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Thailand Land der gefallenen Engel

11.07.2004 ·  Ausgerechnet Thailand, jahrelang Vorbild in Sachen Aids-Prävention, wird nun mit Versäumnissen konfrontiert. Bis Ende 2006 werden jährlich 50.000 Menschen an Aids sterben, davon mehr als 90 Prozent unter 44 Jahren.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Sein viel zu großer Kopf liegt auf blankem Holz. Sein merkwürdig kleiner Körper bewegt sich nicht. Auch die Mutter sitzt apathisch neben ihrem kaum zweijährigen Sohn. Die dunkle Haut der beiden ist mit weißen Flecken überzogen. "Das kommt vom Abwasser", sagt Nittaya Promphochuenbun und zeigt auf den löchrigen Fußboden. Klong Toey, der größte Slum der thailändischen Hauptstadt, scheint auf einem See zu schwimmen. Schwarz schimmert das schmutzige Wasser zwischen den Balken hindurch. Es stinkt erbärmlich. "Das macht die Menschen auf Dauer krank."

Krank aber macht nicht nur die Kloake, die sich unter den Behausungen sammelt. Viele Bewohner von Klong Toey tragen das HI-Virus in sich, weil sie drogenabhängig sind und ihre Sucht mit Prostitution finanzieren. Vorsichtig geht Nittaya Promphochuenbun von Haus zu Haus, grüßt die Bewohner freundlich, indem sie die Hände wie zum Gebet zusammenlegt. Klong Toey wird von betonierten Pfaden durchzogen, auf denen vor allem Kinder, räudige Katzen und Hunde unterwegs sind. An jeder Ecke wird gebraten und gekocht, gibt es kleine Fleischspieße und Süßigkeiten für ein paar Baht. Musik aus vielen Radios erklingt, in einigen der Wellblechhütten stehen sogar Fernseher. Rund 150.000 Menschen sollen in Klong Toey leben, einige von ihnen schon seit mehr als 50 Jahren.

Aus dem Drogenprojekt wurde ein Aids-Projekt

Nittaya Promphochuenbun wohnt seit 37 Jahren in Klong Toey. Sie erzählt gern von ihrer Familie, von ihren acht Geschwistern und von ihren drei Kindern, die allesamt - wie sie selbst auch - Aktivisten geworden sind und für Nichtregierungsorganisationen arbeiten: "Sie sind dem Beispiel der Mutter gefolgt", sagt sie lachend. Etwa 600 Freiwillige arbeiten heute für Nittaya Promphochuenbun, die sich schon vor zwanzig Jahren der Duang Prateep Foundation angeschlossen hat, einer wohltätigen Organisation, die seit 1978 in Klong Toey tätig ist. Duang Prateep unterhält Kindergärten, geht in Schulen, um über HIV und Aids aufzuklären, verteilt Informationen und Kondome, verhandelt aber auch mit Dealern und Zuhältern, um bessere und vor allem gesündere Arbeitsbedingungen für Mädchen und Frauen auszuhandeln.

Am Anfang ihrer erstaunlichen Karriere hatte Nittaya Promphochuenbun nur das Bedürfnis, den Frauen in Klong Toey zu helfen, die dem Heroin verfallen waren. "Es ist immer die gleiche Geschichte: Die Mädchen lassen sich mit Drogendealern ein, werden abhängig und später zur Prostitution gezwungen." Ende der achtziger Jahre stellte sie fest, daß viele der Frauen auch HIV-positiv waren. So wurde aus dem Drogenprojekt ein Aids-Projekt - eines der ersten in Thailand überhaupt.

Erfolgreich im Kampf gegen Aids

Thailand wurde wie kaum ein anderes Land von Aids heimgesucht, und zwar in zwei großen Infektionswellen innerhalb von nur einem Jahr: Zunächst stieg 1988 schlagartig die Zahl der mit dem HI-Virus infizierten Drogenkonsumenten von beinahe null auf 40 Prozent; nur wenige Monate später erhöhte sich die Zahl der positiv getesteten Prostituierten nicht weniger dramatisch. Thailand gilt aber auch auf der ganzen Welt als Vorbild im Kampf gegen Aids.

Nicht ohne Grund findet in diesem Jahr die fünfzehnte Internationale Aids-Konferenz in Bangkok statt, in einem Land, das aus eigener Kraft die Zahl der Neuinfektionen von etwa 145 000 im Jahr 1991 auf knapp 20 000 verringern konnte. Zudem gelang es Thailand, vor zwei Jahren das preiswerteste Aids-Generikum auf den Markt zu bringen, mit dem seither Zehntausende in Asien und Afrika behandelt werden. In Thailand allein wurden bisher 33 481 Aids-Kranke mit dem Nachahmerpräparat GPOVIR behandelt. Die Therapie kostet monatlich pro Patient nur 1200 Baht, umgerechnet 24 Euro.

Mehr Geld für Prävention gefordert

Die Erwartungen sind also hoch: Schon einmal hatten die Delegierten einer Aids-Konferenz, die gleichfalls nicht wie sonst üblich in Europa oder Nordamerika stattfand, wegweisende Entscheidungen zustande gebracht. Vor vier Jahren verpflichtete sich die Weltgemeinschaft im südafrikanischen Durban, auch den unterentwickelten Staaten Zugang zu Aids-Medikamenten - und sei es nur zu den preiswerteren Generika - zu verschaffen.

