt sich eher die Frage: Wann stellt man die Weichen für eine bemannte Reise zum Mars?

Derzeit sieht es nicht danach aus. Stattdessen wird der Mars im August Besuch von „Curiosity“, einem Rover der Nasa, bekommen.

Wir werden im Europäischen Satellitenkontrollzentrum Esoc in Darmstadt die Mission mit allen Kräften unterstützen, mit unserem Orbiter „Mars Express“, der seit 2003 den Roten Planeten umkreist. An Bord des Satelliten ist eine hochauflösende Kamera, die in den vergangenen Jahren phantastische dreidimensionale Ansichten von der Marsoberfläche geliefert hat. Damit werden wir beispielsweise das Landegebiet fotografieren.

Die Europäische Raumfahrtbehörde Esa plante ursprünglich zusammen mit der Nasa die nächste große Mars-Mission, „ExoMars“, die auf dem Roten Planeten nach Lebensspuren suchen soll. Die Amerikaner sind ausgestiegen. Jetzt will man Russland als Partner gewinnen.

Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos ist sehr interessiert an der Kooperation mit Europa und an der Erforschung des Mars. Russland hat ja in der Vergangenheit mit seinen Mars-Missionen nicht viel Glück gehabt. Zuletzt ist die Sonde Phobos Grunt ausgefallen und Ende Januar in die Erdatmosphäre eingetreten und verglüht. Wir prüfen Möglichkeiten, das ExoMars-Projekt gemeinsam durchzuführen. Hier bietet sich natürlich an, dass Russland die Trägerrakete zur Verfügung stellt. Aber auch von den Erfahrungen der Russen in der Raumfahrt würden wir in Europa natürlich profitieren.

ExoMars besteht ja aus zwei Teilen, einem Orbiter, der 2016 starten soll, und einem Rover, der 2018 zum Mars aufbrechen soll. Kann die Esa die finanzielle Last schultern?

Gegenwärtig hat das ExoMars-Projekt einen Umfang von 850 Millionen Euro. Welche finanzielle Lücke durch den Ausstieg der Nasa entstanden ist, muss noch ermittelt werden. Es ist klar, dass es gerade in Zeiten der Finanzkrise schwierig ist, die Zusatzkosten alleine abzudecken. Ob die 19 Mitgliedstaaten der Esa bereit sind, mehr Geld aufzubringen oder ob man den Umfang von ExoMars reduziert, wird sich im November bei der Ministerratskonferenz entscheiden.

Die Esa blickt auch zum Mond. Dorthin soll ebenfalls eine Mission unternommen werden. Wann will man starten, und warum hat man ausgerechnet den Südpol unseres Trabanten als Ziel gewählt?

Die Mission ist für das Jahr 2018 geplant. Die Polarregion des Mondes ist deshalb so interessant, weil man dort größere Wasservorkommen vermutet. Es gibt Anzeichen dafür, dass es unter der Mondoberfläche Wassereis gibt. Das wollen wir nachweisen. Hinzu kommt, dass die höheren Breitengrade des Mondes geologisch interessanter sind als die äquatorialen Breiten, wo einst die Apollo-Missionen gelandet sind. Bei der Mission Luna Lander geht es auch darum, möglichst weich und präzise innerhalb von 100 Metern um den Landepunkt niederzugehen. Eine sanfte Landetechnik ist die Voraussetzung für weitere Explorationsunternehmungen.

Wird der Luna Lander ein reines Esa-Projekt sein?

Unser Wunsch wäre es auch hier, eng mit Russland zu kooperieren. Wladimir Popowkin, der Leiter von Roskosmos, hat schon mehrfach signalisiert, dass Russland großes Interesse an der Exploration des Mondes hat. Russland plant verschiedene Missionen zum Mond und will Ende dieses Jahrzehnts in der Polarregion Proben entnehmen und diese zur Erde zurückbringen. Auch über die europäische Lunar-Lander-Mission wird auf der Ministerratskonferenz entschieden.

Wird irgendwann ein europäischer Astronaut auf dem Mond landen?

Ich würde es mir wünschen. Die bemannte Raumfahrt ist in Europa jedoch ein schwieriges Thema. Gleichwohl ist auf der Raumstation gegenwärtig einer meiner europäischen Kollegen, der Niederländer André Kuipers. Und im übernächsten Jahr soll wieder ein deutscher Astronaut, Alexander Gerst, ein halbes Jahr dorthin fliegen.

Es gab in den neunziger Jahren die Idee, einen bemannten Raumgleiter zu entwickeln. Was ist daraus geworden?

