06.07.2001 · Computer die Texte vorlesen, auf den ersten Blick eine Anwendung mit großen Marktchancen. Bei näherer Betrachtung wohl eine Idee, die (bislang) keine Flügel hat.
Das Kommunikationsmittel menschliche Sprache ist hoch komplex, seine technische Reproduktion eine Herausforderung für Informatiker und Computerlinguisten. Sprache verstehen und sprechen sind grob gesagt die zwei Seiten des Problems. Spracherkennungssoftware widmet sich der Erkennung und des Verständnisses des gesprochenen Worts. Der anderen Seite gilt die Aufmerksamkeit so genannter Text-to-Speech (TTS) Software, die geschriebene Text in gesprochene Sprache umsetzen will.
TTS Software scheint auf den ersten Blick ein enormes wirtschaftliches Potenzial zu haben: Call-Center, die mit nur sehr wenigen Mitarbeitern betrieben werden, E-Mails, die mir im Auto vorgelesen werden, bevor ich im Büro ankomme, ein Bankservice, der mir meinen Kontostand und die Aktienkurse meines Depots vorließt oder oder oder. Auf den zweiten Blick gibt es aber noch jede Menge Haken.
Noch nicht
„Bislang habe ich noch von keinem signifikanten Durchbruch im TTS-Bereich gehört“, erläutert Frank Schuhardt, Venture Capitalist bei der DVC. Der Kundennutzen, bei qualitativ hochwertigen Systemen, sei zwar erkennbar. So ließen sich gegebenenfalls Call-Center mit minimalem Personalaufwand betreiben und deshalb hätten TTS Systeme eine Zukunft. Die aktuellen Angebote seien jedoch noch zu weit von der tatsächlichen menschlichen Sprache entfernt, um wirklich schon den wirtschaftlichen Druchbruch zu schaffen, meint Schuhardt.
Noch länger nicht
Noch deutlicher wird sein Kollege von Atlas Venture Emil Cete: „Text-to-Speech ist eine interessante Technologie, aber sie funktioniert nicht allein. Und die integrierten Sprachlösungen, die sich verkaufen ließen, brauchen noch bestimmt drei, vier, vielleicht sogar fünf Jahre bis die Qualität aussreicht, um Kunden zu begeistern.“ Die momentane Zurückhaltung vieler potentieller gewerblicher Kunden bei ihren Ausgaben für Informationstechnologien trage auch nicht dazu bei, dass der Markt für TTS Anwendungen zum fliegen komme.
Wahrscheinlich gar nicht
„Ich sehe viel zu wenig sinnvolle Anwendungen im Bereich Text-to-Speech“, ist Jörg Überla von Wellington Partners Venture Capital der Ansicht. Die Crux der TTS Vermarktung sei kein Problem mangelnder technischer Reife, sondern das fehlender Anwendungsmöglichkeiten. In fast allen Fällen, wo man etwa bei Call-Centern wirkliche Standardanfragen bearbeiten will, genügen Bandaufnahmen natürlicher Stimmen oder etwa bei Kursabfragen, bei welchen sich der Kurs laufend ändert, seien Lösungen mit teilsynthetisierten Programmen durchaus ausreichend. Dazu sei es nicht notwendig technisch sehr aufwendige und preisintensive TTS Systeme einzusetzen.