Seither wurden Milliarden Euro von zum Teil neu geschaffenen Organisationen (zum Beispiel "The Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria") gesammelt und auch wieder ausgegeben - besonders in Afrika und Asien. Doch gerade in den vergangenen Monaten mußte Thailand Rückschläge und teilweise scharfe Kritik hinnehmen. Erst vor wenigen Tagen haben die Vereinten Nationen die Regierung in Bangkok aufgefordert, mehr Geld für Prävention auszugeben, um die bisherigen Erfolge nicht aufs Spiel zu setzen.

Neuinfektionen bei Frauen steigen

Dabei hatte die Regierung in Bangkok schon 2003 - rechtzeitig vor der Aids-Konferenz - die Mittel wieder erhöht. Rund 1,6 Milliarden Baht (32 Millionen Euro) stehen in diesem Jahr für die Behandlung von Aids-Kranken zur Verfügung, 700 Millionen Baht stammen vom Global Fund. 1997 hatte Thailand fast zwei Milliarden Baht für HIV-Patienten ausgegeben, 2003 - nach der asiatischen Finanzkrise - waren es nur noch eine Milliarde. Gespart wurde vor allem an Prävention und Aufklärung. Dementsprechend steigen die Neuinfektionszahlen gerade bei Jüngeren wieder und besonders bei Frauen.

Lange hat das Land und vor allem die Acht-Millionen-Metropole Bangkok, die "Stadt der Engel", gut mit und von dem Sex-Tourismus gelebt. In den Zeiten von Aids gelang es dann, die Zahl der Besuche bei Prostituierten zu halbieren. Kondome wurden millionenfach verteilt. Dann änderte die Regierung ihre Politik plötzlich wieder. "Erst haben sie uns immer weniger Kondome gegeben, und jetzt wollen sie sogar, daß wir dafür zahlen", sagt Nittaya Promphochuenbun.

Drogenabhängige werden kriminalisiert

Auch Kondomautomaten gibt es kaum in Bangkok: Man fördere damit die Unmoral. Gefördert hat die Regierung vor allem die Rate der Neuinfektionen bei jungen Menschen: Weniger als die Hälfte aller Jugendlichen benutzt heute noch ein Kondom, die Zahl der positiv getesteten Jugendlichen stieg 2002 von elf auf siebzehn Prozent. Ähnlich rückwärtgewandt erscheint der offizielle Umgang mit Nadeln von Drogenkonsumenten. "Duang Prateep hat früher Einmalspritzen verteilt. Das hat man uns aber später verboten, weil wir damit noch zusätzlich den Heroinkonsum erhöhen würden", berichtet Nittaya Promphochuenbun.

Gerade die Drogenpolitik Bangkoks wird heftig kritisiert. Am Donnerstag legte das United Nations Development Programme (UNDP) einen 76 Seiten dicken Bericht vor mit dem Titel: "Thailand's Response to HIV/Aids: Progress and Challenges". Darin wird der thailändischen Regierung unter anderem vorgeworfen, sie kriminalisiere Rauschgiftsüchtige dermaßen, daß diese sich in den Untergrund zurückzögen und damit nicht mehr greifbar und kontrollierbar seien. Tatsächlich waren Ende 2003 nicht nur mehr als 2000 Drogenabhängige auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen (viele wurden offenbar von der Polizei erschossen), auch mittlerweile mehr als zwei Drittel der etwa 220 000 thailändischen Gefängnisinsassen wurden verurteilt, weil sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben sollen. In den Gefängnissen verbreitet sich das HI-Virus besonders schnell, weil immer wieder dieselben Nadeln beim Spritzen von Heroin verwendet werden. Darauf führt das UNDP mittlerweile schon ein Viertel aller Neuinfektionen in Thailand zurück: "Der Anteil könnte in wenigen Jahren auf 40 Prozent steigen."

Jährlich sterben 50.000 Thais an Aids

Ausgerechnet die bestens vorbereitete Aids-Konferenz bringt nun so viele negative Schlagzeilen: Täglich erscheinen neue Statistiken, die belegen, wie viel selbst das große Vorbild Thailand in den vergangenen Jahren versäumt hat. Die aufstrebende Nation mit ihren 60 Millionen Einwohnern und rund 600 000 HIV-Infizierten muß damit zurechtkommen, daß noch bis Ende 2006 jährlich 50 000 Menschen an Aids sterben werden. Mehr als 90 Prozent dieser Toten sind zwischen 20 und 44 Jahren alt. Zugleich hofft die Regierung, bis Ende des Jahres 70 000 Patienten mit Generika versorgen und behandeln zu können.

Doch nicht die Therapie, sondern die Prävention wird nach Meinung von Nittaya Promphochuenbun zuwenig gefördert. "Früher gab es jede Stunde Aids-Aufklärung im Radio und Fernsehen. Und in den Schulen war Aids-Aufklärung sogar Pflichtfach." Da scheint es begrüßenswert, daß während der Aids-Konferenz alle Schüler und Studenten Ferien bekommen haben, um sich informieren zu können - ganz im Sinne des Konferenzmottos "Access for All" (Zugang für alle). Dafür wurde erstmals ein für alle zugängliches "Global Village" auf dem Konferenzgelände eingerichtet, mit Teilnehmern aus aller Welt. So sollen die Jugendlichen denen begegnen, die mit Aids leben. Nittaya Promphochuenbun aber lacht nur und sagt: "Den Zwangsurlaub hat die Regierung unseren Schülern doch nur verordnet, damit während der Konferenz nicht wie sonst immer der gesamte Verkehr in der Stadt zusammenbricht."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2004, Nr. 159 / Seite 9
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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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