In Europa denkt man derzeit nicht über eine Wiederaufnahme eines vergleichbaren Programms nach. Obwohl es 2008 Überlegungen gab, den unbemannten Raumfrachter der Esa, das ATV, mit dem wir abwechselnd mit der russischen Progress und dem japanischen HTV mehrere Tonnen Material zur Raumstation befördern können, in eine Rückkehrkapsel umzubauen. Damit wäre es möglich, Nutzlasten nicht nur ins All zu befördern, sondern auch von dort zurück zur Erde zu transportieren. Zwar liegen die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Experimenten auf der ISS in Form von elektronischen Daten vor, die per Funk zur Erde übertragen werden. Hin und wieder muss man aber biologische und anorganische Proben zur Erde zurückbringen. Gegenwärtig kann nur an Bord der russischen Sojus-Kapsel eine kleine Nutzlast von 50 Kilogramm zur Erde befördert werden, zusätzlich mit den drei Menschen, die in die Kapsel passen.

Edoardo Amaldi, das dritte ATV der Esa, ist Ende März zur Raumstation gestartet und wird nach dem Abkoppeln im September im Orbit verglühen. Zwei weitere Raumfrachter sind in Planung. Was kommt nach dem ATV?

Wir wollen die ATV-Technologie weiterentwickeln. Eine Option ist eine Kooperation mit der Nasa, die eine Raumfahrtkapsel entwickelt, mit der Menschen wieder in größere Entfernung zur Erde fliegen können. Das „Multi-Purpose Crew Vehicle“ soll in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts seinen Erstflug unternehmen. Aufgrund der Budgetkürzungen bei der Nasa böte sich hier die Möglichkeit an, basierend auf der ATV-Technologie das Service-Modul zu entwickeln, das das Raumschiff steuern und versorgen könnte. Eine andere Option ist die Entwicklung eines kompletten Raumfahrzeugs, das aber unbemannt wäre. Das „Versatile Autonomous Concept“ könnte im Orbit Satelliten betanken oder in andere Umlaufbahnen befördern. Es könnten damit auch Bodenproben, die vom Mars oder Mond in der Erdumlaufbahn ankommen, zur Erde gebracht werden.

Das Europäische Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt betreibt 15 Satelliten für Erdbeobachtung, Telekommunikation und Navigation. 17 Sonden sollen in den kommenden Jahren ins All befördert werden. Gleichzeitig kreisen rund 6000 Tonnen Weltraumschrott um die Erde. Können Sie den sicheren Betrieb ihrer Satelliten gewährleisten?

Der Schrott ist in der Tat für Satelliten in einer Höhe von 800 bis 1000 Kilometern eine Gefahr geworden. Dort ist die Dichte an Schrottteilchen besonders hoch. Wir müssen unsere Satelliten künftig besser schützen. Selbst kleine Teile, die nur wenige Gramm schwer sind, können bei Relativgeschwindigkeiten von mehr als zehn Kilometern pro Sekunde zu enormen Beschädigungen führen. Unsere Satelliten müssen immer häufiger Ausweichmanöver fliegen, um nicht getroffen zu werden.

Gibt es Ideen, wie man den Schrott beseitigen könnte?

Ein spezielles Vehikel könnte an einen unbrauchbaren Satelliten oder eine ausgebrannte Raketenstufe andocken und die Objekte in eine höhere Umlaufbahn befördern, wo sie ungefährlich sind. Oder sie abbremsen, so dass sie in die Atmosphäre eintreten. Das ist aber nur möglich bei größeren Objekten, deren Position man genau orten kann. Bei kleineren Objekten ist das ungemein schwierig. Man muss deshalb vor allem dafür sorgen, dass in Zukunft erst gar keine Schrottteilchen entstehen.

Wie könnte das geschehen?

Beispielsweise dadurch, dass ein Satellit am Ende seiner Lebensdauer noch genügend Sprit hat, so dass er in die Erdatmosphäre eintreten kann, wo er zum größten Teil verglüht. Ein wichtiger Punkt ist aber, die vorhandenen Schrottteilchen aus dem Orbit zu entfernen.

Dafür brauchte man eine Art Weltraumstaubsauger.

Ja. Weltweit gibt es verschiedene Initiativen, die sich mit diesem Thema befassen. Schließlich wollen wir auch in Zukunft den Erdorbit nutzen. Wir sind mehr von der Raumfahrt abhängig, als es vielen bewusst ist. So sind die Erdbeobachtungssatelliten heute unverzichtbar für die Forschung geworden. Sie liefern Erkenntnisse, wie sich unser Wetter und Klima entwickelt. Auch Telekommunikation und Navigation wären ohne Satellitensysteme nicht denkbar.

Die Fragen stellte Manfred Lindinger.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen